Wirtschaftssoziologe: "Den Arbeitenden wird Sand in die Augen gestreut"

    Interview25. Juni 2018, 11:23
    406 Postings

    Das Thema Arbeitszeit spaltet Betriebswirte und Arbeitnehmer. Jörg Flecker meint: Anstatt Arbeitszeit zu flexibilisieren, sollte weniger gearbeitet werden

    Regierung und Opposition streiten seit einigen Wochen über den Zwölfstundentag in Unternehmen. Der Soziologe Jörg Flecker kritisiert die geplante Gesetzesänderung und spricht über die Tücken der Arbeitszeit und zukünftige Veränderungen.

    STANDARD: Herr Flecker, auf wie viele Stunden Arbeit sind Sie vergangene Woche gekommen?

    Flecker: Mehr als 50 Stunden werden es schon gewesen sein. Bei 60 Stunden liegt bei mir aber die Grenze.

    STANDARD: Seit den 1980er-Jahren wurde die gesetzliche Arbeitszeit in Österreich nicht mehr reduziert, gleichzeitig ist die Produktivität gestiegen. Arbeiten wir heute zu viel?

    Flecker: Wenn man davon ausgeht, dass die Gesellschaft reicher geworden ist, dann sollte dieser Reichtum auch in Zeitwohlstand umgesetzt werden können. Dem ist aber nicht so. Ganz im Gegenteil: Der Druck, flexibel zu sein, hat in den vergangenen Jahren eher zugenommen. Nach den Meinungen einiger Regierungsvertreter und Unternehmer arbeiten wir aber immer noch zu wenig. Arbeit soll quasi auf Abruf stattfinden.

    foto: robert newald
    Der Soziologe Jörg Flecker glaubt, dass mehr Flexibilisierung auch zu einer längeren Arbeitszeit führt.

    STANDARD: Was ist daran schlecht? Die Unternehmen profitieren davon und können Aufträge bei Bedarf abdecken.

    Flecker: Die Unternehmer haben Interesse daran, die bestehenden Mitarbeiter länger arbeiten zu lassen, weil diese bereits eingeschult sind. Es würde mehr Kosten verursachen, neue Mitarbeiter anzustellen. Allerdings gibt es auch Firmen, die sagen: Wir führen lieber einen Sechsstundentag ein und nehmen zusätzliche Leute auf, da sparen wir uns Krankenstände. Die Mitarbeiter sind ausgeruhter und dadurch produktiver. Diese Verbesserung fällt in der Kostenrechnung aber weniger auf als die Einstellung eines neuen Mitarbeiters.

    STANDARD: Experimente mit dem Sechsstundentag gab es auch andernorts: In Schweden beispielsweise führte man die verkürzte Arbeitszeit teilweise in Krankenhäusern ein. Der Versuch wurde bald wieder eingestellt. Der Grund: Das Projekt war einfach zu teuer.

    Flecker: In Schweden ging es darum, die Krankenstände zu reduzieren. Das ist auch gelungen, und es sind damit verbundene Kosten gesunken. Aber diese Vorteile machen die zusätzlichen Personalkosten nicht wett. Ja, die Maßnahmen kosten. Aber die Frage ist: Wie viel ist der Gesellschaft die Gesundheit der Menschen wert? Und wie viel ist es den Unternehmen wert, nicht mit der hohen Unsicherheit des Krankenstandes leben zu müssen?

    STANDARD: Was in der Pflege funktioniert, kann am Bau scheitern. Müsste man nicht mehr zwischen den verschiedenen Branchen unterscheiden?

    Flecker: Tatsächlich sind die Belastungen zwischen den Berufen körperlich wie auch psychisch sehr unterschiedlich. In Österreich sind körperliche Arbeitsbelastungen immer noch recht verbreitet. Der Vorschlag zum neuen Arbeitszeitgesetz nimmt keine Rücksicht auf diese Unterschiede. Und das, obwohl man weiß, dass ab der siebenten Arbeitsstunde die Unfallgefahr aufgrund von Übermüdung und die Gesundheitsrisiken stark ansteigen.

    STANDARD: Der Arbeitnehmer soll doch freiwillig entscheiden können, ob er länger arbeiten will. Ist es nicht seine Verantwortung?

    Flecker: Oft ist es schwierig, überhaupt von Freiwilligkeit sprechen zu können. In Unternehmen herrscht ein Machtungleichgewicht zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Klagen durch Arbeitnehmer gibt es meist erst, nachdem das Dienstverhältnis aufgelöst wurde. Hinzu kommt der Druck von Kollegen, die ihrerseits länger arbeiten und die man nicht hängenlassen will. Den Arbeitenden wird Sand in die Augen gestreut, wenn man so tut, als wäre das freiwillig.

