Countryboy auf Stadtbesuch & Citygirl auf Landfahrt

23. Juni 2018, 10:00
14 Postings

Mario Schlembach und Ela Angerer haben einander gegenseitig Besuche abgestattet

foto: heribert corn
Schlembach (mit Angerer): "Ich bin Totengräber. Ich habe Zeit. Ich warte nicht darauf, bis jemand stirbt. Das Sterben passiert, unterbricht mein Schreiben ..."

Stadtbesuch von Mario Schlembach

Kontemplationen über Ruhe und Unruhe: Der Bauernsohn, Totengräber und Autor, lebt in der Provinz und hat Ela Angerer in der Großstadt besucht.

Ich bin Totengräber. Ich bin Bauernsohn. Ich lebe in der Provinz. Es hat lange gedauert, um diese Worte ohne Angst und Bedenken auszusprechen. Als Jugendlicher verleugnete ich jede Herkunft. Ich schwieg, um mich als Mann der Welt zu geben. Nichts hatte dieses Land mit mir und meinen Gedanken zu tun. Wenn ich über die Grenze trat, genierte ich mich für alles, was ich war, und legte meinen Dialekt ab, um eine reine Sprache zu sprechen. Was ist ein Bauer, ein Totengräber im Vergleich zu den Menschen in der Stadt, die in ihren Designeruniformen auf mich wie ein höherer Adel wirkten, in den man entweder hineingeboren wird oder nicht. Ich habe mir eine Identität aus der Verleugnung der Wahrheit aufgebaut. Es ist ein Konzept, in dem der Kollaps unausweichlich ist.

Ela öffnet die Tür zu ihrer Wohnung. Unerträgliche Hitze heute. Den ganzen Vormittag habe ich sie durch meine Orte am Land geführt, und jetzt will sie mir ihre Stadt zeigen. Sie macht sich frisch, und ich warte in ihrem Arbeitszimmer; ein großer, heller Raum, und alles schreit nach Worten. Einzelstücke wie sprechende Anekdoten. Ela erzählt mir von ihren Routinen, über die Dünnhäutigkeit beim Schreiben und die Phasen, in denen sie völlig im Text, einem anderen Kosmos, verschwindet und das Wieder-in-die-Welt-Treten, auch nur, um sich die nötigsten Dinge zu besorgen, zur schier unmöglichen Überwindung wird. Einmal den Fuß vor die Tür gesetzt, herrscht ein ständiger Kampf im Minenfeld der Eitelkeiten und Repräsentation.

Keine Nebengeräusche

Ich gehe in mein Aussiedlerland wie in eine Schneekugel hinein. Alles ist dort in einen Raum und in eine Atmosphäre gehüllt, die nichts ein- und nichts hinausdringen lässt. An diesem Ort bin ich auf mich zurückgeworfen, und ich verlasse ihn erst, wenn ich wieder völlig leer bin. In der Provinz gibt es keine andere Ablenkung für mich als die eigene Stumpfsinnigkeit. Keine Nebengeräusche verstellen die klare Stimme der Selbstbezichtigungen. Ich gehe die immer gleichen Wege ab, und doch gehe ich sie im Gedanken jederzeit zum ersten Mal.

Eine alte Dame mit Stock und dicker Brille wird in den Bus geführt. Eine junge Mutter macht für sie in der ersten Reihe Platz. Ihr achtjähriger Sohn bleibt sitzen. "Mama, ist die blind?", ruft er. "Ich weiß es nicht, Schatz", sagt die Mutter. "Sind Sie blind?", fragt der Junge die Dame nun direkt. Sie beugt ihren Kopf hinunter: "Du musst lauter sprechen, ich höre schlecht." Dahinter eine Sechzehnjährige, die sich in allen möglichen Posen fotografiert und währenddessen mit Kopfhörern in den Ohren über die eitrigen Entzündungen ihrer diversen Einstichlöcher monologisiert – "Mama sagt, Zunge erst ab siebzehn!" -, während die Stadt draußen vorbeizieht.

foto: heribert corn
"Die Stadt ist ein zügelloses Monster des Wandels. Alles in mir seht sich nach der Stille, und ich fahre zurück in die Provinz, wo ich bis zur Langeweile schreibe. Drei Tage!"

