Warum nicht weniger arbeiten? Wo die Grenzen der Arbeitszeit liegen

26. Juni 2018, 12:02
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Zwölf Stunden arbeiten oder schon zu Mittag nach Hause gehen? Was eine Arbeitszeitverkürzung für Betriebe und Beschäftigte bedeuten würde

"Manch einer arbeitet so eifrig für seinen Lebensabend, dass er ihn gar nicht mehr erlebt", sagte der Schweizer Theologe Markus Ronner. Die Arbeit ist Teil des Lebens: Ungefähr 16 Prozent des Erwachsenenlebens macht sie aus – zumindest was den durchschnittlichen US-Arbeitnehmer betrifft, wie eine Auswertung der Plattform Flowingdata ergeben hat.

Trotzdem ist die Frage über die Arbeitszeit so heiß umkämpft wie kaum ein anderes Thema, und das nicht erst, seit die Regierung den Zwölfstundentag einführen will. Was sich historisch beobachten lässt: In den letzten hundert Jahren ist die Arbeitszeit kontinuierlich gesunken, zumindest was die gesetzlichen Bestimmungen betrifft. Schon in den 1950er-Jahren erstritt die Gewerkschaft die 45-Stunden-Woche. Ab 1968 forderte der Gewerkschaftsbund die 40-Stunden-Woche, die schließlich 1975 eingeführt wurde. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurde auch intensiv um die 35-Stunden Woche gerungen.

Aber wie viel arbeiten die Österreicher tatsächlich? Die Frage lässt sich unterschiedlich beantworten, je nachdem, welche Messgröße man heranzieht. Geht es um die jährliche Arbeitszeit, liegt Österreich mit 1.738 Stunden etwas über dem EU-Schnitt. Was hingegen die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit betrifft, liegen die Österreicher aktuell mit 41,4 Wochenstunden im europäischen Spitzenfeld, übertroffen nur von Zypern und Großbritannien. Der Unterschied: In die Jahresarbeitszeit werden auch Urlaubs- und Feiertage eingerechnet, deren Anzahl in Österreich verglichen mit anderen EU-Staaten im oberen Mittelfeld liegt.

Auswirkungen auf Beschäftigung

Auf der anderen Seite der Skala: Frankreich. Dort wurde im Jahr 2000 die gesetzliche Wochenarbeitszeit von 39 auf 35 Stunden verkürzt. Tatsächlich arbeiten die Franzosen heute laut Eurostat lediglich 37,6 Stunden pro Woche. Eingeführt wurde die Maßnahme als Teil eines Pakets, um die hohe Arbeitslosenrate im Land zu reduzieren.

Bezüglich des Erfolgs dieses Modells gehen die Meinungen aber auseinander. Die Maßnahmen hätten vor allem dazu beigetragen, die Personalkosten zu erhöhen, die in der Folge die Wettbewerbsfähigkeit des Landes senkten, meint Rolf Gleißner von der WKO. Anstatt die Arbeitszeiten generell zu verkürzen, sollte laut Gleißner die Flexibilität der Unternehmen erhöht werden, um damit die Beschäftigung zu fördern.

Keine Mehrkosten

Arbeiterkammer und Gewerkschaft sehen den Fall anders. Demnach habe die Arbeitszeitverkürzung in Summe keine Mehrkosten für Unternehmen bedeutet. Sie habe sich lediglich nicht vollständig entfalten können, weil die Regierung gleichzeitig Flexibilisierungsmaßnahmen wie eine Erhöhung der Grenze für Überstunden einführte.

Laut Christine Mayrhuber vom Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) hatte die Maßnahme durchaus positive Beschäftigungseffekte. Diese seien aber die Folge eines Pakets an Maßnahmen, etwa einer Subventionierung von Sozialversicherungsbeiträgen für Unternehmen, und nicht allein auf eine Arbeitszeitverkürzung zurückzuführen.

Überhaupt hat die Maßnahme der Arbeitszeitverkürzung, wie sie in Frankreich stattfand, laut Mayrhuber an Schärfe verloren und würde in Österreich nur bedingt zu Veränderungen führen. Denn die Arbeitszeiten seien von einer bunten Mischung an Kollektivverträgen und Instrumenten wie Gleitzeit oder All-in-Verträgen bestimmt, der Spielraum der Unternehmen sei deutlich größer als in der Vergangenheit.

Gerechterer Ausgleich

Auch ohne gesetzliche Arbeitszeitverkürzung ist die wöchentliche Arbeitszeit in Österreich in den vergangenen 20 Jahren um rund eine Stunde gesunken, was laut Arbeiterkammer auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurückgeführt werden kann. Eine weitere Ursache: Die Teilzeitquote ist gestiegen – sie liegt derzeit bei 28,7 Prozent und damit EU-weit vorn. Betroffen sind vor allem Frauen, von denen 2017 fast die Hälfte in Teilzeit arbeitete.

