Josef Penninger: "Österreich ist Land der Podiumsdiskussionen"

    Interview29. Juni 2018, 08:57
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    Der Genetiker Josef Penninger verlässt Wien in Richtung Kanada. Eine Bilanz über peinliche Fehler, Neid und Politikerworte

    Josef Penninger lässt niemanden kalt. Für bahnbrechende Arbeiten, die er mit seiner Gruppe publizierte, wird er verehrt. Der Boulevard nennt ihn seit langem den kommenden Nobelpreisträger. Es gibt aber auch Wissenschafter, die sich über ihn ärgern, die wegen seiner guten Beziehungen zu den beiden Ex-ÖVP-Chefs Wolfgang Schüssel und Reinhold Mitterlehner lästern.

    In 16 Jahren als Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist es ihm immer wieder gelungen, seine eigene Person für extra zu finanzierende Großprojekte in die Waagschale zu werfen – das hat nicht nur zu Applaus geführt. Zuletzt bekam er so die Gelder für eine Stammzellinitiative am IMBA: 22,5 Millionen Euro.

    Die Bundesregierung und die Stadt Wien versüßten ihm damit das In-Wien-Bleiben, weil er damals ein Angebot vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin am Tisch liegen hatte. Die Community war neiderfüllt und erstaunt darüber, was trotz eingefrorener Forschungsbudgets möglich ist. Nun geht Penninger, der schon einmal dreizehn Jahre in Kanada verbrachte, an die University of British Columbia in Vancouver und wird das dortige Life-Sciences-Zentrum ab 1. Dezember leiten.

    STANDARD: Zuerst Kanada, dann eineinhalb Jahrzehnte Österreich, jetzt wieder Kanada. War Österreich so, wie sie es erwartet hatten?

    Josef Penninger: Nein, dafür war meine Erinnerung daran zu diffus. Das begann bei Kleinigkeiten wie mangelnden Eiinkaufsmöglichkeiten am Samstagabend und endete bei für mich unverständlichen Kampagnen und Interviews, die die Botschaft vermittelten, Österreich müsse genfrei sein. Heute macht niemand mehr diesen peinlichen Fehler, heute heißt es zum Glück gentechnikfrei. Wir sind also einen Schritt weitergekommen. Es geht mir aber manches immer noch viel zu langsam.

    STANDARD: Was konkret?

    Penninger: Ich habe ja immer viel Medienarbeit gemacht und wundere mich bis heute, warum die Arbeiten des IMBA oder anderer hervorragender Institute in österreichischen Medien keine Front-page-News sind. In Kanada ist eine wissenschaftliche Entdeckung die erste Nachricht in den News-Sendungen, in Österreich gibt es mit Ausnahme von ORF 3 und ein paar Dokus auf ORF 1 und 2 kaum ernst zu nehmende Wissenschaftssendungen im Fernsehen. STANDARD, "Presse", "Profil" und ein paar wenige andere machen zwar viel, aber dennoch. Da fehlt mir noch der Mut zu ganz anderen großen Themen. Ich weiß, dass das nur ein Symptom ist, der Grund für die wissenschaftsfeindliche Haltung im Land liegt in der mangelnden Kultur für das Thema.

    STANDARD: Hat sich die Haltung der Politik in all den Jahren zum Positiven gewandelt?

    Penninger: Ich selbst kann mich nicht beklagen. Aber der ganz große Wurf für die Wissenschaft hierzulande blieb in den eineinhalb Jahrzehnten aus: Mit Wissenschaft kann man keine Wahlen gewinnen. Immerhin sagt jeder Politiker, es ist toll, was wir machen. Es gibt aber einen viel zu großen Unterschied zwischen dem, was geredet wird, was in Regierungserklärungen und anderen Papieren steht, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird. Österreich ist ein Land der Podiumsdiskussionen. Wir bräuchten, wir müssten, wir sollten: Das heißt es dann, und zwar mit teilweise sehr klugen Argumenten. Nur müsste Österreich langsam zu einem Land der Umsetzung werden. Ich gehe schon lange nicht mehr zum Europäischen Forum Alpbach, weil ich genau weiß, was dort geredet wird, ich kann es auch unterstreichen. Es ist gut, aber es fehlen die Taten.