Ela fährt Rad. Die ungefilterten Nebengeräusche irritieren sie, lenken sie ab. Im Fahren bleiben die Gedanken im Rahmen, und die Stadt erstrahlt in einem anderen Licht. Nach drei Tagen beginnt die Unruhe. Der Drang der Veränderung wird wach. "Raus, raus, raus", schreit es in mir. Ich denke, am Land das Leben zu verpassen, und fahre in die Stadt. Wie ein Getriebener ziehe ich durch die Gassen, bis meine Augen und mein Geist zu müde sind, um weiterzumachen. Ich schlafe kaum und höre nur das ständige Rauschen der Stimmen und Eindrücke. Meine Gedanken sind eine Maschine ohne Datenschutzverordnung. "Wo ich lebe?", fragte mich Ela, aber ich konnte ihr nicht antworten. Im Dazwischen vielleicht, denke ich jetzt, ständig auf der Suche, einen Platz zu finden, um der Unruhe die nötige Ruhe zu geben.

Ich brauche die Stadt, um mich im Leben zu fühlen. Ohne die Geräusche, ohne die Kulisse der brechenden Sprachwellen ist nichts möglich, denn dort werden die Worte plötzlich klar. Ein Satz, das Bruchstück eines Gesprächs nur – und die Bombe zündet. Drei Tage – und ich habe mich völlig ausgeschöpft. Die Stadt ist ein zügelloses Monster des Wandels. Alles in mir sehnt sich nach der Stille, und ich fahre zurück in die Provinz, wo ich bis zur Langeweile schreibe. Drei Tage! Bleibe ich länger an einem Ort, dann operiere ich mir manchmal das Herz aus meiner Brust, nur um zu sehen, ob es noch schlägt.

Die Stadt als unendliche Kombination

Wir treten in einen Bioladen und trinken einen frischgepressten Saft aus Äpfeln, Ingwer und roten Rüben. Ein junger Mann lässt sich über die diversen Samen aufklären und wie sie eine ausgewogene Ernährung ideal ergänzen können. Eine Frau mit Cowboystiefeln und einem Plastikeinkaufssack wird mit skeptischen Blicken gemustert. Laut Ela sind die Stiefel in, aber die Säcke out. Im Endeffekt macht sich jeder die Stadt zu seinem Dorf, sagt Ela. Man zieht seine Kreise, sucht eine Ansprache irgendwo, um einen Anschluss zu finden und sein Herz auszuschütten. Manchmal wird man diesen Orten untreu, wechselt das Klima, wenn alles zu stagnieren scheint. Die Stadt ist eine unendliche Kombination an möglichen Dörfern.

Als Kind schickt mich meine Mutter jede Woche mit einem Korb voll von Eiern unserer Hühner in den Nachbarort. Ich gehe über unser Feld, über den verlassenen Soldatenfriedhof und spaziere durch den Wald. Frau Bokan betreibt einen kleinen Laden mit Produkten aus der Umgebung. Ich stelle ihr den Korb auf den Tisch, und sie sagt: "Jetzt darfst dir was aussuchen." Ich antworte immer gleich: "An Tschokolat." – "Wie heißt das?" – "S-C-H-O-K-O-L-A-D-E." – "Nein, wie?" – "Bitte?" – "Na also, da hast ein Apferl!" – "Aber ..." Wir einigen uns als Kompromiss auf Gummierdbeeren, und ich gehe. Frau Bokan hat später ein Auto erwischt. Der Laden sperrte zu. Manchmal sehe ich sie noch im Wald.

