Argentinien hat gekämpft, bleibt – Island hat gekämpft, fährt nach Hause

26. Juni 2018, 22:33
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Lionel Messis Albiceleste stand am Rande des Ausscheidens, bezwang Nigeria aber dank eines späten Treffers. Das Finale von Gruppe D lieferte Hochspannung, Elfmeterdiskussionen und mit Frankreich vs. Argentinien den ersten Achtelfinal-Kracher. Kroatien trifft auf Dänemark

St. Petersburg / Rostow – Ob Diego Maradona seinen Wunsch, mit Argentiniens Spielern zu sprechen, als Drohung oder als ehrliches Anliegen formuliert hat: geschenkt. Künstlich motiviert mussten Lionel Messi und Nebendarsteller gewiss nicht werden. Die Ausgangslage war in Zeiten metaphysischer Fair-Play-Rechnungen relativ simpel: Argentinien musste Nigeria schlagen und, falls Island Kroatiens B-Elf bezwingen würde, mit einem höheren Ergebnis als die Wikinger gewinnen. Maradona, der Drohende, gab sich auf der VIP-Tribüne wie so oft dem Glanz seiner Prominenz hin. Ein Begleiter hielt die Kickerlegende fest, als diese vor einem niedrigen Plexiglas jubelte: Er traute Maradona offenbar kein Balancegefühl mehr zu.

Alsdann, Anstoß, argentinische Fehlpässe. Chance Nummer eins: Éver Banega schickte Nicolás Tagliafico, dem rutschte der Ball beim Schuss über den Rist (8.). Mascherano leistete sich einen gefährlichen Fehlpass, besserte das mit einem beherzten Tackling gegen Kelechi Iheanacho aus.

Traumtor Messi

Keine Viertelstunde war in St. Petersburg vorbei, da spielte Éver Banega von der Mittellinie einen Steilpass zum Vergolden, Einrahmen und Aufhängen. Messi nahm den Ball mit identer Qualität mit – Oberschenkel, Fußspitze, dazwischen kein Bodenkontakt – und bezwang Nigeria-Goalie Francis Uzoho. 1:0 (14.). Banega blieb seiner Steilpasskunst treu, belieferte Angel Di Maria perfekt, der wurde kurz vor dem Strafraum von Leon Balogun gefoult – Gelb, Freistoß. Messi zirkelte den auf das Torwarteck, traf die Stange (34.).

Dann begann die Zeit der Elfmeterdiskussionen. Innenverteidiger Marcos Rojo klärte eine Flanke riskant, sein Fuß war weit oben, traf nach dem Ball auch Iheanachos Kopf. Weder Schiedsrichter Cüneyt noch der VAR griffen ein.

Nigeria bekam den entgangenen Elfmeter quasi nachgeliefert, Çakir zeigte wegen eines Allerweltsvergehens Mascheranos an Balogun auf den Punkt. Victor Moses verwertete tiefenentspannt (50.). Di Maria wollte dem türkischen Referee per Schwalbe einen Kompensationselfer entlocken, das misslang.

Argentinien war also wieder unter Zugzwang, die Offensivbemühungen der Albiceleste blieben lange Zeit uninspiriert. Eine Viertelstunde vor Schluss war wieder der Schiedsrichter im Mittelpunkt, Rojo hatte seinen eigenen Arm im Strafraum angeköpfelt. Çakir sah sich die Szene am Bildschirm an und entschied gegen Elfmeter.

Späte Wende

Spät, aber doch kam das Aufbäumen, Higuain schoss aus zwölf Metern drüber, Maradona verzog das Gesicht – hätte das er wohl auch im stocknüchternen Zustand getan? Odion Ighalo vergab Nigerias Matchball, scheiterte alleine vor Armani. Oghenekaro Etebo setzte einen Freistoß ins Außennetz. Es war Feuer in der Partie.

Und dann Argentinien: Maximiliano Meza flankte von rechts auf den Elfmeterpunkt, Rojo traf volley zum 2:1 (86.). Maradona präsentierte auf der Tribüne seine Mittelfinger. Das wird die "Super Eagles" nicht beeinflusst haben, sie kamen trotzdem zu keiner Chance mehr. Da Kroatien zeitgleich seine Pflicht tat, fordert Argentinien am Samstag im Achtelfinale Frankreich. Kroatien trifft auf Dänemark.

