Ein Bronzehaus verbindet Sofia und Wien

    Video1. Juli 2018, 09:00
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    Der österreichisch-bulgarische Künstler Plamen Dejanoff hat im Zentrum von Sofia eine begehbare Bronzeskulptur aufgebaut.

    Häuslbauer wissen das. Es dauert immer länger als geplant, wird stets teurer, kostet noch mehr Nerven als gedacht. Bei diesem Haus ist es nicht anders. Das Fundament ist schon schief, falsch gegossen, abgesackt, was auch immer. "Mindestens ein halber Meter", murmelt Plamen Dejanoff ungläubig und starrt auf die Betonplatte.

    Sein "Bronzehaus" im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt Sofia wird auf einer Messingkonstruktion stehen müssen, um die Unebenheit auszugleichen. Die Arbeiter werden das irgendwie zusammenschweißen, die Krücke und das Haus, und das Loch dann mit Sand und Kies zuscharren. Für einen wie Dejanoff, der gerade ein Lebensprojekt vollendet und Perfektion liebt, ist das ein Albtraum.

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    Plamen Dejanoff erklärt seine Pläne im Video-Interview.

    Tonnenschwere Idee

    Doch dann wiederum ist dieses "Bronzehaus" viel zu wichtig. Für Plamen Dejanoff, den österreichisch-bulgarischen Künstler, der seit einer Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris 2002 an der Idee einer begehbaren Bronzeskulptur arbeitet. Und für die österreichische Diplomatie, die Dejanoffs Haus zum künstlerischen Verbindungsstück für die aufeinanderfolgenden EU-Präsidentschaften beider Länder in diesem Jahr erklärte und das Vorhaben vorangetrieben hat. Aus österreichischer Sicht ist das "Bronzehaus" das größte bilaterale Kulturprojekt der vergangenen Jahrzehnte.

    Eine lange Reihe österreichischer und europäischer Unternehmen sponsert zudem das Millionenprojekt, Stadtrat und Bürgermeisterin in Sofia haben zugestimmt. Sie alle wollen nun das Ergebnis sehen: sieben mal sieben Meter groß, elf Meter hoch, alles in Bronze und tonnenschwer.

    bmeia / aneta genkova
    Die Skulptur "Das Bronzehaus" des österreichisch-bulgarischen Künstlers Plamen Dejanoff ist diese Woche in Sofia fertiggestellt worden. Das begehbare Kunstwerk soll bis Ende dieses Jahres den Sofiotern zu Verfügung stehen. Der Ort des "Bronzehauses" ist politisch sensibel: Der Platz unweit des Amtsitzes von Regierung und Präsident und gegenüber dem einstigen Zarenpalast war bisher leer. Hier stand bis 1999 das Mausoleum des ersten kommunistischen Führers Bulgariens, Georgi Dimitrow.

    Premiere für Bulgarien

    Es ist das erste Manifest zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum in Bulgarien, noch dazu errichtet an einem der sensibelsten Orte des Balkanlands. Dejanoffs "Bronzehaus" steht exakt auf dem Platz des einstigen Mausoleums von Bulgariens erstem kommunistischen Führer Georgi Dimitrow (1946–1949). Ein zähes Erbe.

    Als die bulgarische Armee im August 1999, zehn Jahre nach der Wende, das Mausoleum in die Luft sprengte, scheiterte sie. Das Gebäude knickte ein wenig ein, aber hielt dem Angriff der neuen demokratischen Zeit stand. Erst im zweiten Anlauf brach es zusammen und wurde abgetragen. Dimitrow war bereits 1990 auf dem Zentralfriedhof in Sofia beigesetzt worden. Vier Jahrzehnte lang marschierten Schulklassen und sozialistische Funktionäre an seinem einbalsamierten Leichnam im Mausoleum vorbei. Dejanoffs "Bronzehaus", das diese Woche fertiggestellt wurde, steht nun über dem riesigen Keller des einstigen Grabmals.

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    August 1999: Das Mausoleum, in dem Georgi Dimitrow aufgebahrt war, wird gesprengt. Der Versuch schlägt fehl.

    Zwei Stockwerke Gruselvergangenheit gibt es noch unter der Erde: die Service-Einrichtungen des Mausoleums – den Lift zum Auf- und Abfahren von Dimitrows Leiche, ein Kanapee zum Aufbahren des Leichnams, Tankbehälter für die chemischen Lösungen zur Konservierung. Im zweiten Stock darunter soll ein Tunnel zum ehemaligen Gebäude der kommunistischen Partei Bulgariens führen. Es lag schräg gegenüber dem Mausoleum und beherbergt heute die Verwaltung des Parlaments. Der Platz von Dimitrows einstigem Grabmal aber blieb leer. Er wurde zum "Nicht-Ort", zum Phantomschmerz der bulgarischen Gesellschaft, einem Symbol von Ratlosigkeit, Verdrängen oder auch Klammern an die sozialistische Vergangenheit. Dann kamen Dejanoff und seine Österreicher mit dem "Bronzehaus".

