Nachhaltig bauen: Wenn der Brandschutz der Ökologie im Weg steht

    24. Juni 2018, 15:00
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    Im Tiroler Ort Pfons steht ein Gebäude, das in puncto Nachhaltigkeit die Messlatte hoch legt. Und dennoch ist ein Auskommen ganz ohne fossile Baustoffe nicht möglich

    Vor 15 Jahren wäre es gar nicht erlaubt gewesen, dieses Gebäude aus Holz zu bauen", sagt Christina Krimbacher. Der jungen Architektin merkt man die Begeisterung für das Haus sichtlich an, über das sie spricht. "Das ist natürlich ein Riesenfortschritt", erklärt sie mit unüberhörbarem Tiroler Einschlag weiter. Und dennoch sei der Bau ein gutes Beispiel dafür, wie auch heute der Brandschutz der Ökologie noch klare Grenzen aufzeigt.

    Der Ort des Geschehens ist das Bildungshaus St. Michael im Tiroler Ort Pfons, gelegen auf 1000 Meter Seehöhe. Das besondere daran: Das Gebäude, geplant vom Architekturbüro Team K2 aus Innsbruck im Auftrag der Diözese Innsbruck, fällt in die Kategorie Klimaaktiv Gold. Diese Gebäudestandards sind österreichweit das bekannteste Bewertungssystem für die Nachhaltigkeit von Gebäuden. Damit auch drinnen ist, was draufsteht, braucht es Kontrolle und Begleitung. Beim Bildungshaus in Pfons hat Krimbacher diesen Job übernommen. Dazu gehört: Listen mit ökologischen Baumaterialien erstellen, Firmen instruieren, auf der Baustelle kontrollieren, ob auch ausschließlich die genehmigten Produkte verwendet werden. 15 Baustellenbesuche hat Krimbacher alleine bei diesem Projekt absolviert.

    Eine Arbeit, die sich am Ende ausgezahlt hat. 952 von 1000 Klimaaktiv-Punkten und damit die Kategorie Gold hat das Gebäude erreicht. Dass Nachhaltigkeit drinsteckt, sieht man dem Haus auch von außen an. "Man sollte auch sehen, dass es ein Holzhaus ist", erklärt Krimbacher das Anliegen der Architekten. Sie wollten die "Natur hereinholen und gleichzeitig das Haus selbst zurücknehmen, es sollte sich nicht in Szene setzen". Und tatsächlich: Wer aus der Ferne den Berg nach dem Gebäude mit der grau lasierten Fassade absucht, entdeckt es nur schwer zwischen den umliegenden Bäumen.

    Viele Zubauten

    An ebenjenem idyllischen Platz auf der Waldlichtung befand sich schon seit dem 19. Jahrhundert ein Gebäude, das zur Sommerfrische, als Priesterseminar, Luftwaffenlazarett und Altersheim sowie für kirchliche Zwecke genutzt wurde. "Das größte Problem vor dem Neubau", so Krimbacher, "war, dass immer wieder Zu- und Neubauten gemacht wurden und die Nutzung daher sehr durchmischt war. Dadurch gab es im Betrieb immer wieder Störungen, etwa durch zu viel Lärm." 2015 fiel dann der Entschluss: Ein Großteil des Hauses sollte komplett abgerissen und neu gebaut werden.

    Doch nicht nur die Nutzung des alten Hauses war problematisch. Aus ökologischer Sicht gab es durch den Neubau viele Möglichkeiten, am Rad zu drehen. Die Eckdaten: Pro Jahr wurden im alten Gebäude alleine für die Heizung 60.000 Liter Öl verbraucht. "Dadurch wurden jährlich 200.000 Kilogramm CO2 hinausgepufft", so die Architektin. Durch den Neubau konnte diese Zahl auf 25.000 Kilogramm reduziert werden. Für Heizung, Kühlung und Warmwasser sind nun zwei Luftwärmepumpen und eine Photovoltaikanlage im Einsatz.

    Die haben freilich weit weniger zu tun, da der Bau auf Passivhaus-Standard gedämmt ist. Der Heizwärmebedarf liegt bei 1,9 Kilowattstunden pro Kubikmeter. Insgesamt verfügt das Gebäude nun über eine Bruttogrundfläche von 6000 Quadratmetern und um 30 Prozent mehr Nutzfläche als vor dem Neubau.

    Stiegenhäuser aus Beton

    Das Bildungshaus ist also in vielerlei Hinsicht ein Vorzeigebau, und dennoch: Ganz ohne fossile Stoffe ging es auch hier nicht. "Fast 445.000 Liter Heizöl stecken im übertragenen Sinn in diesem Gebäude. Damit könnte man ein konventionelles, ungedämmtes Fünf-Sterne-Hotel knapp drei Jahre lang betreiben", sagt Krimbacher. Zwar sind der Bettentrakt des Hauses in Holz-Riegel-Bauweise und der Seminartrakt in Holzbauweise ausgeführt, dennoch mussten die Stiegenhäuser aus Brandschutzgründen in Beton gebaut werden, und auch das Kellergeschoß ist aus Beton.

    "Das macht in der Ökologie-Berechnung einiges aus", sagt Krimbacher. Aus demselben Grund durfte in den Riegelwänden keine Zellulose verwendet werden, es wurde auf Steinwolle zurückgegriffen. Die Innenwände sind mit Glaswolle anstatt mit einem ökologischen Stoff gedämmt.

    Hinzu kommt, dass in einem Fluchtweg kein Baustoff mit einer schlechteren Kategorie als Brandschutzklasse B verwendet werden darf, erklärt Krimbacher. Holz hat Klasse D. "Damit aus Klasse D Klasse B wird, muss das Holz gestrichen werden. Es braucht einen Überlack, der 'grauslich' ist und zu 40 Prozent aus Lösemitteln besteht – da sind wir leider nicht drum herumgekommen."

    Nachhaltigkeit geht weiter

    Und dennoch: Krimbacher ist stolz auf das Projekt. Von Passivhaus-Kritikern heiße es oft, Dämmstärken müssten ja auch erst einmal mit viel Energieaufwand erzeugt werden. Deshalb hat die Architektin gerechnet und herausgefunden, dass sich der Neubau – nimmt man nur den Heizwärmebedarf heran – schon nach etwas mehr als acht Jahren energetisch amortisiert hat.

    Im Bildungshaus, das auch als Hotel geführt wird, werden biologische Lebensmittel verwendet, der Müll getrennt und mit ökologischen Reinigungsmitteln gearbeitet. Denn um den Klimaaktiv- Gold-Standard für ein Hotel zu erreichen, muss auch das Österreichische Umweltzeichen für Hotels gemacht werden. Krimbacher: "Das Gebäude steht. Das heißt aber keinesfalls, dass jetzt Schluss ist mit der Nachhaltigkeit." (Bernadette Redl, 24.6.2018)

    • Außen Holz, innen Holz: Dass hier nachhaltig gebaut wurde, sollte man dem Gebäude auch ansehen, so das Anliegen der Architekten.
      foto: redl

      Außen Holz, innen Holz: Dass hier nachhaltig gebaut wurde, sollte man dem Gebäude auch ansehen, so das Anliegen der Architekten.

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