Kroatien B im Schongang

Im Schongang zum Gruppensieg, das war der Plan, den Coach Zlatko Dalić für Kroatien ausgearbeitet hatte. Dafür bediente er sich aus der Tiefe des Kaders, schickte den verstärkten zweiten Anzug gegen Island. Auch Salzburgs Duje Ćaleta-Car kam zu seiner Chance. Angeführt von Kapitän Luca Modrić kontrollierten die Kroaten den Gegner, von den Feurigen war aber wenig zu sehen. Allein Birkir Bjarnason holte sich einem Zweikampf eine blutige Nase an Marko Pjacas Ellenbogen. Dafür gab es nur Gelb.

Erst spät entsannen sich die Isländer ihres Qualifikationssieges gegen die Kroaten (1:0 in Reykjavík), versuchten also das Kunststück zu wiederholen. Erst schoss Alfred Finnbogason (40.) völlig unbedrängt aus zehn Metern am Tor vorbei, in der Nachspielzeit der ersten Hälfte rettete dann Ersatzgoalie Lovre Kalinić mit einer Parade gegen Aron Gunnarsson das torlose Unentschieden in die Kabine.

Die Isländer versuchten den Elan über die Pause zu retten, doch nach und nach übernahm Kroatien wieder das Kommando. Ein Lattenschuss von Modrić kündete von kommendem Unheil (51.), nur zwei Minuten später war es um den isländischen Achtelfinaltraum praktisch geschehen. Nach einem von Ragnar Sigurdsson abgefälschten Pass von Josip Pivarić netzte Milan Badelj zur Führung für den Favoriten. Die Isländer steckten deshalb nicht auf, Sverrir Ingason fand zwei Chancen per Kopf vor, erst hielt Kalinić, dann ging der Ball an die Latte (56.). Die Bemühungen wurden aber belohnt, als Lovren den Ball im Strafraum mit der Hand berührte. Gylfi Sigurdsson verwertete den fälligen Elfer zum Ausgleich (76.). Doch Ivan Perišić zerstörte in der 90. Minute noch die letzten Hoffnungen. (Martin Schauhuber, Sigi Lützow, 26.6.2018)

Fußball-WM in Russland, Gruppe D, 3. Runde:

  • Nigeria – Argentinien 1:2 (0:1). St. Petersburg, St.-Petersburg-Stadion, 64.468 (ausverkauft), SR Cakir (TUR)

Tore:
0:1 (14.) Messi
1:1 (51.) Moses (Foul-Elfer)
1:2 (86.) Rojo

Nigeria: Uzoho – Balogun, Ekong, Omeruo (90. Iwobi) – Moses, Etebo, Mikel, Ndidi, Idowu – Musa (92. Nwankwo), Iheanacho (46. Ighalo)

Argentinien: Armani – Mercado, Otamendi, Rojo, Tagliafico (80. Aguero) – Perez (61. Pavon), Mascherano, Banega – Messi, Higuain, Di Maria (72. Meza)

Gelbe Karten: Balogun, Mikel bzw. Mascherano, Banega, Messi

  • Island – Kroatien 1:2 (0:0). Rostow am Don, Rostow-Arena, SR Mateu (ESP).

Tor:
0:1 (53.) Badelj
1:1 (76.) Sigurdsson (Elfmeter)
1:2 (90.) Perisic

Island: Halldorsson – Saevarsson, Ingason, Sigurdsson, Magnusson – Gunnarsson, Hallfredsson – J. Gudmundsson, Sigurdsson (71. Sigurdarson), Bjarnason (90. Traustason) – Finnbogason (85. A. Gudmundsson)

Kroatien: Kalinic – Jedvaj, Corluka, Caleta-Car, Pivaric – Modric (65. Bradaric), Badelj – Pjaca (70. Lovren), Kovacic (81. Rakitic), Perisic – Kramaric

Gelbe Karten: Hallfredsson, Finnbogason, Saevarsson bzw. Pjaca, Jedvaj

Stimmen:

Gernot Rohr (Teamchef Nigeria): "Ich bin sehr zufrieden mit der zweiten Hälfte. Ich kann meiner jungen Mannschaft nichts vorwerfen. Am Ende haben uns ein paar Minuten gefehlt. Für uns waren alle Spiele Auswärtsspiele. Die Fans waren immer auf der Seite des Gegners. Ich möchte mich bei all unseren Fans bedanken, die die weite Reise auf sich genommen haben. Es kommt nicht auf die Anzahl, sondern die Qualität an. Wir haben die besten Fans. Ich möchte mit diesem Team weiter machen. Es ist ein junges Team, das viel Zukunft hat"