    Skizzen von Le Corbusier

    "Es ist eine Skulptur, die für Bulgarien gedacht ist", sagt Dejanoff, der 1970, noch mitten im Sozialismus, in Weliko Tarnowo geboren wurde, der Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reichs im Mittelalter. Skizzen des französischen Architekten Le Corbusier hatten sein Interesse angeregt. Le Corbusier hatte 1911 eine Balkanreise unternommen und war dabei längere Zeit in Weliko Tarnowo und dem benachbarten, auf einem Plateau gelegenen Dorf Arbanassi geblieben. Die mittelalterlichen Holzhäuser, in Steckbauweise errichtet, die Le Corbusier noch in seinen Skizzenbüchern festhielt, gibt es heute nicht mehr. Ebenso wenig die Bibliothek des Patriarchen von Tarnowo.

    Dejanoff begann mit der Rekonstruktion dieser – wie er es nennt – "verlorenen Räume" zu experimentieren. Das "Bronzehaus" wurde dabei zu seiner Leitidee. Teile dieses Hauses, teure und aufwendig in Gießereien produzierte Steckelemente, die millimetergenau passen müssen, hatte er über die Jahre in Ausstellungen in Europa, Fernost und den USA gezeigt.

    Modern und archaisch

    Bronze sei sein künstlerisches Material geworden, so erklärt er. Weit genug entfernt von der Architektur, dafür aber in einem inspirierenden, nicht genau zuordenbaren Verhältnis von modernem Design und archaischem Erbe. In seiner nunmehr vollen Gestalt in Sofia kann das "Bronzehaus" als Turm, Tor, offenes Haus, als Brücke vom bulgarischen Mittelalter in die Gegenwart, als Auseinandersetzung mit Sozialismus und Konsumdemokratie, aber ebenso als gesamteuropäisches Kunstwerk verstanden werden.

    Die Umsetzung des Projekts in Sofia forderte einiges an Geduld. Eine Stiftung unter Leitung des ehemaligen Mumok-Direktors Edelbert Köb, des Unternehmers Erhart Schöwel und des Anwalts Berhard Hainz war in Bulgarien schon 2010 gegründet worden, um dem Künstler unter die Armee zu greifen. In Sofia löste Dejanoffs "Bronzehaus" im Vorfeld eine kontroverse Debatte aus.

    Einige lokale Künstler sahen sich übergangen. Sozialistischen Politikern war unwohl bei der Vorstellung, dass der Ort von Dimitrows Mausoleum eine moderne Kunstinstallation erhalten sollte. Nationalisten regten an, Dejanoff möge die Namen bulgarischer Zaren auf die Bronzebarren eingravieren. Mitunter wurde auch Enttäuschung laut, dass das Haus nicht nach Gold aussehen werde.

    Monatelange Verschleppung

    Als grundsätzliches Problem erwies sich, dass auf bulgarischer Seite keine Institution vorhanden war, die solche Kunstvorhaben im öffentlichen Raum managen könnte. Das hat neben rechtlichen Fragen und statischen Problemen zur monatelangen Verschleppung des Projekts beigetragen. Eigentlich hätte das "Bronzehaus" in den ersten Monaten der bulgarischen EU-Präsidentschaft stehen sollen.

    Als Alexander Van der Bellen Anfang Mai zu einem offiziellen Besuch nach Sofia kam, ließ Dejanoff provisorisch ein paar Reihen Bronzeplatten zusammenstecken, damit der Bundespräsident und Sofias Bürgermeisterin Jordanka Fandakowa nicht auf einer leeren Betonplatte auf dem Battenberg-Platz stünden.

    Unterstützung vom Stadtrat

    Der Sofioter Stadtrat steht gleichwohl hinter dem "Bronzehaus". Dejanoffs Projekt mache es möglich, den Menschen in der Stadt diesen seit der Wende ungenutzten, "historisch enorm belasteten" Platz zurückzugeben, so erklärt Malina Edrewa, die Vorsitzende des Kultur- und Bildungsausschusses im Stadtrat, eine Politikerin der regierenden Mitte-rechts-Partei Gerb des Premiers Boiko Borissow. Sie verweist auch auf die Idee, den Platz des einstigen Mausoleums und den noch vorhandenen Keller einmal dauerhaft als Kunstraum zu nutzen. Diese Aufgabe soll die Nationalgalerie übernehmen, die direkt gegenüber im alten Zarenpalast untergebracht ist. Im bulgarischen Staatshaushalt sind dieses Jahr immerhin umgerechnet 75 Millionen Euro allein für die Verbreitung moderner Kunst im Land eingeplant. (Markus Bernath, Sofi Tsvetkova, 1.7.2018)

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