Dopamin: Glückshormon lehrt uns auch fürchten

27. Juni 2018, 18:28
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Dopamin kann uns nicht nur Glücksmomente verschaffen. Der Neurotransmitter wird auch zum Abspeichern von Angst genützt

illustration: istockphoto
Ob Glück oder Angst: Dopamin ist, wie man nun weiß, in beiden Fällen mit im Spiel.

Dopamin zählt zu den berühmtesten Botenstoffen im menschlichen Körper, weil es mit Freude, Lust und Glück in Verbindung gebracht wird. Der Volksmund hat den Neurotransmitter kurzerhand zum "Glückshormon" ernannt, "was als Bild eigentlich schief ist", sagt Wulf Haubensak vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Denn Dopamin sorge, genau genommen, nur für den Antrieb zu Aktivitäten, die glücklich machen können. Es verstärkt die Motivation.

Aber es kann noch viel mehr als das: Dopamin wird hauptsächlich von speziellen Neuronen im Mittelhirn gebildet, unter anderem von der sogenannten Schwarzen Substanz (Substantia nigra), und es übernimmt eine zentrale Funktion bei der Steuerung von Muskelbewegungen. Beim Morbus-Parkinson schwinden genau diese Nervenzellen, weshalb Patienten zittern. Man spricht bei der Parkinson-Krankheit auch von der "Schüttellähmung".

Eine dritte Funktion

Ein Team um Haubensak hat nun gemeinsam mit Physiologen der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg eine dritte, bisher völlig unbekannte Funktion von Dopamin entdeckt. Das Gehirn benutzt den Stoff demnach, um "eine mit Angst assoziierte Gedächtnisspur" abzuspeichern, es lehrt uns das Fürchten. Die Wissenschafter konnten die entsprechende Arbeit in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Nature Neuroscience veröffentlichen. Haubensak meint zum STANDARD, dass es vermutlich noch mehr Lernsysteme im Gehirn gibt, die den Botenstoff Dopamin nützen. Er untersucht mit seiner Gruppe vor allem Regelschaltkreise, die emotionales Verhalten steuern. Für das aktuelle Paper, Erstautor ist Florian Grössl aus Haubensaks Gruppe, experimentierten die Wissenschafter mit der Maus.

Die Forscher vermittelten den Nagetieren, dass ein ganz bestimmter Ton immer mit einem sanften Fußschock in Verbindung steht, eine Art Pawlow'sches Experiment. Dabei gelang es jene Regionen im Gehirn genau zu verorten, die bei dem Experiment aktiv waren. Es sind dies Dopamin-Neuronen im Mittelhirn, die zentrales Höhlengrau (engl. "ventral periaquaductal grey", vPAG) genannt werden.

Emotionales Lernen

Dopamin strömt in die Amygdala, dem Zentrum des emotionalen Lernens. Wurden diese Nervenzellen allerdings kurz ausgeschalten, dann reagierten die Mäuse nicht mehr auf den Ton – sie hatten ihre negativen Erfahrungen mit dem Geräusch offenbar vergessen. Eine Überlebensstrategie für Mensch und Tier besteht darin, sich bedrohliche Ereignisse einzuprägen, um ihre Wiederholung zu vermeiden, sie war hier kurz inaktiv.

Natürlich gibt es dieses neu entdeckte Netzwerk auch im Menschen. Fehler darin werden mit dem posttraumatischen Belastungssyndrom (PTSD) in Verbindung gebracht, Patienten mit dieser Erkrankung haben enorme Probleme, wirklich angsteinflößende und völlig normale, eher harmlose Umweltreize zu unterscheiden.

Haubensak meint einschränkend, eine "klinische Anwendung steht derzeit nicht im Raum." Man bräuchte weitere Forschungsarbeiten, um eine Behandlung mit Dopamin-ähnlichen Medikamenten bei PTSD-Patienten überhaupt in Erwägung zu ziehen. (Peter Illetschko, 27.6.2018)

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