Automatisierung schafft auch viele neue Jobs

    30. Juni 2018, 14:00
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    Künstliche Intelligenz schafft auch aufgrund ihrer Regulierung neue Jobs. Allerdings: Über die Qualität der neuen Arbeitsinhalte ist zu diskutieren.

    Die Automatisierung schreitet immer schneller voran. In immer mehr US-Anwaltskanzleien kommen Roboteranwälte zum Einsatz, die Gerichtsurteile analysieren und dem Menschen in der Prognose der Prozessaussichten bereits überlegen sind. Amazon hat in Seattle in diesem Jahr einen Supermarkt eröffnet, in dem es weder Kassen noch Kassierer gibt. Und in Sindelfingen bei Stuttgart entsteht das neue Daimler-Produktionswerk Factory 56, in dem Roboter Roboterautos bauen sollen und das von der Belegschaft intern bereits als "fear factory" bezeichnet wird, als "Angstfabrik".

    Die Sorge ist groß, dass Roboter und künstliche Intelligenzen den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Zur Erinnerung: Laut einer vielzitierten, methodisch allerdings umstrittenen Studie der Universität Oxford werden in den USA bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze durch die Automatisierung verschwinden.

    Paradoxerweise könnte gerade die Angst vor künstlichen Intelligenzen neue Arbeitsplätze schaffen. Facebook kündigte zu Beginn des Jahres an, 10.000 neue Mitarbeiter einzustellen, um Hass- und Gewaltbeiträge aus seinem sozialen Netzwerk zu entfernen. Gründer Mark Zuckerberg teilte in der Anhörung vor dem US-Kongress mit, dass sich bis Ende des Jahres 20.000 Mitarbeiter im Konzern um Sicherheits- und Community-Fragen kümmern werden.

    Mensch und Maschine

    Bei der Filterung von Hass- und Terrorinhalten griff Facebook bisher auf ein Kooperationsnetzwerk aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zurück. Der Konzern beschäftigt wie die Konkurrenten Google oder MySpace über Subunternehmen wie die Outsourcing-Firma TaskUs tausende Content-Moderatoren auf den Philippinen, eine digitale Müllabfuhr, die für ein paar Dollar am Tag unter ärgsten psychologischen Belastungen den Unrat aus dem Netz kehrt: Enthauptungsvideos, Kinderpornografie, Hinrichtungen, Sodomie. Zwar filtern Algorithmen immer noch verdächtiges Material. Auch können Nutzer anstößige Inhalte melden. Doch am Ende ist es immer noch der Mensch, der die Entscheidung trifft, ob das gemeldete Foto oder Video entfernt wird oder nicht. Es gibt (noch) keine Computer, die in wenigen Sekunden einschätzen können, ob etwas Kunst oder Pornografie ist.

    Ob die Neueinstellungen ausreichen, dem Problem der Trollfabriken, Fake-News und Hassrede entgegenzutreten, ist angesichts der mehr als zwei Milliarden Facebook-Nutzer fraglich. Doch die Aufstockung des Personals zeigt auch: Automatisierung ist kein Nullsummenspiel. Im Windschatten der Automatisierung entsteht ein ganz neues Tätigkeitsfeld.

    Neue Berufe durch staatliche Regulierung

    Die Technologieexperten und Accenture-Analysten Paul Daugherty und James Wilson schreiben in ihrem Buch Human + Machine: Reimagining Work in the Age of AI, dass durch die Automatisierung in Verbindung mit staatlicher Regulierung neue Berufe entstehen könnten. Zum Beispiel Trainer, deren Aufgabe es ist, künstlichen Intelligenzen menschliche Attribute wie Sprache, Gesten oder Empathie beizubringen.

    "In der Vergangenheit mussten sich Menschen daran anpassen, wie Computer arbeiten", schreiben die Autoren. "Jetzt geschieht das Gegenteil: KI-Systeme müssen lernen, sich an uns anzupassen." Bei Yahoo etwa arbeiten menschliche Trainer daran, die Sprachprogramme so zu konditionieren, dass sie menschlichen Input nicht wörtlich verstehen. Ein Strukturdefekt, der regelmäßig dazu führt, dass Satirebeiträge gelöscht werden. Der Algorithmus könne mittlerweile Sarkasmus mit einer Genauigkeit von 80 Prozent erkennen. Beim Start-up Koko, einem Spin-off des MIT Media Lab, arbeiten Entwickler daran, Chatbots empathischer zu machen – dass sie zum Beispiel verständnisvoll reagieren, wenn jemand sein Gepäck verliert.

    Kulturelle Codes lehren

    Bei der Optimierung von KI-Systemen geht es nicht nur darum, die Antworten menschlicher zu machen, sondern die Bots auch für bestimmte Kulturen zu sensibilisieren. "So wie Beschäftigte, die im Ausland arbeiten, die kulturellen Codes und ein wenig die Sprache ihrer internationalen Kollegen verstehen müssen, müssen Bots den menschlichen Variationen auf dem Globus Rechnung tragen", schreiben Daugherty und Wilson in ihrem Buch.

    Es gibt erhebliche kulturelle Unterschiede: In Japan beispielsweise, wo Roboter, etwa Pflegeroboter in Altersheimen, längst zum Alltag gehören und eine KI kürzlich sogar als Bürgermeister in der Stadt Tama kandierte, existiert eine starke Faszination für Robotik, wohingegen in europäischen Gesellschaften eher eine Technikskepsis, zuweilen sogar Technikfeindlichkeit vorherrscht. Für die Programmierer heißt das konkret: Ein japanischer Roboter muss anders sprechen als ein europäischer oder amerikanischer.

    Neben Trainern brauchte es künftig auch "Datenhygieniker" ("data hygienists"), die Datensätze auf Sauberkeit überprüfen und verunreinigte, sprich verzerrte Daten entfernen, bevor automatisierte Systeme mit diesen "gefüttert" werden. In der Informatik gilt die Devise: "Garbage in, garbage out." Das heißt: Wer Müll hineinwirft, bekommt auch Müll heraus. Noch ist es der Mensch, der Müll produziert. Die Maschine hat ihn davon noch nicht abgebracht. Und solange das noch der Fall ist, wird es weiterhin menschliche Dompteure brauchen. (Adrian Lobe, 30.6.2018)

    • Trainer, Datenhygieniker, Cleaner: Künstliche Intelligenz macht auch (neue) Jobs notwendig.
      foto: imago

      Trainer, Datenhygieniker, Cleaner: Künstliche Intelligenz macht auch (neue) Jobs notwendig.

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