2015-Trauma-Show als Probe zur Abwehr von Flüchtlingen an Österreichs Grenze

Reportage mit Video26. Juni 2018, 17:06
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Mit 500 Polizisten und 220 Soldaten ließen die Minister Kickl und Kunasek den Grenzschutz nachspielen

Viele gähnen. Es ist fünf vor acht in der Früh – manche Journalisten sind noch nicht einmal im Zelt herinnen, aber der Innenminister will offenbar zeigen, was Pünktlichkeit und Ordnung bedeuten. Herbert Kickl (FPÖ), diesmal in Jeans und mit aufgeregtem Blick, verkündet, es ginge darum, ein "klares Signal in die Welt zu senden". "Wir haben noch die Bilder aus 2015 in Erinnerung", meint er und beschwört sie mit diesem Satz wieder herauf.

Sie seien nicht nur dramatisch, sondern auch traumatisch gewesen, erklärt er und meint damit sicher nicht die Kriegstraumata, die manche der Flüchtlinge aus dem Syrien-Krieg mitgenommen haben, sondern er meint das angebliche "Trauma", das die Österreicher erlitten, als im Herbst 2015 "zigtausende Fremde in Kolonnen auf unsere Grenze zu" kamen.

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In Spielfeld marschierten die Einsatzkräfte auf.

Diese Fremden hätten damals nicht "haltgemacht", sie seien "durchgewunken" worden. Dies habe das Gefühl einer gewissen Ohnmacht in der Bevölkerung erzeugt. Die politisch Verantwortlichen hätten damals "gesetzlose Zustände" zugelassen. Das dürfe "nie mehr wieder" passieren.

Das neue "Nie mehr wieder"

Das neue "Nie mehr wieder" in der neuen österreichischen Geschichtsschreibung unter Türkis-Blau ist also der Herbst 2015 – dieser wird als Inbegriff der Bedrohung dargestellt, als etwas, was man zukünftig bekämpfen soll, als historisches Datum, an das man erinnern muss, weil es nicht vergessen werden soll. Deshalb wird an diesem sonnigen Tag an der südsteirischen Grenze auch nicht Backhendl mit Grünem Veltliner gejausnet, sondern geübt, wie man verhindern kann, dass "Fremde" eine Grenze überrennen. "Fremde" ist wohl das meistverwendete Wort an diesem Morgen.

Die Veranstaltung heißt "Pro Borders" und offenbart ausgerechnet an der historisch grünen Grenze zu Slowenien, wie die FPÖ tickt: Das Nationalstaatliche steht im Vordergrund, dem Gemeinsamen wird nicht getraut.

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Hundertschaften von Polizei und Bundesheer übten am Dienstag am Grenzübergang Spielfeld, wie ein Ansturm von Flüchtlingen zu bewältigen ist.

Dabei porträtiert Kickl die Aktion, an der etwa 500 Polizisten und 220 Soldaten teilnahmen, als eine Übung, die das Vertrauen stärken soll. Offensichtlich soll sie eine kollektive psychotherapeutische Behandlung sein, damit sich die Österreicher von ihrem Schrecken erholen. Mit dem 26. Juni 2018 soll der 21. Oktober 2015 überdeckt werden, der Tag, an dem die Absperrungen aufgemacht wurden, weil der Druck der Migranten so stark geworden war. FPÖ-Verteidigungsminister Mario Kunasek bezeichnet das Geschehen von damals als "Grenzsturm".

Presse- statt Flüchtlingszelt

Doch obwohl die Polizei in Spielfeld die Fähigkeit demonstriert, künftig mit einem massenhaften Zustrom von Migranten professionell umgehen zu können, wird man in dem ehemaligen Flüchtlingszelt, das nun zum Pressezentrum umfunktioniert wurde, nicht wirklich beruhigt. Wer tatsächlich Ängste abbauen wollen würde, könnte etwa die – für den Steuerzahler teuren – symbolträchtigen Zelte und Zäune abbauen, die man seit dem Frühjahr 2016 hier nicht mehr braucht.

foto: apa/afp/rene gomolj
Statisten stellten die Flüchtlinge an der Grenze dar.