Ela fragt, ob ich aufgrund meiner Arbeit und Kindheit auf dem Friedhof Geister sehe? Ich sage: "Nein", mehr nicht, aber in meinen Gedanken setzt sich der Satz fort, "ich selbst bin der Geist." Ich spreche es nicht laut aus, denn es steckt zu viel Pathos darin. Jahrelang habe ich in der Stadt studiert, aber den Hörsaal kaum verlassen. Habe mich in irgendwelchen Ecken verkrochen, um zu lesen, um das Gehörte mit meinen Gedanken zu überschreiben, und an sonst nichts teilgenommen. In der Stadt habe ich mich nie zurechtgefunden, bis ich wieder zurück zum Friedhof ging. Ob ich Geister sehe? Nein! Ich bin der Geist.

Endloser Eindrucksnebel

Ela bleibt kurz bei einem Geschäft für Schönheitsprodukte stehen. Für ihre Parfumkolumne hat sie neue Düfte ausprobiert, und einer hat es ihr angetan. Sie bekommt neue Proben, und mir wird schwarz vor Augen. Die Auswahl erschlägt mich förmlich, kann die Gerüche im endlosen Eindrucksnebel nicht mehr zuordnen. All diese Düfte, sie haben nichts mit den billigen Plastikparfums zu tun, denen ich sonst im Theater, am Friedhof, im vorbeiziehenden Luftzug ausgesetzt bin – und doch ist es alles zu viel. Am Land rieche ich die Jahreszeiten.

Ich bin Totengräber. Ich habe Zeit. Ich warte nicht darauf, bis jemand stirbt. Das Sterben passiert und unterbricht mein Schreiben, das ich immer mache – auch wenn ich nicht schreibe. Ich grabe, um schreiben zu können. Ich schreibe, um graben zu können. All meine profanen Nebenjobs in der Stadt. Diese Einteilung von Geld in Zeit und umgekehrt. Ich habe es nie verstanden. Charon, das bin ich. Ich weiß nicht, ob ich mit dem Schreiben je etwas bewirken kann, ich zweifle und verzweifle an jedem Tag mehrere Male.

Im Graben und Begraben liegt eine einfache Wahrheit. Ich erfülle einen Dienst am Menschen. Begleite sie auf dem letzten Weg. Mache mich unsichtbar, damit andere ihre Trauer ausleben können. Ein guter Totengräber ist wie der ideale Schiedsrichter – am besten ist er, wenn er gar nicht auffällt und das Spiel einfach am Laufen hält. Und manchmal diene ich einfach nur als Anschreiobjekt, damit die Hinterbliebenen ihrer Wut Raum geben können.

Lächerlichkeit des eigenen Tuns

Ela führt mich in ihr Stammcafé. Ohne den Zusammenhalt der Familie hätte das Geschäft nicht so lange überlebt, erzählt sie mir. In den ersten Jahren waren sie Anfeindungen ausgesetzt, weil sie keine Hiesigen waren, weil sie etwas ändern, weil sie für sich eine neue Heimat schaffen wollten. An diesem Ort findet Ela Ansprache, hier trifft sie Freunde, hier ... Am Nebentisch ein schreibender Mensch. Das Notizbuch liegt offen, und ich erstarre. Der natürliche Gedanke der Flucht macht sich in mir breit. Wäre ich alleine, würde ich sofort verschwinden. Nichts ist schlimmer als Menschen die dasitzen und schreiben. Es ist wie ein Spiegel für mich, und ich kann an nichts anderes denken als an die Lächerlichkeit des eigenen Tuns.

Wir sprechen über die Kunst und den Narzissmus, den es dafür braucht und der mittlerweile als unabdingbares Selbstverständnis verkauft wird. Wir wandeln im ausschöpfenden Zeitalter der Egomanie. Menschen, die sich in einem Ausmaß wichtig und ernst nehmen, dass es wieder bedrohlich wird. Wo bleibt die Ironie in der völligen Übertreibung oder ist sie bereits wieder zur Wahrheit verkommen?

In der Kunst muss immer ein Geheimnis bleiben, sagt Ela, und ich denke darüber lange nach. Wir verabschieden uns. Ich schlendere weiter, setze mich in ein Bierlokal und stürze mich bis zur Sperrstunde ins Geräuschemeer.

