Ruzicka-Oper "Benjamin": Im Gegenwind der Barbarei

26. Juni 2018, 17:11
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Peter Ruzickas neue Oper wurde an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt

In Österreich kennt man Peter Ruzicka vor allem via Salzburg. Von 2001 bis 2006 war er ein ambitionierter Intendant der großen Sommerfestspiele. Seit 2015 bestimmt er die künstlerischen Geschicke der kleineren Osterfestspiele. Vor allem und im Herzen ist der 69jährige aber Künstler. Dirigent und Komponist. Auch in der Königsdisziplin: in Hamburg hat er jetzt seine dritte Oper vorgestellt – "Benjamin". Nur der Name. Wie schon bei Celan und Hölderlin.

Die erste über Paul Celan wurde 2001 in Dresden, die zweite über Friedrich Hölderlin 2008 in Berlin uraufgeführt. Seine jüngste über Walter Benjamin kam jetzt in der Hamburger Staatsoper heraus. Mit dem Komponisten am Pult des Philharmonischen Staatsorchester. Ein Heimspiel – denn hier war Ruzcika von 1988-1997 der Chef des Hauses. Das Libretto zu diesem 90 minütigen "Musiktheater in sieben Stationen" stammt von Yoga Kim. Die Südkoreanerin, die in Wien u.a. Literatur und Theaterwissenschaft studiert und promoviert hat, führte dabei selbst Regie. Die oft beschworene Werktreue der Uraufführungsinszenierung war damit also gleich zweifach garantiert.

Walter Benjamin (1892-1940) gilt heute als einer der wichtigen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Seit 1933 ins Exil nach Paris vertrieben, setzte er auf der Flucht vor den Nazis am 26. September 1940 an der Grenze zu Spanien seinem Leben selbst ein Ende.

Sprünge und Assoziationen

Die Text bietet keine Handlung im klassischen Sinne. Es ist eine Collage, die mit Sprüngen arbeitet und auf Assoziationen setzt. Das Personal um den Titelhelden wird dabei zum Stichwortzettel:

Der jüdische Freund und Kabbala-Forscher Gershom Scholem (Tigran Martirossian), dem er nach Palästina folgen soll. Die Lebensfreundin Hannah Ahrendt (Dorottya Láng), die – um seine Sicherheit besorgt – zum Exil rät. Der geistige Sparrings- und Schachpartner Bertolt Brecht (Andreas Conrad), der ihn mit seiner kommunistischen Rhetorik geistig herausfordert. Und dann die Ehefrau Dora Kellner (Marta Swirderska) sowie die lettische Geliebte Asja Lacis (Lini Gong), die ihm zum Kommunismus verführen will. Mit Koloraturen und glitzernder Uniform.

Bei Ruzicka behalten diese historischen Vorbilder ihren Vornamen und lediglich den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens. Dietrich Henschel ist Walter B. und steht mit allen mehr oder weniger intensiv im Austausch. Vor allem aber mit sich selbst bzw. seinem Schauspieler Alter Ego Günter Schaupp.

Großformatige Musik

Ruzickas Musik ist großformatig und das Orchester entsprechend groß besetzt. Es wird sogar noch durch zugespieltes Schlagwerk aus einem separaten Raum verstärkt. Die Musik lässt Platz für gesprochenen Textsequenzen, liefert maßgeschneiderte Parlando-Eloquenz und weitet sich schließlich zu monumentaler Größe. In den Orchesterpassagen entwickelt sie einen enormen Sog und zelebriert die große post-spätromantische Geste.

Sie schafft eine Atmosphäre der Vorahnung, der elementaren Gefährdung. Zum Höhepunkt wird die fünfte Station, bei der sich Ruzicka auf seinen "Celan" bezieht und der deutlich aufgerüstete, einhundertköpfige Chor einen gewaltigen Jerusalem Aufschrei zelebriert.

Heike Scheele hat einen Raum wie das Jahrhundert gebaut. Ererbte Pracht, deren Wände verwittert und deren verglaste Decke zerstört ist. Mit Bücherrealen. Hinter der Rückwand scheint gelegentlich der Chor auf einer Tribüne durch. Davor bewegen sich Menschen wie auf der Durchreise. Mit Koffern, die einmal auch allein auf der Bühne zurückbleiben. Mit allen metaphorischen Konsequenzen, die das hat. Manchmal bilden sie auch "nur" ein Tableau – etwa von Figuren, die wie von Dix inspiriert (Kostüme: Falk Bauer) die Zwanziger Jahre illustrieren sollen. Die Inszenierung bebildert nicht chronologisch biographisch, sie öffnet Assoziationsräume für ein Jahrhundert als Altptraum. In Hamburg waren sich offensichtlich alle Beteiligten bewusst, was sie taten und lieferten die Spitzenqualität, die neue Werke auf ihrem Weg brauchen.

Am Ende bleibt ein Knabe allein zurück. Vielleicht der junge Benjamin? Ein großartiger Abend, der nachwirkt. (Joachim Lange, 26.6.2018)

  • Dietrich Henschel (vorne) und Günter Schaupp (hinten) in "Benjamin".
    foto: bernd uhlig

    Dietrich Henschel (vorne) und Günter Schaupp (hinten) in "Benjamin".

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