Studie: Demokratien rund um den Globus bröckeln langsam

21. Juni 2018, 07:00
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Demokratische Situation in 24 Ländern hat sich deutlich verschlechtert. Vor allem Presse- und Meinungsfreiheit sind betroffen.

Göteborg – 2,6 Milliarden Menschen – und damit gut ein Drittel der Weltbevölkerung – leben derzeit in Ländern, in denen die demokratischen Strukturen allmählich bröckeln. Das geht aus einer nun erschienen Studie hervor, die auf dem größten verfügbaren Datensatz zur Entwicklung von Demokratien beruht. Die im Fachjournal "Democratization" publizierte Untersuchung findet darüber hinaus nur wenige Orte, wo tatsächlich so etwas wie Gleichheit gelebt wird.

Das Team um Hauptautorin Anna Lührmann von der Universität Göteborg in Schweden testete die Gesundheit der Demokratien rund um den Globus auf Grundlage des aktuellsten Updates des umfangreichen "Varieties of Democracy"-Datensatzes (V-Dem), der unter anderem auf Einschätzungen von mehr als 3.000 Politikexperten aus 202 Ländern beruht.

Bedrohte Presse- und Meinungsfreiheit

Die Analyse ergab für das Jahr 2017 in 24 Ländern der Erde einen nachweisbaren Verfall demokratischer Werte, darunter auch in so bevölkerungsreichen Staaten wie den USA oder Indien. Während bei den offensichtlichen demokratischen Mechanismen, beispielsweise den Wahlen, kaum eine Verschlechterung zu verzeichnen ist – sich in manchen Ländern sogar verbessert haben – , sind es vor allem demokratische Grundaspekte wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine unabhängige Justiz, die zunehmend bedroht sind.

Insgesamt hätten sich viele liberale Demokratien insbesondere in Europa und Nordamerika in den vergangenen sechs Jahren auf ein Niveau zurück entwickelt, das zuletzt in den 1970-er-Jahren vorgeherrscht hat, so Lührmann und ihre Kollegen. Das betrifft vor allem auch spezielle Teile der Bevölkerung wie Frauen und Einkommensschwache, die verstärkt systematisch benachteiligt werden, wenn es um den Zugang zu politischer Entscheidungsgewalt geht. Nur etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung erfreuen sich in dieser Hinsicht zumindest annähernder Chancengleichheit.

Reiche werden mächtiger

Vor allem diesen Aspekt finden die Wissenschafter beunruhigend: Die Partizipation bzw. der Ausschluss von politischen Entscheidungsprozessen scheint demnach immer mehr vom sozioökonomischen Status abzuhängen. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts haben Reiche und Superreiche in vielen Ländern signifikant mehr Einfluss gewonnen; insgesamt 1,9 Milliarden Menschen sind davon betroffen – das ist gut ein Viertel der Weltbevölkerung.

"Mediale Autonomie, die Freiheit, zu sagen, was man denkt, und eine unabhängige Justiz als oberste Instanz haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren", sagt Lührmann. "Diese besorgniserregende Entwicklung beeinträchtigt damit auch die reale Bedeutung von Wahlen in vielen Ländern der Erde." (tberg, 21.6.2018)

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