Noch geheime Grasser-Mails

Kolumne27. Juni 2018, 22:02
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Über den Inhalt der Mails des ehemaligen Finanzministers kann man derzeit nur spekulieren

Seit der Vorwoche wissen wir, dass es einem nicht nur passieren kann, den Wald vor lauter Bäumen zu übersehen, sondern auch, vor lauter Unschuldsbewusstsein die Chance auf einen sicheren Freispruch nicht wahrzunehmen. Vorgeführt hat uns das Karl-Heinz Grasser, der vor Gericht geradezu beiläufig einen sensationellen Sachverhalt offenbarte, dessen Konsequenzen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in sich zusammenbrechen lassen könnten.

Auf die Frage, warum an ihn adressierte Mails an Walter Meischberger geschickt wurden, erklärte der ehemalige Finanzminister, er hätte in seiner Amtszeit "kein eigenes Mail gehabt", da ihm "die Zeit gefehlt hat, privat Mails zu senden oder zu lesen". Wie viele entlastende Mails haben ihn wohl deshalb nie erreicht? Und sind sie für immer verloren, oder werden sie noch rechtzeitig auftauchen? Über ihren Inhalt kann man derzeit nur spekulieren. Zum Beispiel so:

Mail von Marina Giori- Lhota: "Lieber Schwiegersohn, ich möchte Dir oder meiner Tochter oder Euren Kindern 500.000 Euro schenken. Oder auch nicht und stattdessen Dein Talent als Geldanleger testen. Fix ist nur, dass ich das Geld nicht überweisen kann, da ich schon viel älter bin, als ich aussehe, und daher leider nicht auf die Bank gehen oder mir die Öffnungszeiten vom Internet in der Schweiz merken kann."

Mail von PayPal-Kartenservice: "Sehr geehrter Kunde, wir haben Ihnen leider eine fehlerhafte Kreditkarte ausgehändigt. Dieses Modell geht immer wieder ohne ihren Besitzer selbstständig auf Reisen und bucht eigenmächtig Flüge. Auch das Modell Ihrer Gattin ist schadhaft. Es funktioniert so gut wie nie, weshalb Sie sicherheitshalber von ihr regelmäßig Bargeld einfordern sollten, um sich schadlos zu halten."

"Höchstwerte im Bereich Schönheit"

Mail von Madame Nostradamia, Graphologie-Energetikerin: "Geschätzter Herr Minister, die von Ihnen beauftragte Analyse Ihrer Handschrift ergibt nicht nur Höchstwerte im Bereich Jugend, Intelligenz und Schönheit, sondern deutet auch auf eine drohende Gefahr in Form neiderfüllter Intrigen gegen Sie hin. Als Abwehrmaßnahme empfehle ich eine Veränderung Ihrer Unterschrift, die Sie unbedingt gewissenhaft einüben sollten."

Mail von Prof. Anton Zeilinger: "Sehr geehrter Herr Grasser, im Zuge unserer Experimente im Bereich Quantenverschränkung haben meine Studenten unlängst irrtümlich mehrere Teleportationen von einem zufällig ausgewählten Konto in Liechtenstein zu Ihrem Privatkonto ausgelöst. Ich hoffe, Ihnen sind dadurch keine Unannehmlichkeiten entstanden."

Mail von Fiona Pacifico-Griffini-Grasser: "Liebling, Du wirst nicht glauben, was mir passiert ist. Als gestern beim Ohrringe-Kaufen wieder einmal meine Kreditkarte versagt hat, habe ich zum Verkäufer gesagt, er soll die Rechnung einfach bei irgendeiner Briefkastenfirma in Belize abbuchen. Und stell Dir vor: Es hat funktioniert!"

Mehrere Mails von Goldman Sachs, Weltbank, IWF und diversen anderen: "Lieber Karl-Heinz! Wir haben Deine Fotos in 'Vanity Fair' gesehen und finden die total cool und ur-super! Wir möchten Dich zu unserem Chef machen! Bitte um dringenden Rückruf!!!" (Florian Scheuba, 27.6.2018)

Weitere Kommentare von Florian Scheuba lesen Sie hier.

  • Karl-Heinz Grassers "Homepage" hatte laut Internetarchiv einen "Kontakt"-Button.
    foto: apa/barbara gindl

    Karl-Heinz Grassers "Homepage" hatte laut Internetarchiv einen "Kontakt"-Button.

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