Historiker Timothy Snyder: "Trump lebt in derselben Welt wie Putin"

Interview mit Video25. Juni 2018, 18:15
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Erdoğan ist wiedergewählt, Putin will den Westen zerstören, und Trump möchte wie Putin sein. Für die Europäer wird es unbequem

STANDARD: Präsident Tayyip Erdoğan ist soeben vom Wähler bestätigt worden. Der russische Präsident Wladimir Putin regiert ebenfalls autoritär, und US-Präsident Donald Trump will wie Putin werden, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Und dass Putin den Westen unterminieren will. Sind wir in Europa zwischen autoritären, nationalistischen Herrschern eingeklemmt?

Snyder: Russland kann für seine Bewohner weder den Rechtsstaat noch Prosperität oder Demokratie liefern. Der Grund ist, dass Putins Macht auf gefakten Wahlen und Korruption beruht. Also muss er die Natur seiner Politik ändern. Es geht nicht mehr um demokratische Ablöse von Regierungen oder um Meinungsäußerungsfreiheit. Er schafft eine Reihe von Spektakeln: einen "Krieg" gegen die USA, einen "Krieg" gegen die EU. Das ist der Ausdruck, den sie in Russland verwenden.

der standard
Timothy Snyder im Video-Interview

STANDARD: Sie reden wirklich von einem Krieg?

Snyder: Die ganze Zeit. Die andere, sehr wichtige Sache ist, dass Russland die Natur der internationalen Beziehungen verändern will. Der Westen funktioniert, weil wir Vertrauen in den Rechtsstaat haben, das hat Russland nicht. Russland versucht daher, den Westen zu schwächen, indem es Misstrauen sät. Die Leute sollen an gar nichts glauben. Wenn jeder jedem misstraut, wird der Rechtsstaat unmöglich. Dann würden die USA oder die EU mehr wie Russland, was gerade passiert.

STANDARD: Also sagt Russland unter Putin: Ich kann meinen Leuten kein Leben wie im Westen bieten, daher unterminiere ich den Glauben an die Werte des Westens.

Snyder: Ich glaube, dass wir es mit etwas völlig Neuem zu tun haben. Russland hat verstanden, dass es in der Außenpolitik nicht um Territorien geht, sondern dass sich Außenpolitik heute in ihrem Kopf abspielt. Wenn Außenpolitik sich um Territorien, um Technologie, um Wirtschaft drehen würde, wäre Russland sehr schwach. Daher versuchen sie mit der Welt des Fernsehens und des Internets den Westen zu unterminieren. Diese Welt besteht aus Emotionen. Wenn ich sage, Russland will den Westen zerstören, dann meine ich nicht, dass es in Österreich einmarschieren will. Russland will den Rechtsstaat in der EU unterminieren, sodass alle Bedingungen für Wohlstand und Frieden, an die sich Österreich so gewöhnt hat, verschwinden würden. Sie wollen, dass wir denken: Der Rest der Welt ist auch korrupt, es hat keinen Sinn, das verändern zu wollen. Das führt zu einem negativen Nationalismus, wo du denkst, wir ziehen unsere Lügen den Lügen der anderen vor.

STANDARD: In Ihrem Buch scheinen Sie zu sagen, dass Trump entweder ein russischer Agent ist oder zumindest ein "Asset" (ein Aktivposten) für Russland.

Snyder: Schauen Sie: Selbst wenn wir nichts über Trumps Vorgeschichte wüssten, dann wäre es immer noch bemerkenswert, dass er genauso eine Politik betreibt, wie sie Moskau will, ob es nun die Zerstörung unseres Außenministeriums ist oder der Klimawandel oder die Idee von Demokratie und Menschenrechten. Außerdem versucht er, Putin Legitimität zu verschaffen. Er behandelt Russland als normal, während er die EU oder Kanada als abnormal behandelt.

STANDARD: Bewundert er Putin?

Snyder: Das ist der Punkt. Ich glaube, es geht hier nicht so sehr um Erpressung, sondern darum, dass Trump zur Welt von Putin gehören möchte. Er lebt in derselben mentalen Welt wie Putin, wo nur Geld etwas bedeutet, das Recht ein Witz ist und es nur um die Familie geht.

foto: reuters/ho
"Donald Trump kommt eindeutig besser mit Leuten wie Erdoğan und Putin aus als mit Merkel und Macron", sagt der Yale-Historiker Timothy Snyder.

STANDARD: Will Trump auch ein autoritärer Herrscher wie Putin werden?

Snyder: Er macht kein Geheimnis daraus. Er kommt eindeutig besser mit Leuten wie Erdoğan, Kim oder Putin aus als mit den Merkels, den Macrons, den Trudeaus. Er macht auch dauernd Witze darüber, dass er gern ein autoritärer Herrscher wäre.

STANDARD: Es wird vielleicht ein Treffen zwischen Trump und Putin geben, vielleicht in Wien. Soll sich Europa fürchten, zwischen zwei autoritären Herrschern zerrieben zu werden?

Snyder: Zunächst: Putin braucht Trump, und Trump braucht Putin – aus demselben Grund. Sie haben beide keine ordentliche Politik zu Hause. Daher brauchen sie eine spektakuläre Außenpolitik. Es wird im Grunde ein Stück Entertainment werden. Die Europäer sollten sich inzwischen fragen, was sie mit der EU verlieren würden. (Hans Rauscher, 25.6.2018)

Timothy Snyder (48) ist Bird White Housum Professor für Geschichte an der Universität Yale und einer der wichtigsten Historiker weltweit. 2010 veröffentlichte er den modernen Klassiker "Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin". Sein neues Buch "The Road to Unfreedom" erscheint im Herbst auf Deutsch.

Snyder ist im Rahmen des 3. Vienna Humanities Festivals in Wien, wo er den Eröffnungsvortrag zu 40 Gesprächen mit internationalen Experten zum Thema "Macht und Ohnmacht" halten wird. Das Festival – eine gemeinsame Veranstaltung des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM), Time to Talk und Wien Museum – versammelt vom 27. bis zum 30. Septemberwieder führende Köpfe aus Wissenschaft, Kunst und Kultur zu einem mehrtägigen urbanen Salon. Einige der Gespräche werden von Journalisten des STANDARD moderiert. Timothy Snyder ist Permanent Fellow am IWM.

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