Morgen graben. (Mario Schlembach, 23.6.2018)

foto: heribert corn
"Wir sitzen im Gasthaus. An jedem Tisch wartet ein Gast vor seinem Bier. Geredet wird nicht. Im Vergleich zum Ins-Handy-Geplapper in den Wiener Öffis ist das verdammt angenehm."

Landfahrt von Ela Angerer

Sicherheitsvorkehrungen, Reality-Check und 80 Vögel: Die Journalistin, Schriftstellerin und Stadtpflanze Ela Angerer besucht Mario Schlembach zu Hause in der Provinz.

Niemand ist überrascht, wenn man sich als Stadtpflanze Richtung Flughafen verabschiedet. Aber aufs Land? Mitten unter der Woche? Dafür ernte ich Stirnrunzeln. Einen Gesichtsausdruck, kurz vor der Frage: "Geht's dir eh gut?" Ja, aufs Land, sage ich. Also, auf dieses eine Land, juhu.

Pünktlich um acht holt mich der tolle Fotograf mit seinem Kombi ab. Wir wollen früh los. Die Wetter-App könnte mit ihrer Hitzewarnung zur Abwechslung einmal richtigliegen. In meinem Handgepäck befinden sich zwei Wasserflaschen – für den Fall, dass wir mitten in der Pampa eine längere Autopanne ... Ich bin der Sicherheitstyp. Trotzdem hat eine Mischung aus Feigheit und Desorganisation dazu geführt, dass ich seit Jahrzehnten nicht mehr gegen Zecken geimpft bin. Daher die zweite Vorsichtsmaßnahme: Meine Arme und Beine sind mit dem "Anti-Zeck"-SprayAries Outdoor eingesprüht (Eco-Control-Zertifikat). Darüber klebt eine Schicht LSF-50-Creme. An bestimmten Stellen neige ich zur Sonnenallergie.

Aber sonst alles easy. Wir fahren hinaus in die Natur. Nach Sommerein! "Wo ist dieses Kaff noch einmal?" – Wir rollen über den Gürtel, wo der Verkehr bei offenem Autofenster so laut ist, dass wir uns anschreien müssen. Der tolle Fotograf tippt den Namen in sein Navi: "Zielort in 43 Kilometern." Angeblich ist Sommerein ein Dorf in Niederösterreich. Aber keiner hat je davon gehört. Die per Mail versandte Wegbeschreibung unseres Gastgebers lässt auch zu wünschen übrig ("Nach der Kurve kommt ein Feld, dann noch eines"). Traktorfahrer aus der Umgebung würden damit locker hinfinden. Wir nicht.

Ein Feld reiht sich ans nächste

Hektisch bemühen wir ein zweites Navi – eines plappert jetzt aus dem Armaturenbrett, das andere aus meinem iPhone. So schaffen wir es an Schwechat vorbei und auf der Zielgeraden durchs Industrieviertel. Das klingt bebaut, ist es aber nicht: Hier grüßen nur mehr flache Landschaft und Windräder. Ein Feld reiht sich ans nächste. Abwechselnd gelb, grün, semmelfarben. Hoch über uns fliegt jede Minute ein Flugzeug. "Das muss die Einflugschneise sein", staunt der tolle Fotograf.

"Zielort in zwölf Kilometern." In seinem Zweitberuf arbeitet Schlembach als Totengräber. Wie schon seine Eltern und Großeltern lebt er in einem Dorf mit dem literarischen Namen Sommerein. Das klingt, als hätte es sich Edgar Allan Poe ausgedacht. Aber nein, alles echt: Schon bei unserem ersten Mittagessen im Zuge eines gemeinsamen "Writers in Residence"-Programms, wir waren damals erst bei der Vorspeise, erzählte Schlembach so ausführlich von seiner jüngsten "Erdbewegung" (ein Seil war gerissen und der Sarg schief in die Grube gekippt), dass mir der Suppenlöffel im Hals stecken blieb.