    STANDARD: Sie sprechen sich für eine Verkürzung aus. Stellt sich da nicht die Frage: Muss ich dann noch mehr Arbeit in noch kürzerer Zeit erledigen?

    Flecker: Darin steckt sicher eine Gefahr. Schon in den vergangenen Jahrzehnten haben wir eine Verdichtung der Arbeit erlebt. Was in der jetzigen Diskussion falsch dargestellt wird, ist, dass durch eine Flexibilisierung beide Seiten gewinnen. Vielmehr profitieren die Unternehmen, weil die Arbeitszeiten allein von betrieblichen Notwendigkeiten abhängig gemacht werden. Das Versprechen, niemand wird mehr arbeiten, stimmt nicht. Denn wir wissen, dass eine Flexibilisierung zu einer schleichenden Verlängerung der Arbeitszeit führt.

    foto: robert newald
    Freiwilligkeit bei der Arbeitszeiteinteilung sei in Unternehmen nur schwer zu definieren, meint Flecker.

    STANDARD: Aber was sollen die Unternehmen tun? Auch sie sind an die Konkurrenz gebunden und haben nur begrenzte Ressourcen.

    Flecker: Es stimmt, dass es für Unternehmen schwer sein kann, allein an den Bedingungen zu schrauben. Trotzdem zieht das Argument der Konkurrenz nicht immer: Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit geht es um Gewinne, die oft in Form von Bonuszahlungen an Vorstandsmitglieder ausgeschüttet werden. Der Flexibilisierungsdruck ist erst dadurch entstanden, die Interessen einer Minderheit an Finanzmarktakteuren und Managern zu befriedigen.

    STANDARD: In Österreich fallen rund fünf Prozent des Arbeitsvolumens als Überstunden oder Mehrarbeitsstunden an. Ist das zu viel?

    Flecker: Vor allem bei Hochqualifizierten gibt es oft sehr lange Arbeitszeiten mit vielen Überstunden, davon sind mehr Männer als Frauen betroffen. Es geht zum Teil um Flaschenhals-Positionen in Betrieben, wo nur eine Person das nötige Know-how hat. Unternehmen tendieren dazu, diese Mitarbeiter sehr lange einzusetzen, und riskieren, dass die Person häufiger ausfällt. Interessant ist auch, dass der Anteil an Überstunden steigt, umso mehr jemand verdient.

    STANDARD: Wir reden bei der Arbeitszeit meist von Angestellten. Was ist mit Freiberuflern oder unbezahlter Arbeit?

    Flecker: Mit Arbeitszeit ist meist nur Erwerbsarbeit gemeint. Haushaltsarbeit, Pflegearbeit zu Hause oder Freiwilligenarbeit werden ausgeklammert. Teilweise geht das so weit, dass Frauen in Teilzeitbeschäftigung in Summe länger arbeiten als Männer in Vollzeitbeschäftigung. Zwischen Arbeitszeit und Freizeit zu unterscheiden kann manchmal schwer sein. Ein Grafiker hat mir einmal erzählt: Was heißt Arbeitszeit? Ich lebe 24 Stunden am Tag, und da mache ich alles Mögliche.

    STANDARD: Die Generation Y soll sich mehr für Freizeit, Hobbys und die Familie interessieren. Ändert sich das Arbeitsverständnis?

    Flecker: Obwohl die Vorstellungen der jungen Generation mehr Richtung Zeitwohlstand gehen, werden viele sehr schnell von der Realität eingeholt. Sicherheit im Job und hohes Einkommen stehen immer noch ganz weit oben – dafür wird auch viel in Kauf genommen.

    STANDARD: Durch die Digitalisierung und Industrie 4.0 soll Arbeit wegfallen oder erleichtert werden. Glauben Sie daran?

    Flecker: Die Digitalisierung und Automatisierung kann politisch unterschiedlich eingesetzt werden, unter anderem dafür, die Arbeitszeit zu reduzieren. Die Entwicklung geht allerdings eher in die andere Richtung: Es wird kurzfristiger nach Bestellung produziert, die Arbeit auf Abruf steigt. Es ist paradox: Man erfindet immer mehr, um Arbeit einzusparen und trotzdem sollen alle mehr arbeiten. (Jakob Pallinger, 25.6.2018)

    Jörg Flecker (59) ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Universität Wien. Von 1991 bis 2013 leitete er die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba). Seine Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit Beschäftigungsformen, Arbeitszeit und dem technischen Wandel der Arbeit.

    • Bauarbeiter ist nicht gleich Beamter. Die körperliche Anstrengung kann mehr Pausen nötig machen.
      foto: apa/afp/ishara s. kodikara

      Bauarbeiter ist nicht gleich Beamter. Die körperliche Anstrengung kann mehr Pausen nötig machen.

    Share if you care.