Es bleibt also unklar, ob die Traumaverarbeitungsshow in den südsteirischen Weinbergen nicht eher die diffuse Furcht der Bürger bestärkt. Denn hier wird nicht suggeriert: Das Schockierende ist vorüber, sondern: Es kann jederzeit wiederkehren. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP), der sich offiziell der katholischen "Soziallehre" verpflichtet fühlt, drückt das so aus: "Die Welt ist ein einziger Krisenherd geworden. Wir müssen vorbereitet sein. Die Dinge haben sich nicht geändert, weil sich die Welt nicht geändert hat."

Schützenhöfer ist offensichtlich selbst ein bisschen "traumatisiert". Er erzählt, dass er während der Flüchtlingskrise zeitweise gar nicht in die Zelte hineingehen durfte, weil das zu gefährlich gewesen sei. Jedenfalls seien nicht nur Kriegsflüchtlinge gekommen.

foto: apa/roland schlager
Verteidigungsminister Mario Kunasek und Innenminister Herbert Kickl (beide FPÖ) gaben sich im Grenzort die Hände.

Auf der slowenischen Seite schüttelt man über die österreichische Veranstaltung den Kopf: Eine Kooperation schien dem Innenministerium in Ljubljana vor allem deshalb nicht sinnvoll zu sein, weil es keinerlei Anzeichen gibt, dass so etwas wie 2015 wieder stattfinden könnte – schließlich gibt es keinen offenen Flüchtlingskorridor mehr. Und heuer wurden nur 15 Personen, die von Slowenien aus illegal die Grenze überquerten, zurückgeschickt. In Slowenien unterstützt man europäische Lösungen. Manche hier nennen die Show sogar "gruselig".

"Wenigstens schminken"

Der Aufführungsort inmitten der Hügel mit den Weinstöcken ist allerdings ganz hübsch. Die Bundesstraße wurde zu einem Freilufttheater umfunktioniert – im Polizeisprech heißt das "Aktionsraum". Politiker und Polizisten sitzen auf der Bühne wie im Amphitheater, nebenan stehen die Journalisten. Sogar ein kleines Zollhäuschen wurde aufgebaut. Daran bewegen sich Menschen mit bunten Rucksäcken vorbei – sie spielen Migranten. "Die hätten sie wenigstens schminken können", sagt einer der Journalisten enttäuscht, als er eine blonde Frau mit Pferdeschwanz sieht.

foto: reuters/lisi niesner
Mit schwerem Gerät soll gegen die Migranten vorgegangen werden – so sie denn kommen.

Aus dem Lautsprecher in Richtung Migrantenschauspieler tönt es: "Sie befinden sich am Grenzübergang zwischen Österreich und Slowenien. Bitte bewahren Sie Ruhe." Einer der Beobachter meint trocken. "Die verstehen ja kein Deutsch!" Offensichtlich wird Theater und Realität hier doch ein bisschen vermischt.

"Lasst uns rein!"

Es kommen immer mehr Migrantenschauspieler herbei, sie reißen an den Absperrungen, sie ballen die Fäuste, sie machen Lärm und rufen: "Lasst uns rein!" Die Polizeieinheiten rücken an, sie demonstrieren, wie man die Leute zum Warten bringt, damit sie geordnet in die "Registrierstraße" gelangen. Auch ein Pandur-Radpanzer mit Schwenkflügelgitter kommt zum Einsatz.

foto: apa/roland schlager
An der Grenze war zum ersten Mal die neu gegründete "Puma"-Polizeieinheit im Einsatz.

Die Grenzschutzbeamten tragen blaue Mützen und einen blauen Panther an ihrem Oberarm. Kickl meint, die "sprungbereite Großkatze" sei ein Symbol für die Flexibilität der neuen Truppe. Hubschrauber kreisen über Spielfeld, sie sollen zeigen, dass innerhalb einer Stunde weitere Polizisten aus Wien hierhergebracht werden können.

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Polizei und Bundesheer haben die Abwehr von Flüchtlingen simuliert. Herbert Kickl (FPÖ) will mit der Übung demonstrieren, dass der Staat handlungsfähig.

Während Kickl sagt, es gebe keine Garantie, dass es künftig keinen so großen Flüchtlingszustrom mehr geben werde, und vom Wohlstandsgefälle und den Krisenherden redet, scheinen die Polizisten selbst ziemlich entspannt zu sein. Die Polizei sei eine "lernende Organisation", und man sei jederzeit in der Lage, die österreichische Grenze zu schützen, heißt es aus dem Lautsprecher. (Adelheid Wölfl aus Spielfeld/Šentilj, 26.6.2018)

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