Weinviertel: Weine, die nicht von der Stange kommen

    11. August 2018, 09:00
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    Das Weinviertel galt lange als Synonym für minderwertigen Massenwein, daran änderte auch die Bezeichnung "Weinviertel DAC" nichts. Spannende Winzer räumen mit Vorurteilen auf

    Man braucht eine Weile, bis man sich an die Stille und Abgeschiedenheit des Weinviertels gewöhnt, bis man seinen überaus spröden Charme zu verstehen beginnt. Nichts als Äcker, Wiesen und Weinberge – dazwischen nüchterne Straßendörfer, in denen es scheinbar kein Indiz für menschliches Leben gibt. Alles wirkt wie erstarrt. Als würde der Eiserne Vorhang immer noch stehen, der Österreich im Nordosten von der ehemaligen Tschechoslowakei trennte und die Gegend zum toten Winkel werden ließ.

    Selbst die Weine schienen lange von dieser Verschlafenheit geprägt: Während andere Weinregionen boomten, musste sich das Weinviertel immer noch mit seinem schlechten Image herumschlagen: Der "Brünnerstraßler", wie man die dortigen Gewächse gern nannte, stand für minderwertige Weine, deren Trauben am Rande der Poststraße von Wien nach Brünn wuchsen. "Krampensauer", soll schon Kaiser Joseph ll. befunden haben, und als Napoleon vor gut 200 Jahren mit seinen Truppen durchs Weinviertel marschierte, entschied er, lieber in die nächste blutige Schlacht zu ziehen, als noch einen Schluck vom hiesigen Wein trinken zu müssen.

    Winzer Michael Gindl beackert die Weingärten lieber mit seinem Noriker als mit einem Traktor.

    Neues Gesicht

    Selbst die Einführung der geschützten Herkunftsbezeichnung "Weinviertel DAC" vor 15 Jahren sollte der Region nur bedingt Segen bringen: Zwar erlangte man durch gemeinsames Auftreten und starkes Marketing allgemeine Beachtung und einen gewissen Wohlstand – die vom DAC angepriesene Herkunftstypizität war allerdings nur schwer nachvollziehbar.

    Michael Gindl, einer jener Winzer, die sich vom Einheitsbrei merklich abheben und der Region heute mit ausdrucksstarken Gewächsen ein neues Gesicht geben, sieht die Zertifizierung mit gemischten Gefühlen: Es habe vielen kleinen Betrieben das Überleben gesichert, die früher billigen Wein im Doppler an die Hauptstadt verscherbeln mussten, glaubt er, leider habe die Zertifizierung halt zu einer Uniformierung des Geschmacks geführt. Viele DAC-Veltliner sind bestimmt von moderner Kellertechnologie und deren schier unendlichen Möglichkeiten – vor allem der Einsatz von Aromahefen macht die Weine zwar gefällig, beraubt sie jedoch jeglicher Eigenständigkeit.

    Auch Gindl arbeitete früher kommerziell, so wie man es in der Weinbauschule lernt – eine Vergleichsverkostung zwischen seinen und den Weinen des Großvaters ließ ihn schließlich umdenken. Während sein gerade mal ein Jahr alter Welschriesling schon Alterstöne aufwies, zeigte der betagte Wein des Großvaters keine Spur von Müdigkeit. Der Winzer stellte auf biodynamische Bewirtschaftung um und vinifiziert seither minimalinvasiv. Im Grunde arbeitet er wieder fast so wie sein Großvater.

    Gegen den Strom

    Er bezeichnet sich selbst als einen der Radikalsten unter den Radikalen, weil er versucht, die Ideen der Biodynamie nicht nur anzuwenden, sondern sie konsequent zu leben. Dazu gehört auch, wieder zu der früheren gemischten Landwirtschaft zurückzukehren. Der Winzer bewirtschaftet heute unzählige Ackerflächen, hält Nutztiere, die auch im Weinbau eingesetzt werden, und besitzt einen Wald, aus dem das Holz für seine eigenen Weinfässer kommt. Die Beackerung der Weingärten mit seinen Norikerpferden ist für ihn eine besondere Herzensangelegenheit. "Ich bin kein Nostalgiker, aber für den Boden ist es einfach besser, mit dem Pferd statt mit dem Traktor zu arbeiten", sagt Gindl.

