Der unbekannte Nackte: Was war Allonnia nuda?

23. Juni 2018, 12:00
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Ein neuentdecktes Fossil lässt vermuten, dass eine vermeintlich verschwundene Tiergruppe doch noch lebende Verwandte hat

Leicester – "Incertae sedis" ist der Platz, den die Tiergruppe der Chancelloriidae im Stammbaum des Lebens einnimmt. Auf Deutsch: Man weiß nicht, wo sie hingehören. Die röhrenförmigen und mit Stacheln bedeckten Tiere entwickelten sich im Kambrium, als sich so gut wie alle Stämme der heutigen Tierwelt herausbildeten.

Anders als ihre Zeitgenossen hinterließen die Chancelloriidae aber keine Nachfahren, sondern starben noch während des Kambriums wieder aus. Ob es in der berühmten Vielfalt des Kambriums auch Tierstämme gab, die heute nicht mehr existieren, war unter Forschern stets umstritten. Diese rätselhaften Tiere hätten ein solcher Fall sein können.

foto: derek siveter/tom harvey/peiyun cong
Was von Allonnia nuda übrig blieb.

Nun aber haben britische und chinesische Forscher in den Chengjiang-Lagerstätten der chinesischen Provinz Yunnan die Fossilien eines Tiers ausgegraben, das vielleicht etwas Licht in die Verwandtschaftsverhältnisse der Chancelloriidae bringt. Während die Fossilien von anderen Angehörigen dieser Gruppe mit ihrem dichten Stachelkleid wie ein plattgedrückter Kaktus aussehen, ist dieses Exemplar "nackt" und erhielt daher die Bezeichnung Allonnia nuda (Allonnia ist eine bereits etablierte Gattung dieser Tiere).

Das Fossil weise Doughnut-förmige Narben und ein "Minotaurus-Gehörn" auf, berichten die Forscher um Tom Harvey von der Uni Leicester. Die üblichen Stacheln seien sehr klein und spärlich gesät – auf einem Körper, der zu Lebzeiten immerhin einen halben Meter oder mehr maß. Das lässt die Forscher vermuten, dass die Chancelloriidae formenreicher waren als gedacht – und dass in Museen vielleicht längst Fossilien weiterer Arten liegen, die man bislang nicht als solche erkannt hat.

Wichtiger aber noch ist, dass sich aus dem Fossil die Wachstumsmuster des Tiers ableiten lassen. Und die ähneln laut den Forschern stark denen heutiger Schwämme. Wenn die Chancelloriidae also tatsächlich Schwämme waren, hat man es doch nicht mit einem verloren gegangenen Zweig des Lebens zu tun, sondern nur mit der Seitenlinie eines Tierstamms, der vom Kambrium bis heute ungebrochen gedeiht. (red, 23. 6. 2018)

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