    STANDARD: Welche Rolle spielt angesichts von kleinen Geldtöpfen für die Wissenschaft der Neid?

    Penninger: Eine große. Man muss sich das vorstellen: Ein Team arbeitet lange Zeit an einem Projekt, stellt einen Antrag, und der wird möglicherweise abgelehnt. Irgendwelche Gutachter sagen dann: alles Blödsinn. Oder: Spitze, aber leider kein Geld. Und man hört gleichzeitig, dass ein Projekt von einem anderen Forscherteam angenommen wurde. Ich verstehe gut, dass man dann sagt: Wenn ich die Mittel nicht bekomme, sollen das die anderen auch nicht kriegen. Das ist zwar kein schöner, aber ein zutiefst menschlicher Wesenszug. Als das IST Austria gegründet wurde, haben viele Wissenschafter geschimpft und gemeint, das Geld wäre anders, womöglich im eigenen Institut besser aufgehoben. Auch ich war unter diesen Kritikern. Mich freut es heute, wenn der Wittgenstein-Preis an das IST Austria geht, wir können, so banal das klingen mag, nur gemeinsam etwas bewegen.

    STANDARD: Apropos Neid. Als Sie jene 22,5 Millionen Euro extra für die Stammzellinitiative erhielten, ein Goodie für das Hierbleiben trotz Angebots aus Berlin ...

    Penninger: ... waren viele angesichts der geringen Mittel für Grundlagenforschung auf mich sauer. Ich verstehe das schon. Aber letztlich war es meine Aufgabe, eine Weiterentwicklung am IMBA zu ermöglich. Das Geld war ja nicht für mich.

    STANDARD: Sind Sie der österreichischen Politik überdrüssig?

    Penninger: Es war Zeit, einmal etwas Neues zu versuchen. Natürlich wird man nach eineinhalb Jahrzehnten Forschungsmanagement auch ein wenig müde. Man muss sich schon um sehr viele Dinge kümmern, damit Kolleginnen und Kollegen am IMBA Wissenschaft betreiben können. Man sitzt in vielen Verhandlungen, Besprechungen. Ich habe mich als Ermöglicher gesehen und gehe jetzt nicht leichten Herzens. Wir haben einiges aufgebaut. Ich bin mir sicher, dass das IMBA weiter gut geführt wird. Der Job wird ausgeschrieben, und ich bleibe, um nicht alle Beziehungen abbrechen zu müssen, zu 20 Prozent Gruppenleiter mit einem etwas kleineren Team, das größtenteils über Drittmittel finanziert wird.

    STANDARD: Kommen Sie dann wieder zu mehr Wissenschaft, und wenn ja, was treibt Sie gerade besonders an?

    Penninger: Die Glycoproteomik. Dabei geht es nicht nur um die Proteine, die Bausubstanz des Körpers, die wichtige Prozesse des Lebens steuern. Es geht darum, wie diese Proteine mit verschiedenen Zuckern verbunden sind und welche Zucker bei der Entstehung welcher Krankheiten eine Rolle spielen. Wir wissen schon einiges, vermuten aber, dass es da mehr Zusammenhänge gibt, zum Beispiel bei der Metastasierung von Brustkrebs. Kann auch sein, dass wir nichts finden, das ist aber unwahrscheinlich. (Peter Illetschko, 29.6.2018)


    Zur Person:

    Josef Penninger (53) aus Gurten in Oberösterreich war von 2003 bis 2018 Direktor des IMBA, 2014 erhielt er den Wittgenstein-Preis.

    • Zerzaust im Labor: Josef Penninger bleibt dem IMBA zu 20 Prozent als Leiter einer kleinen Gruppe erhalten.
      foto: heribert corn www.corn.at

      Zerzaust im Labor: Josef Penninger bleibt dem IMBA zu 20 Prozent als Leiter einer kleinen Gruppe erhalten.

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