Nationalismus und Fußball: Für selektive Gelassenheit

Kommentar24. Juni 2018, 14:57
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An einen serbischen Trainer wie Mladen Krstajic sind andere Maßstäbe anzulegen

Der Fußballweltverband, dessen Spitzen sich gerne als Politiker gerieren, hat sich nach außen hin strikt der Trennung von Sport und Politik verschrieben. Dementsprechend konnte die Fifa jetzt während der WM gar nicht anders, als Ermittlungsverfahren gegen die Schweizer Spieler Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka sowie den serbischen Trainer Mladen Krstajic einzuleiten.

Sicherer Applaus

Krstajic hatte den deutschen Schiedsrichter Felix Brych nach dem 1:2 gegen die Schweiz vor das Haager Tribunal gewünscht und damit einen ausgebliebenen Elferpfiff mit den in den Niederlanden angeklagten Kriegsverbrechen auf eine Stufe gestellt. Daheim in Serbien ist ihm damit der Applaus ebenso sicher wie Shaqiri und Xhaka daheim im Kosovo, weil sie nach ihren Toren gegen Serbien mit der nationalistischen albanischen Doppeladler-Geste auf Provokationen von serbischer Seite vor dem Spiel und währenddessen geantwortet hatten. Daheim im Kosovo?

Die Diskussion um das Spannungsfeld aus Wurzeln, Heimatbegriff und Geburtsland der Spieler wurde in kaum einem anderen Land so intensiv geführt wie in der Schweiz, die auch dank der Secondos, der Kinder von Migranten, im Fußball eine erstaunliche Rolle spielt. Schon 2014 schien sie mit dem teaminternen Beschluss, sich jeder nationalistischen Geste zu enthalten, abgehakt. Das war ein frommer Wunsch in einem gesellschaftlichen Umfeld, das jüngst ein Artikel in der rechtskonservativen "Weltwoche" erahnen ließ, der die Nati als eine "Veteranentruppe von Auslandssöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner" beschreibt – ohne damit für einen Aufschrei zu sorgen.

"Mangelnde politische Sensibilität"

Vor diesem Hintergrund und während eines Hochamts des Nationalismus namens Weltmeisterschaft haben sich zwei Fußballer, die sich nicht primär durch intellektuelle Gewandtheit auszeichnen, "mangelnder politischer Sensibilität" (NZZ) schuldig gemacht – nicht mehr und nicht weniger. Seitens des Schweizer Verbandes wird – auch im Interesse des weiteren WM-Fortkommens – Gelassenheit eingefordert, wie sie auch der deutsche Fußballverband demonstrierte, nachdem seine Internationalen Mesut Özil und Ilkay Gündogan den türkischen Präsidenten wahlkampffördernd hofiert hatten. Gelassenheit ist auch der unpolitischen Fifa dringend anzuraten, wenn auch selektive Gelassenheit. Denn an einen Trainer wie Krstajic sind gewiss andere Maßstäbe anzulegen. (Sigi Lützow, 24.6.2018)

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