Energieexperte: "E-Autos zu 100 Prozent fossil unterwegs"

Interview23. Juni 2018, 12:00
717 Postings

Bestrebungen, von Öl wegzukommen, laufen ins Leere. Das E-Auto sei keine Lösung, sagt Franz Wirl. Der Strom stamme aus kalorischen Kraftwerken

Im Vorfeld der Opec-Konferenz in Wien ging ein Spalt durch die Organisation erdölexportierender Länder: Saudi-Arabien und die Golfstaaten wollten mehr Öl fördern, um ein mögliches Überschießen der Preise, bedingt durch höhere Nachfrage, zu verhindern. Iran, Irak und Venezuela hielten dagegen. Keines der Länder, deren Wirtschaft am Boden ist, kann den Ölhahn ohne Milliardeninvestitionen aufdrehen.

Öl spiele als Transportbrennstoff noch immer eine entscheidende Rolle sagt Franz Wirl, studierter Mathematiker und Doktorvater des derzeitigen Präsidenten der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol. Ein Zeichen, dass die Klimadebatte nicht ernst genug genommen werde. Das Elektro-Auto sei im Lichte dieser derzeit kein Ausweg. Es leiste noch lange keinen Beitrag zum Klimaschutz.

foto: robert newald
Wirl: Wir subventionieren in Österreich das Elektroauto mit 6000 Euro, es fährt aber zu hundert Prozent mit fossiler Energie.

STANDARD: Das Fass Rohöl kostet derzeit knapp 75 Dollar, war schon billiger, aber auch deutlich teurer. Ist das ein fairer Preis?

Wirl: Fairness, das ist ein schwieriges Thema.

STANDARD: Man könnte auch sagen, akzeptabel für die Produzentenländer und verkraftbar für die Verbraucher.

Wirl: Die Erdölproduzenten werden schon schauen, dass sie auf ihr Körberlgeld kommen. Man muss ihnen zugestehen, was man allen anderen auch zugesteht – nämlich zu versuchen, die Rente aus dem Verkauf zu maximieren. Alles, was an Fairnessgedanken eingeworfen wird, ist Larifari.

STANDARD: Die Opec geht von einer steigenden Ölnachfrage aus, nicht zuletzt wegen der wieder angesprungenen Konjunktur. Wie abhängig ist die Weltwirtschaft noch von Öl?

Wirl: Rohöl spielt als Transportbrennstoff noch immer eine wichtige, ja entscheidende Rolle. Woanders wird Öl kaum noch eingesetzt, oder nur mehr in geringen Mengen. Die Erwartung, dass der Ölbedarf steigt, erklärt sich folglich durch die steigenden Transportbedürfnisse. Das ist aber auch ein Zeichen, dass die Klimadebatte anscheinend nicht ernst genommen wird.

STANDARD: Weil dann niemand mehr ein Dieselauto oder einen Benziner kaufen dürfte?

Wirl: Und auch kein Elektroauto.

STANDARD: Wie das? Elektroautos werden als sauber angepriesen, sind abgasfrei.

Wirl: Das ist die größte Chuzpe aller Zeiten. Wir subventionieren in Österreich das Elektroauto mit 6000 Euro, es fährt aber zu hundert Prozent mit fossiler Energie.

STANDARD: Genau das wird bestritten.

foto: apa/fohringer
Groß als supersauber beworben: Das E-Auto. In näherer Zukunft wird es keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sagt Wirl.

Wirl: Stimmt aber nicht. Wir haben in Österreich rund zwei Drittel Strom aus erneuerbaren Quellen – Wasserkraft, Wind, Fotovoltaik, Biomasse. Wenn ich in der Wohnung das Licht einschalte, weiß ich nicht, was ist erneuerbar, was kalorisch. Eines weiß ich aber mit Bestimmtheit: Wenn ich eine zusätzliche Anlage installiere, ist die hundertprozentig fossil, weil der Strom aus erneuerbaren Quellen schon verbraucht ist.

Standard: Umgelegt auf ein Elektroauto heißt das was?

Wirl: Wenn Sie einen Tesla kaufen und laden, ist das zusätzlicher Strom, den Sie brauchen. Weil von den 100 Prozent nur zwei Drittel erneuerbar sind, ist der Tesla, weil eine zusätzliche elektrische Anwendung, zu 100 Prozent mit Strom aus einem fossil befeuerten Kraftwerk unterwegs.