    Auch Johannes Zillinger ist überzeugter Biodynamiker. Sein Vater war einer der Allerersten, die ihr Weingut damals auf Bio umstellten. Das war vor mehr als 30 Jahren, als die Agrochemiekonzerne gerade ihre Hochblüte erlebten. "In der Schule wurde ich dafür verspottet", erinnert sich Zillinger an seine Kindheit. "Wir galten als die spinnerten Ökofritzen." Heute ist er dankbar, Weingärten zu besitzen, die seit Jahrzehnten nicht mehr mit Herbiziden und Mineraldüngern traktiert wurden. Die Böden sind lebendig, die Rebstöcke gesund – für ihn die Voraussetzung dafür, die Technik im Keller runterzufahren. Eingriffe sind da gar nicht mehr vorgesehen.

    Amphorenwein

    Zillingers Weine sind präzise – die "Numen"-Serie, deren Trauben für längere Zeit zu hundert Prozent in der Amphore vergoren werden, präsentiert sich mit dezenten Gerbstoffen feingliedrig und balanciert. Das Thema DAC ist für ihn gegessen: 2012 war sein letzter klassifizierter Grüner Veltliner. Vorschriften wie die Alkoholuntergrenze von zwölf Volumenprozent empfindet er als widersinnig. "Qualität definiert sich doch nicht über Zuckergrade und Alkohol. Die ganze Welt will leichtere Weine, und wir beharren auf Fruchtbomben", sagt er.

    Sein Namensvetter Herbert Zillinger sieht es ähnlich – auch er füllt keinen Wein mehr als DAC ab. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel, saß er doch von Beginn an im Konsortium. Er habe sich einfach zu weit von der DAC-Stilistik entfernt. Herbert Zillingers Weine zeigen sich heute puristisch und eigenständig, auf verfälschende Techniken verzichtet er. "Ich setzte dem Wein nichts zu und nehme nichts weg – so einfach ist das", sagt der Winzer.

    Seit 2016 ist sein Betrieb auch biodynamisch zertifiziert. Wirtschaftlich gesehen ist das "ein absoluter Schwachsinn", wie er gesteht. "Aber Gift im Weingarten geht halt gar nicht." Selbst auf Bewässerung verzichtet er. Und das in einer der heißesten und trockensten Ecken Niederösterreichs. "Meine Weine sollen auch die verschiedenen klimatischen Gegebenheiten des jeweiligen Jahrgangs widerspiegeln – wenn ich das ausgleichen will, brauche ich nicht mehr über Terroir reden", sagt Zillinger.

    Umdenkprozesse

    Inzwischen gibt es eine Reihe von Betrieben, die trotz unterschiedlichster Ansätze dasselbe Ziel haben: Sie wollen Weine machen, die nicht von der Stange sind. Sie sollen sich von der Machart und Geschmack her deutlich von der Masse abheben und ihre eigene Persönlichkeit zeigen.

    Und weil man es im Weinviertel mit derlei Eigenheiten nicht unbedingt leicht hat, muss man mitunter auch auf sich aufmerksam machen. Marion und Manfred Ebner-Ebenauer aus Poysdorf etwa verstehen es, ihre Weine auch international zu positionieren. Die temperamentvolle Wienerin und ihr vergleichsweise introvertierter Mann sind sicher die schillerndsten Figuren in der so gar nicht glamourösen Weinbauregion. Die beiden zeigten der Welt schon vor einigen Jahren, wie viel Klasse Weinviertler Wein haben kann. Es ist also Land in Sicht. (Christina Fieber, RONDO, 11.08.2018)

    foto: ian ehm

    Chardonnay "Horizont" von Herbert Zillinger.

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    Blanc-de-Blancs-Sekt von Manfred und Marion Ebner-Ebenauer.

    foto: ian ehm

    Grüner Veltliner "Buteo 12" von Michael Gindl.

    foto: ian ehm

    Riesling "Numen" von Johannes Zillinger.

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