Entwicklungshelferin Hengstberger: "Kondome austeilen reicht nicht"

    15. Juli 2018, 08:00
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    Entwicklungshelferin und Gynäkologin Maria Hengstberger will Wissen über den weiblichen Zyklus in Afrika verbreiten – mit eisernem Willen

    Beharrlichkeit – das ist wohl jene Eigenschaft, die Maria Hengstberger am besten beschreibt. Beinahe unaufhaltsam erzählt sie von ihren Vorhaben, ihren Projekten, ihrer Mission – so lange, bis auch ihr Gegenüber davon eingenommen ist. Heute sitzt sie an einem Tisch in einem chinesischen Restaurant gegenüber des St. Pöltener Bahnhofs. "Können wir uns bei mir in der Nähe treffen", hat sie zuvor schon am Telefon gefragt. Zu Fuß sei sie nicht mehr so gut, erklärt sie. In besagtem Restaurant hat sie schon einen Stammplatz.

    Hengstberger ist seit 40 Jahren Gynäkologin, seit 30 Jahren Entwicklungshelferin. "Das schafft nicht schnell jemand", sagt sie. Sie war Oberärztin des Hanusch-Krankenhauses, "mit 40 hatte ich alles erreicht, dann ist Karl Heinz Böhm auf einmal da gestanden", erzählt sie. Ihm hat sie geholfen, einen Healthworker im Bereich Gynäkologie auszubilden. Damals hat sie sich vorgenommen, "alles zu tun, was ich kann, um zu helfen".

    Afrika retten

    Bis heute ist ihr Wille ungebrochen. Hengstberger ist 77 Jahre, trägt dezentes Make-up, roten Lippenstift, eine bunt gemusterte Bluse. Sie will die Menschen, die sie trifft, davon überzeugen, ihre Sache zu unterstützen, ihr zu helfen – "also nicht mir, sondern den Menschen in Afrika", wie sie schnell anfügt. Die Sache, die nennt sie ganz konkret "Erarbeiten von Zyklusbewusstsein". Im Grunde geht es darum, natürliche Familienplanung in Afrika zu propagieren, das Projekt trägt den Namen "Aktion Regen".

    Das sei der Schlüssel, sagt Hengstberger, die sich vorgenommen hat "Afrika zu retten", wie sie selbst es bezeichnet. Viele NGOs leisten gute Arbeit, helfen den Menschen vor Ort. Doch was viele nicht tun, kritisiert sie, sei zu verhindern, dass sich die Menschen dort "wie die Haserln vermehren". Mit dem Austeilen von Kondomen sei es nicht getan, "wenn die Menschen nicht wissen, wie man sie anwendet oder warum ihnen Verhütung überhaupt Vorteile bringen könnte." Viele Kinder zu haben war in Afrika früher wichtig, auch als Absicherung für später. "Doch heute sitzen die Menschen in Slums", sagt Hengstberger.

    Sich zwischen Geburten erholen

    Vor allem an Wissen fehle es den Menschen, sagt Hengstberger. Oft gibt es keine Gynäkologen, Themen rund um weibliche Gesundheit sind ein Tabu. "Die Frauen aufbauen, Wissen vermitteln und Selbstbestimmung fördern, das ist es, was wir tun", so Hengstberger. Dafür hat sie "Tools zum Angreifen" entwickelt. Das sind etwa ein Rad aus Papier, das zeigt, wie wichtig die Erholungsphase zwischen zwei Geburten für eine Frau ist. "Viele Frauen glauben leider, wenn sie stillen, können sie nicht schwanger werden", sagt Hengstberger.

    Oder die von ihr entwickelte Babykette – eine Perlenkette aus Holz, die in verschiedenen Farben den weiblichen Zyklus darstellt: rote Perlen für die Menstruation, gelbe für die unfruchtbaren Tage und blaue Perlen in Babyform für die fruchtbare Zeit. "Maria hat wirklich verstanden, wie Afrika funktioniert. Die Menschen wollen etwas Greifbares, etwas, was sie in Händen halten können. Informationen muss man mündlich weitergeben", sagt Mamadou Koné, Politikwissenschafter und Diplomat aus Mali, der Maria Hengstberger vor vier Jahren bei einer Uno-Frauenrechtekonferenz kennengelernt hat und seither mit ihr zusammenarbeitet.

    Priester, die Kondome befürworten

    Koné ist Rainworker – so nennt Hengstberger jene Menschen, die ihre Organisation mithilfe von derzeit zwölf ehrenamtlichen Ärzten aus Österreich in Afrika ausbildet. Bei den Rainworkern – 480 gibt es aktuell insgesamt in neun Entwicklungsländern – handelt es sich vorwiegend um Mitarbeiter lokaler NGOs, die bereits im sozialen Bereich tätig sind und in ihrer täglichen Arbeit mit Menschen über Familienplanung, reproduktive und psychische Gesundheit, HIV, Mutter-Kind-Gesundheit und Sexualität sprechen.

    Sexualität und Verhütung sind für die 77-Jährige nicht immer leichte Themen, zumal sie, wie sie erzählt, sehr katholisch erzogen wurde. "Ich bin meinem Gott verpflichtet und nicht der Kirche als Institution", sagt Hengstberger. Dennoch stehe sie "zwischen den Fronten". Sie ist trotzdem froh, dass es auch in Afrika viele Priester gibt, die Kondome befürworten.

    Fruchtbare Tage kennen

    Hengstberger selbst glaubt vor allem an die natürliche Methode der Familienplanung, also daran, den Zyklus und seine Phasen zu kennen und in der fruchtbaren Zeit auf Kondome zurückzugreifen. "In diese Richtung sollten wir gehen, besonders in Afrika, das wäre sehr klug. Nur hormonell zu verhüten, das kostet Milliarden", sagt sie. Darauf basiert auch das Konzept der "Aktion Regen".

    Ein Konzept, das steht, wie Hengstberger sagt. "Ich habe die Pionierarbeit geleistet, andere können damit jetzt weiterarbeiten." Langsam denkt die 77-Jährige daran, auch als Entwicklungshelferin irgendwann in den Ruhestand zu gehen. Obwohl: Das Abgeben von Aufgaben fällt ihr sichtlich schwer. So ist sie immer noch allein für die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Organisation verantwortlich.

    Vor dem Ruhestand hat Hengstberger jedenfalls noch einiges vor: Sie will Entscheidungsträger treffen, Vertreter der neun Bundesländer bitten, ein Patenschaftsprojekt für je ein afrikanisches Land zu übernehmen und durch die österreichische EU-Ratspräsidentschaft sowie eine Zusammenarbeit mit dem Verein German Doctors auch "an Merkel herankommen", wie sie sagt. Die Vorhaben von Maria Hengstberger sind groß, ihre Beharrlichkeit ungebrochen. (Bernadette Redl, 15.7.2018)

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      Hengstberger hat Tools entwickelt, die zeigen, wie der weibliche Zyklus funktioniert. Eine Kette, die man um den Hals tragen kann, zeigt die fruchtbaren Tage an.

    • Maria Hengstberger (77) ist seit 40 Jahren Gynäkologin und seit 30 Jahren Entwicklungshelferin.
      foto: cremer

      Maria Hengstberger (77) ist seit 40 Jahren Gynäkologin und seit 30 Jahren Entwicklungshelferin.

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