Standard: Wann könnte das E-Auto tatsächlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

Wirl: Nicht in näherer Zukunft. Die gesamte Stromerzeugung müsste regenerativ sein, nicht nur in Österreich – überall. Deshalb ist es unverständlich, dass man Elektroautos subventioniert, die CO2-technisch nichts bringen. Würde man Erdgasautos fördern, gäbe es tatsächlich eine Einsparung bei CO2. Aber das ist nicht so sexy.

Standard: Eine Alternative zu Rohöl muss also erst gefunden werden?

Wirl: Mit Erdgas haben wir die im Prinzip schon. Erdgas könnte man in großem Stil im Transportsektor verwenden, für Lkws, Pkws, aber auch für Schiffe. Es gibt auch Versuche, Flugzeuge mit Flüssiggas zu befüllen, wobei ich nicht an die Folgen denken möchte, sollte so ein Flugzeug abstürzen. Erdgas ist viel umweltfreundlicher als Erdöl, verursacht aber auch CO2-Emissionen.

Standard: Zurück zum Rohöl und zur Opec. Im Vorfeld der Konferenz der Ölminister gab es heftiges Gerangel, ob die Förderbremse gelockert werden soll oder nicht. Wie beurteilen Sie als Kenner der Opec dieses Kräftemessen?

foto: reuters/ernest scheyder
Wirl: Der Wert von sehr viel zusätzlich gefundenem Rohöl ist eigentlich null, weil wir das sowieso nicht verbrennen dürfen, wenn wir Klimaschutz ernst nehmen.

Wirl: Hier stellt sich einmal mehr die Frage, was ist Bluff und wer kann was machen. Eine gewisse Flexibilität, den Ölhahn aufzudrehen, hat in großem Stil nur Saudi-Arabien. Russland, das nicht der Opec angehört, aber sich neuerdings eng abstimmt, produziert an der Kapazitätsgrenze. Die Saudis haben Angst, wegen der erneuerbaren Energien und der Klimadebatte auf dem Öl sitzenzubleiben. Die wollen den Markt am Leben erhalten. Venezuela, das auf den höchsten Vorräten sitzt, ist wirtschaftlich am Boden, und für den Iran wird es angesichts der US-Sanktionen immer schwieriger, Öl zu exportieren.

Standard: Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman will die Wirtschaft seines Landes diversifizieren und Schritte weg vom Öl setzen.

Wirl: Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.

Standard: Sind das nur PR-Maßnahmen?

Wirl: Nicht nur. Will sich das saudische Regime längerfristig halten, muss Salman viel ändern. Ob das etwas nützt? Ich glaube nicht, aber das ist meine persönliche Einschätzung.

Standard: Ist Rohöl im 21. Jahrhundert nicht zu kostbar, um verbrannt zu werden?

Wirl: Das würde ich so nicht sagen. Der Wert von sehr viel zusätzlich gefundenem Rohöl ist eigentlich null, weil wir das sowieso nicht verbrennen dürfen, wenn wir Klimaschutz ernst nehmen. Noch bemerkt man davon aber nichts.

Standard: Was kann Forschung beitragen?

Wirl: Manche vertreten die These, man müsse nur genug Geld in Forschung und Entwicklung stecken, dann wird es schon eine Lösung geben. Das sind die Optimisten.

Standard: Das sind Sie nicht?

Wirl: Ich bin die Kassandra und sage, das ist unter Umständen naiv gedacht. Nur ein Beispiel: Das größte Problem der Menschen im Mittelalter war die Pest. Nehmen wir an, das Ganze damals zur Verfügung stehende Geld wäre in die Erforschung der Pest gesteckt worden. Es wäre nichts dabei herausgekommen, weil man technologisch kilometerweit weg war von einer Lösung. Es gab weder Mikroskope noch die Kenntnis des Bakteriums. Darauf zu vertrauen, dass wir schon rechtzeitig ein Mittel finden, mit dem sich die Erderwärmung in den Griff bekommen lässt, ist zu wenig.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Wirl: Trotz meiner Skepsis ist Investition in Forschung und Entwicklung das Einzige, was wir haben. Und den Unternehmergeist. Auch den sollte man nicht unterschätzen. (Günther Strobl, 23.6.2018)

Franz Wirl (66) arbeitete nach dem Studium der Wirtschafts- und Planungsmathematik an der TU Wien, von 1977 bis 1983 bei der Opec, wo er Analysen und Modelle des Weltölmarktes erstellte. Später führten ihn Studien im Bereich Energiemärkte und Umwelt unter anderem nach Harvard, Stanford, Honolulu und Chile. Seit 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Industrie, Energie und Umwelt am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Wien. Wirl ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Share if you care.