Welche Bücher dabei helfen, Boris Beckers Leben besser zu verstehen

    28. Juni 2018, 06:00
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    Boris Becker ging es also nie ums Geld. Die ganze Geschichte um seinen Diplomatenpass ist so kurios, dass es sich lohnt, die Literatur nach fiktiven Vorlagen zu befragen

    Am vergangenen Sonntag saß Boris Becker in der Sendung des renommierten BBC-Journalisten Andrew Marr und sagte einen erstaunlichen Satz: "Es ging nie um Geld." Das heißt, es gab da wohl einige Missverständnisse. Die Anwälte des ehemaligen Tennisspielers hatten nämlich ein Dokument, ausgestellt von der Zentralafrikanischen Republik, geltend gemacht, um in einem laufenden Insolvenzverfahren diplomatische Immunität für Becker zu reklamieren. Seine neue Meldeadresse: die Botschaft der ZR in Brüssel.

    foto: afp/dpa / peter kneffel
    Großes Potenzial für den Schelmenroman: Boris Becker.

    Die erste Ironie bei der Angelegenheit war noch komisch: Becker wurde in dem Pass als "chargé de mission finances" ausgewiesen, also als zuständig für (ausgerechnet!) finanzielle Angelegenheiten. Die zweite Ironie hat allerdings einen harten Kern: Es sieht alles danach aus, als wäre der Diplomatenpass gefälscht, und fraglich ist derzeit vor allem, ob Becker sich dadurch täuschen ließ – oder selbst täuschen wollte.

    Fast zu verrückt, um wahr zu sein

    Die ganze Geschichte hat inzwischen Elemente eines Schelmenromans, sie klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein. Tatsächlich macht es Sinn, die Literatur zurate zu ziehen, um einige Aspekte der Causa Becker besser zu verstehen. Wenn schon seine Anwälte mit Fiktionen arbeiten, antwortet man am besten mit Büchern. Und ist nicht Geld selbst die größte Fiktion, wirksam nur, weil alle daran glauben? Glauben müssen?

    In den Roman Der Geldkomplex (1916) von Fanny von Reventlow würde Becker jedenfalls hervorragend hineinpassen. Eine seltsame Gesellschaft von Menschen im Sanatorium wird da geschildert, im Zentrum steht eine Frau, die in Erwartung eines Vermögens lebt, das wahrscheinlich nie kommt. Ihre Rechnung ist aber schon zu hoch, als dass man sie hinauswerfen könnte, und so lebt sie weiter auf großem Fuß. "Die ganze Atmosphäre hat eine kapitalistische Note bekommen, die ungemein wohltuend ist. Unsere Popularität ist ins Ungeheure gestiegen, weil wir unsere Verluste mit Würde tragen, und wir haben schrankenlosen Kredit. So lässt sich's leben."

    Mit Der Geldkomplex wurde im Grunde Thomas Manns Der Zauberberg vorweggenommen, allerdings so, als hätte Reventlow die Inflationen nach dem Ersten Weltkrieg bereits geahnt. In einer Welt ohne Grundlagen nimmt das Geld geradezu persönliche Züge an, "es benimmt sich ironisch" und schlägt allen ständig ein Schnippchen. In dieser Situation gewinnen die Hochstapler, die glaubwürdig so tun, als hätten sie Geld, wobei das hier ganz ohne die Kunst von Anwälten gelingt.

    Dubioses aus Afrika

    Die Geschichte mit Boris Becker hat jedoch eine Kehrseite. Er hat sich eines der ärmsten Länder der Welt für seine Flucht ins Diplomatische ausgesucht, oder – so seine Version – er wurde ausgerechnet von der Zentralafrikanischen Republik, einem "scheiternden Staat", zum Emissär ernannt. Wie es dort wirklich zugeht, kann man etwa in den großartigen Dokumentarfilmen Heidi Specognas sehen – für Cahier Africain erhielt sie 2017 einen Deutschen Filmpreis.

    Für die Zwecke einer literarischen Doppelbelichtung der Causa Becker wird man sich aber besser an Eric Ambler halten. Der britische Thrillerautor hat vor allem in einem Roman geschildert, wie sich im Herzen Afrikas die geschäftlichen Interessen ein Stelldichein geben: Schmutzige Geschichte erschien 1967, also in einer Zeit, als man von seltenen Erden und Handy-Innereien noch nichts wusste. Die einschlägigen Abbauverhältnisse waren aber alle schon etabliert. Ambler ist ein großer Übertreibungskünstler mit einer im besten Sinn sparsamen Prosa, und er führt mitten hinein in die Welt, in der Boris Becker nun auch aufgeschlagen ist.

    Von einem Pass zum nächsten

    Der Held stolpert gewissermaßen von einem provisorischen Pass zum nächsten, bald drohen ihm die Länder auszugehen, die für seine dubiosen Geschäfte noch Legitimationsdokumente ausstellen. Aus einem Rohstoffkrieg, der heutige afrikanische Gräuel nur in literarischer Zuspitzung andeutet, findet dieser Schelm wieder heraus, um sich auf ein Geschäft mit damals noch sicherer Zukunftsperspektive zu verlegen: Er handelt nun selbst mit Pässen. An Amblers Figur mag man vielleicht bei dem geheimnisvollen Dr. Welk denken, von dem Boris Becker seinen Diplomatenpass (oder zumindest die einschlägigen Kontakte dafür) bekommen haben soll.

    Wer mit Fanny von Reventlow und Eric Ambler im Kopf in den nächsten Tagen die Nachrichten über den weiteren Verlauf der Affäre verfolgt, ist für alle Volten gewappnet. Auch für die, dass es nie um Geld geht, wenn es um Geld geht. (Bert Rebhandl, 28.6.2018)

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