Verfechter einer Arbeitszeitverkürzung glauben, dass bei einer Reduktion der Vollzeitarbeit auch die Teilzeitquote geringer ausfallen würde und es damit zu einer faireren Arbeitsaufteilung zwischen Männern und Frauen käme. Das Argument: Bleiben trotz Arbeitszeitverkürzung die Einkommen gleich, könnten Teilzeitkräfte leichter in die kürzere Vollzeit aufsteigen. Allerdings zeigen Studien aus Frankreich, dass die Arbeitszeitverkürzung kaum Auswirkungen auf die Arbeitsteilung im Haushalt hatte. Vielmehr werden Instrumente wie ein Ausbau der Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen als zielführendere Maßnahmen in diese Richtung genannt.

Produktivität soll steigen

Lange Arbeitstage kennt fast jeder – wenn nach zehn Stunden die Augenlider müde werden und die Konzentration nachlässt. Anstatt zwölf Stunden durchgängig zu arbeiten, sollten es lieber sechs Stunden sein – bei insgesamt höherer Produktivität, so das Argument. Ausprobiert hat dieses Modell bereits eine Toyota-Werkstatt in Göteborg, Schweden, vor rund fünfzehn Jahren. Statt einer achtstündigen Öffnungszeit konnte der Händler den Betrieb zwölf Stunden offen halten, indem die Mitarbeiter in zwei Schichten eingeteilt wurden. Die Werkstatt konnte damit ihren Umsatz steigern, die Mitarbeiter seien gesünder und produktiver gewesen, Leerläufe während der Arbeit konnten deutlich reduziert werden, hieß es vom Betrieb.

Sechs Stunden bei gleichem Gehalt

Auch in den städtischen Krankenhäusern Göteborgs wurde die Arbeitszeitverkürzung getestet. Die Arbeitnehmer arbeiteten nur mehr sechs Stunden bei gleichem Gehalt. Auch dort hieß es, die Mitarbeiter seien zufriedener, weil weniger gestresst und weniger müde während der Arbeit. Allerdings wurde das Projekt nach zwei Jahren eingestellt, weil die Kosten zu hoch waren: Mehr als eine Million Euro kostete das Experiment.

Die Beispiele zeigen: Die Frage der Arbeitszeitverkürzung hat stark mit den Umständen und der jeweiligen Branche zu tun. Sind die Tätigkeiten und der Arbeitsalltag eines Beschäftigten gut aufteilbar, wie etwa in einem Schichtbetrieb, kann die Arbeit auch leichter auf mehrere Beschäftigte verteilt werden. Am Ende ist die Kostenrechnung für Unternehmen klar: Wird die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich verkürzt, muss die Produktivität der Arbeitnehmer dadurch im selben Umfang steigen.

Folgen für Gesundheit

Befürworter einer Verkürzung der Arbeitszeit fügen dieser Rechnung aber zumindest eine längerfristige Kostenrechnung hinzu: Bei kürzeren Arbeitszeiten sinken die Krankenstände, womit sich Unternehmen und der Staat Kosten im Gesundheitsbereich sparen. Lange Arbeitstage würden krankmachen, zu Stress oder Burnout führen, Unfallrisiken und körperliche Beschwerden zunehmen.

Allerdings besteht, so das Argument der Wirtschaftskammer, genauso die Gefahr, dass dadurch die Arbeit noch intensiver wird, das heißt, die Mitarbeiter mehr Arbeit in kürzerer Zeit zu erledigen haben. Wird beispielsweise die Wochenarbeitszeit nur um eine Stunde verkürzt, kann es in Betrieben üblich sein, das Arbeitsvolumen auf die bereits Beschäftigten zu verteilen, anstatt einen neuen Mitarbeiter anzustellen.

Trotzdem sehen besonders Arbeitnehmervertreter bei einer Arbeitszeitverkürzung, die Pausen berücksichtigt und das Arbeitspensum nicht erhöht, Potenzial, das faktische Pensionsantrittsalters anzuheben. Für eine Gesamtsicht des Erwerbslebens argumentiert auch Christine Mayrhuber. Wichtige Instrumente wie Kindererziehung und Weiterbildung sollten stärker als Teil des Erwerbslebens mitgedacht werden, meint sie. 37,1 Jahre dauert das Arbeitsleben in Österreich. "Da sollte noch genug Zeit für andere Dinge bleiben." (Jakob Pallinger, 26.6.2018)

  • Die Frage der Arbeitszeitverkürzung hat stark mit den Umständen und der jeweiligen Branche zu tun.
    foto: reuters

    Die Frage der Arbeitszeitverkürzung hat stark mit den Umständen und der jeweiligen Branche zu tun.

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