"Bestatter-Storys in Zukunft erst nach der Hauptspeise!", lautete meine Bedingung. Aber Schlembach schafft so eine Vorgabe nicht. Er ist nicht nur ein engagierter Totengräber. Er ist auch ein leidenschaftlicher Erzähler, mit Sinn für Dramatik, Witz und Ironie. In seiner Welt ist der Sensenmann ein großer Komiker. Ein Destillat aus Hans Moser und Josef Hader. Mit der Zeit wurde das ansteckend: Scherze über unseren eigenen Tod waren schließlich an der Tagesordnung, schon vor dem Salat ("Urne voll praktisch. Verwesen unter der eigenen Gartenerde illegal, aber optimal, haha!").

Ursprünglich und überschaubar

Viel mehr als die Friedhofsschwänke fesselte mich allerdings, wie Schlembach seinen Heimatort beschrieb: Alles scheint dort so ursprünglich und überschaubar zu sein, wie ich es nur aus den Bilderbüchern meiner Kindheit kenne: die Kirche, das Wirtshaus, der Supermarkt. Der Bauernhof, das Feld. Die Sonne scheint, die Katzen schnurren. Die Menschen haben alle ihren Platz.

Tag für Tag skizzierte Schlembach neue Einzelheiten seiner Gemeinde. Die Wirkung war ähnlich wie bei einer Telenovela. Ich lebte, feierte und litt plötzlich mit allen Bewohnern mit. Wollte, wie beim Binge-Watching, dass es nicht mehr aufhört. Oder wenigstens überprüfen, ob das alles auch nur halbwegs stimmt. "Kann es so einen Ort in Wirklichkeit geben?", fragte ich mich. Oder sind das nur Konstrukte, ähnlich wie der Dorf-Bestseller Unterleuten von Julie Zeh?

Heute machen wir den Reality-Check. "Sie sind am Ziel", rufen die Navis. Inzwischen ist es drückend heiß. Beschaulich schmiegt sich der Ortskern in die weite Landschaft. Um eine dottergelbe Kirche reihen sich das Rathaus, das Wirtshaus, die Schule und ein paar Wohnhäuser. Etwas außerhalb liegt der Aussiedlerhof, den sich Mario Schlembach und seine Eltern teilen.

Ein ganzes Dorf trägt kurze Hosen – das ist die erste Headline, die mir in den Sinn kommt. Weil alle Männer, die uns an diesem Vormittag begegnen, "O'gschniedene" tragen, wie man die abgeschnittenen Beinkleider hier nennt. Vater Schlembach, ein ehemaliger Bauer, der uns sonnengebräunt und gut gelaunt auf seinem Hof empfängt, trägt die kürzesten. Eine Art Jeans-Hotpants, weshalb er für die Leute im Ort "der Hottie" ist. Sohn Mario sagt: "Wir können es uns leisten, die Beine zu zeigen."

Eine himmlische Ruhe

Marios Wohnung auf dem Hof ist eine hübsche Junggesellenbude mit soliden Vintage-Möbeln von den Großeltern. Nur die Toilette wirkt wie ein Ufo. Das unbekannte Flugobjekt hat er im Internet gefunden. Schlembach junior sagt: "Ich wollte schon immer einen Thron." – Als Stadtfrau würde man sich jederzeit ein Designer-Hochzeitskleid online kaufen. Hier lässt man sich per Mausklick ganze Sanitäranlagen liefern. Auch das ist das Land.

Schlembach zeigt uns den leeren Hühnerstall. Die achtzig Vögel rennen lieber auf der Wiese herum. Als Kundin überteuerter Hipster-Bio-Märkte in gentrifizierten Stadtbezirken stelle ich erleichtert fest: Zertifikat Freilandhaltung. Diesmal nicht nur als Plakette, sondern in echt. Ein Huhn greife ich sogar an. Es fühlt sich leicht an. Wenn man es vorsichtig an sich drückt, gibt sein Körper nach, als wäre er innen hohl. Was theoretisch vielleicht gar nicht so falsch ... okay, lassen wir das. Bisher kenne ich Hühner nur ofenfertig, da fehlt einem der Durchblick.