Jorge Sampaoli (Teamchef Argentinien): "Wir hatten einen guten Plan. Wir sind besser als Nigeria und haben das in der ersten Hälfte auch gezeigt. Wir sind sehr glücklich, dass wir das bessere Ende für uns hatten. Ich denke, dass der Sieg heute über den Kampf zustande gekommen ist. Meine Spieler haben gegen einen sehr starken Gegner gezeigt, was sie können. Wir haben bis zum Schluss gekämpft und alles gegeben. Das wichtigste am heutigen Abend war, dass die Spieler bis zum Schluss mutig gespielt und an die Chance geglaubt haben."

Lionel Messi (Torschütze zum 1:0): "Ich wusste, dass Gott mit uns ist und uns nicht verlassen würde. Wir waren zuversichtlich, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Es ist wunderbar, es auf diese Weise gewonnen zu haben. Es ist eine wohlverdiente Freude. Es war ein sehr hartes Spiel. Wir haben die erste Hälfte kontrolliert. Aus einem Elfmeter haben sie ausgeglichen, zum Glück haben wir Ende noch getroffen. Wir haben Frankreich genau beobachtet. Sie haben individuelle Klasse auf jeder Position. Sie haben viele Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Aber wir wissen, was wir zu tun haben."

Heimir Hallgrimsson (Teamchef Island): "Zunächst möchte ich Kroatien zum Sieg gratulieren. Es ist beeindruckend, wie sie bis jetzt und heute aufgetreten sind. Es würde mich nicht wundern, wenn sie bis zum Schluss durchziehen. Ich bin mit der ersten Hälfte ganz zufrieden. Wir haben noch nicht viele Spiele auf diesem Niveau gehabt, in denen wir so viele Chancen wie heute gehabt haben. Ich bin mit der Leistung und vor allem der Mentalität meiner Mannschaft sehr zufrieden. Wir haben bis zum Ende alles gegeben. Wir haben gezeigt, aus welchem Holz wir geschnitzt sind. Natürlich sind wir alle enttäuscht, aber ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Wir haben gezeigt, das wir zu Recht bei diesem Turnier dabei waren."

Zlatko Dalić (Teamchef Kroatien): "Wir haben gewusst, dass es ein schweres Spiel wird. Ich kann Island nur gratulieren. Sie haben sehr wichtige Attribute im Fußball gezeigt: Disziplin, Taktik, physische Stärke. Wir haben drei Punkte, das war das Ziel. Ich muss meiner Mannschaft gratulieren. Alles andere als ein Sieg wäre nicht zufriedenstellend gewesen. Island hat gut gespielt, aber wir haben unsere Sache auch sehr gut gemacht. Das ist für mich das Wichtigste."

Milan Badelj (Torschütze zum 1:0): "Wir glauben an unsere Stärke und werden unseren Weg machen. Wir haben mit einer veränderten Mannschaft gewonnen. Das beweist, wie stark unser Kader ist. Darauf können wir stolz sein."

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  • Die Albiceleste bei der Bildung einer Jubeltraube.
    foto: apa/afp/kirill kudryavtsev

    Die Albiceleste bei der Bildung einer Jubeltraube.

  • Marcos Rojo (links) ersparte Lionel Messi (Mitte) ein bitteres Ausscheiden, dafür gibt es dann auch eine Umarmung vom Chef. Cristian Pavon (rechts) und die gesammelte Ersatzbank feierten mit.
    foto: reuters/jorge silva

    Marcos Rojo (links) ersparte Lionel Messi (Mitte) ein bitteres Ausscheiden, dafür gibt es dann auch eine Umarmung vom Chef. Cristian Pavon (rechts) und die gesammelte Ersatzbank feierten mit.

  • Johan Gudmundsson und Rurik Gislason (rechts) müssen zurück auf die Insel.
    foto: ap/natacha pisarenko

    Johan Gudmundsson und Rurik Gislason (rechts) müssen zurück auf die Insel.

  • Spät, aber doch entschied Ivan Perisić die Partie zugunsten Kroatiens.
    foto: apa/afp/joe klamar

    Spät, aber doch entschied Ivan Perisić die Partie zugunsten Kroatiens.

  • Ganz Zagreb war aus dem Häuschen.
    foto: apa/afp/denis lovrovic

    Ganz Zagreb war aus dem Häuschen.

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