Zwölfstundentag: Von der Zukunft zurück in die Vergangenheit

    Userkommentar20. Juni 2018, 11:34
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    Bei wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen wäre es wichtig, auf eine fakten- und evidenzbasierte Politik zu setzen. Die österreichische Regierung tut das Gegenteil

    Im 1982 erschienen Film "Star Trek: Der Zorn des Khan" lässt uns Commander Spock an der messerscharfen Logik der Vulkanier teilhaben, indem er zitiert: "Das Wohl von vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von wenigen oder eines Einzelnen." Die österreichische Wirtschaftspolitik bietet derzeit aber leider ein gegensätzliches Bild, welches das Wohl der Wenigen über das Wohl der Vielen stellt. Dies tut sie dabei auch noch befreit von jeglicher empirischen Evidenz und von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Unschwer erkennen lässt sich dies an der Aufweichung des Rauchergesetzes oder eben an der Einführung des Zwölfstundentages, durchgeführt mit der politischen Brechstange. Dabei wäre es gerade bei wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen mit großer Tragweite wichtig, auf eine fakten- und evidenzbasierte Politik anstatt auf Stammtischparolen und Lobbyinteressen zu setzen.

    Was wissen wir?

    Die Arbeitszeitforschung zeigt uns, dass die Organisationsform der Arbeit, die Bestimmung über Arbeitszeit sowie die Verteilung der Arbeitszeit bedeutende Auswirkungen nicht nur auf die Qualität der erbrachten Arbeitsleistung, sondern auch auf die Gesundheit der Beschäftigten und deren soziale Beziehungen hat. Was sagt also zum Beispiel die österreichische Forschung zum Thema des Zwölfstundentages?

    Eine erst vorletztes Jahr veröffentlichte Studie der Medizinischen Universität Wien untersuchte detailliert die Auswirkungen von Zwölfstundenschichten auf die Gesundheit der Beschäftigten im Pflegebereich. Sie wies nach, dass bei überlangen Arbeitstagen mit zu kurzen Erholungsphasen das Risiko für psychische Probleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen rapide zunimmt und die Arbeitsleistung spätestens nach der zehnten Stunde deutlich nachlässt. Damit nehmen auch Unfälle in der Arbeit und im Straßenverkehr zu, und der Bedarf an längeren Erholungsphasen zum Ausgleich der Überforderung wächst. Die Studienautorinnen und -autoren zeigen weiters: Bei zwei aufeinanderfolgenden Zwölfstundendiensten nimmt die Belastung so stark zu, dass man mindestens drei freie Tage am Stück bräuchte, um sich davon zu erholen. Werden diese Freizeitblöcke nicht ausreichend ermöglicht, kommt es zu ständigen Überforderungserscheinungen, die schlussendlich in gesundheitliche Probleme resultieren.

    Ebenso leidet die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter überlangen Arbeitstagen. Eine österreichische Studie über die Beweggründe, warum verkürzte Arbeitszeiten gewählt werden, zeigt eindeutig, dass auch unter bestehenden Arbeitszeitregelungen bereits der Bedarf vorhanden ist, Arbeitszeit eher zu reduzieren, um Betreuungspflichten (für Jung oder Alt) und Beruf unter einen Hut zu bringen. Eine Ausweitung der Arbeitszeit würde die bestehenden Probleme daher verstärken und insbesondere Frauen weiter in Teilzeitbeschäftigungen drängen.

    Es geht auch anders!

    Auch wenn von der Regierung mit ihrem Initiativantrag zum Zwölfstundentag ignoriert, beweisen einige österreichische Unternehmen und ihre Beschäftigten tagtäglich, dass vernünftige Lösungen der Arbeitszeitflexibilisierung möglich sind. Diese gehen meistens mit einer Flexibilisierung zugunsten beider Seiten einher und beziehen bei der Ausgestaltung der Arbeitszeitmodelle ihre Beschäftigten aktiv ein. Erst vor ein paar Wochen bewies dies eine große Bauhandelskette mit der Einführung der sechsten Urlaubswoche.

    Aber es gibt noch viele weitere Unternehmen, die diesen Weg der Kooperation und Mitbestimmung gehen. Sie schaffen es, die Arbeitszeit zu verkürzen, den ökonomischen Erfolg des Unternehmens zu stärken und die Produktivität zu steigern. Dafür bedarf es aber immer auch intelligenter Konzepte und Modelle, die branchen- oder unternehmensspezifisch gedacht und mit den Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmervertretern gemeinsam entwickelt werden.

    Anstatt diese innovativen Unternehmen und ihre Beschäftigten vor den Vorhang zu bitten und für Modelle zu werben, die Unternehmen die Flexibilität und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Zeitsouveränität geben, wird versucht, mit der politischen Brechstange Konzepte aus der Mottenkiste des vorletzten Jahrhunderts zum Vorteil weniger durchzusetzen. (Michael Soder, 20.6.2018)

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