Mit den gelegten Eiern bäckt Mutter Schlembach jeden Tag die Torten für die Begräbnisfeiern, außerdem das Kuchensortiment fürs Wirtshaus. Was nur ein weiteres Beispiel dafür ist, wie hier alles mit allem zusammenhängt: Das Gasthaus Schlembach wird von Marios Onkel betrieben. Mario Schlembach, Schriftsteller und Totengräber, macht quasi im Vorbeigehen auch noch die Buchhaltung für ihn. So finanziert er seine Reisen und längeren Schreibklausuren im Ausland.

"Ohne Englisch!"

Apropos Reisen: Die Eltern Schlembach sind auch schon viel herumgekommen – Schlembach senior war mit seiner Frau (und wahrscheinlich auch mit seinen kurzen Hosen) bereits in Usbekistan, Sansibar und Armenien. "Ohne Englisch!", wie er mit leuchtenden Augen betont. Auch das ist man als Sommereiner: stolz auf die eigene Ausgangsbasis und wie weit man damit kommt. Und Dorfskandale? Wie steht's damit, frage ich. Mario muss nachdenken. Ja, ein früherer Feuerwehrhauptmann hat seine Skiurlaube aus der Betriebskasse finanziert. Zusammen mit einem Brandstifter von der Feuerwehrtruppe des Nachbarortes schaffte man es damit sogar in die Schlagzeilen der Niederösterreichischen Nachrichten.

Inzwischen sitzen wir im Gasthaus. Dienstag ist Schnitzeltag. An jedem Tisch wartet ein einzelner Gast vor seinem Bier. Geredet wird nicht. Im Vergleich zum permanenten Ins-Handy-Geplapper in den Wiener Öffis ist das verdammt angenehm. Marios Mutter stellt uns frische Omeletts auf den Tisch, die der Koch aus ihren Eiern gemacht hat.

Vor der Bar, mitten in der gediegenen Buchenholz-Einrichtung, leuchtet ein weiteres unbekanntes Flugobjekt. Es sieht gefährlich nach Zukunft aus. Mario sagt: "Die Kuchenvitrine ist neu. Der Onkel bringt solche Sachen gerne von seinen Einkaufstouren in den Metro-Markt mit."

Einen Sündenpfuhl gibt es auch: die Tankstelle. Sogar das, gut überschaubar und leicht zu erledigen. Bei uns in der Stadt: tausend Irrwege, tausend verschiedene Codes. Hier geht alles auf eine Rechnung. Wobei die Glücksspiele, die im Hinterzimmer laufen, möglicherweise nicht alle ganz legal sind. Genaueres wissen die Gäste beim Schlembach nicht. Nach dem Omelett will uns Mario endlich seinen Friedhof zeigen. Er sagt: "In der Aufbewahrungshalle liegt grad einer." Ich weigere mich, hineinzugehen. Vier Generationen von Tischlrückerinnen und Geisterbeschwörerinnen in meiner Familie haben mich vorsichtig gemacht. Mario schüttelt den Kopf: "Wir sehen keine Geister."

Was auffällt unterwegs: kein Hupen, kein Baggerlärm, keine Vollbremsungen. Über dem ganzen Dorf liegt eine himmlische Ruhe. Würde ich so viel Erholung auf Dauer aushalten? Eventuell. Mit Meditation und exzessiver Gartenarbeit. (Ela Angerer, 23.6.2018)

Zur Person

Mario Schlembach, geb. 1985, aufgewachsen als Bauernsohn in Sommerein (NÖ). Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Uni Wien. Arbeitete u. a. als Lokalreporter, Postler und Totengräber. Zuletzt erschienen: "Nebel" (Otto-Müller-Verlag, 2018).

Ela Angerer lebt als Schriftstellerin in Wien. Im April arbeitete sie drei Wochen mit Mario Schlembach im Hotel Wasnerin in Bad Aussee. Er als Gewinner des ORF-3-Literaturnachwuchs-Förderprogramms, sie als seine Mentorin.

    Share if you care.