"Cultist Simulator" im Test: Im Labyrinth der Esoterik

    22. Juni 2018, 09:00
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    Das digitale Kartenspiel der Schöpfer von "Sunless Sea" ist ein faszinierendes Unikat – und eines der originellsten Spiele der jüngeren Spielegeschichte

    Auf einer Tischplatte kann sich schon öfter mal die ganze Welt spiegeln, das wissen nicht nur Freunde der klassischen Tabletop-Strategiespiele, sondern jeder, der sich mit komplexeren analogen Brett- oder Kartenspielen beschäftigt. Im außergewöhnlichen digitalen Kartenspiel "Cultist Simulator" (Windows, Mac, Linux, 19,99 Euro) ist eine ebensolche nüchterne Oberfläche eines Tisches Schauplatz einer okkulten Suche irgendwo im England der 1920er-Jahre.

    Zum Kartenspielen braucht es Regeln, doch die sind in "Cultist Simulator" zu Beginn des Spiels ebenso vage wie alles andere. Der Erklärungstext der ersten, einsam auf dem Tisch liegenden Karten umreißt die Ausgangssituation: ein banales Leben, mit dem Verlangen nach dem Außergewöhnlichen, Okkulten, Unheimlichen. Als zu Beginn Ahnungsloser taucht man jedoch mit jeder neu aufgedeckten Karte tiefer in eine Welt des okkulten Geheimwissens, finsterer Kulte und ebenso esoterischer wie krimineller Unterwelten ein, gründet seine eigene Sekte, erlangt Erleuchtung oder aber – weitaus wahrscheinlicher – stirbt einen der tausend mal mehr, mal weniger prosaischen Tode.

    Ein Kartenspiel als Sandbox

    Es ist ein wenig schwer, die zentralen Spielmechaniken von "Cultist Simulator" zu beschreiben, denn das Herausfinden, was eigentlich zu tun ist, ist essentieller Teil des Spielspaßes. "Explore. Take risks. Keep experimenting and you'll master it", verspricht immerhin schon die Tagline.

    Die Basics: "Cultist Simulator" ist ein Ressourcenmanagementspiel mit Karten, die auf clevere Weise miteinander verknüpft sind. Gespielt wird allein, wie in einer hyperkomplexen Patience, und ein festgelegtes Spielziel gibt es eigentlich nicht.

    Karten lassen sich auf bestimmte Stapel ziehen, die für "Verben" wie "Arbeiten", "Träumen", "Studieren", "Reden" oder "Erforschen" stehen. Die vielen verschiedenen Karten, die für Personen, Orte, Zustände, Gegenstände, aber auch zum Beispiel okkulte Konzepte stehen können, lassen sich mit den jeweiligen Verben kombinieren – mit ganz unterschiedlichen Konsequenzen.

    Allen gemeinsam ist, dass jede dieser Handlungen eine festgesetzte Zeitspanne benötigt, die per Countdown abläuft und während der das jeweilige Verb blockiert ist. Nur wer die vier Ressourcen Gesundheit, Geld, Vernunft und Leidenschaft geschickt einsetzt, ergattert neue Karten und kommt voran. Zieht man etwa eine Gesundheitskarte auf "Arbeiten", verdient man sich für diesen Einsatz Geld durch körperliche Arbeit; setzt man stattdessen "Leidenschaft" ein, versucht man sich als Künstler, und so weiter.

    In späteren Spielsituation ist es essentiell, die jeweiligen Resultate dieser Kombinationen stets präsent zu haben, um gerüstet zu sein; wenn zum Beispiel die Obrigkeit in Form einer Polizistenkarte ins Spiel kommt, sich düstere Träume zu lebensbedrohlicher Depression steigern oder aber Krankheiten die eigene Gesundheit bedrohen, lässt sich nur mit dem geschickten Einsatz der jeweils richtigen Karten am richtigen Ort ein Ausweg finden.

    Faszinierendes Clicker-Game

    Die Art und Weise, wie die recht abstrakten Systeme und Konzepte von "Cultist Simulator" ineinander greifen, macht es zu einem faszinierenden Experimentierkasten mit ganz spezieller Atmosphäre. Dass zwei frühere Schöpfer der Kultspiele "Fallen London" und "Sunless Sea" für dieses Kartenspiel verantwortlich zeichnen, merkt man an dieser außergewöhnlichen Qualität der Texte und der Originalität der Erzählung.

    Die zugrundeliegende Spielmechanik – das Jonglieren und Ausbalancieren bedrohlicher und positiver Charakterzustände mit selbst gestellten, verschiedene Ressourcen verlangenden Spielzielen – ist eigentlich von simplen Idle- oder Clicker-Games entliehen, doch die absichtlich obskuren Mechanismen und das Fehlen jedes Tutorials machen das Spiel auch dank seiner gelungen minimalistischen Atmosphäre zum Rätsel, das einen nicht mehr loslässt: Wie die Spielfigur selbst findet man sich in einem immer komplexer werdenden System aus Offenbarungen, Rückschlägen und Zusammenhängen, in dem sich in überragenden Aha-Momenten regelmäßig ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

    Und während man etwa zu Beginn noch Mühe hat, sein regelmäßiges Einkommen zu sichern und Fragmente okkulter Geheimnisse aufzuschnappen, schickt man nach einigen Stunden selbst beschworene Dämonen auf Rachefeldzüge gegen neugierige Ermittler, durchstreift astrale Ebenen oder ertappt sich dabei, die eigenen Sektenanhänger auf der Suche nach Erleuchtung rituell zu verspeisen – ups.

    Eingeweihte unter sich

    Das Spiel mit der Esoterik als Thema wird so selbst zur Übung in Esoterik. Die Einweihung in die verrätselten und auf den ersten Blick obskuren Mechanismen von "Cultist Simulator" entspricht so gesehen genau jener Initiationsreise, die der eigene Spielcharakter immer tiefer ins okkulte Herz des Geheimnisses unternimmt. Das lakonische "Simulator" im Spieltitel hat seine Berechtigung: Bei aller Abstraktion "simuliert" dieses faszinierende Spiel tatsächlich eine okkulte Karriere, in der banales Leben und die zwanghafte Suche nach immer weiteren Erkenntnissen sich spielmechanisch abbilden.

    Natürlich kann man sich diesen Spaß auch verderben und in diversen Internetforen nach Antworten auf all die Fragen suchen, die sich hier minütlich stellen, doch diese Abkürzung raubt dem Spiel viel von seiner Faszination. Allerdings ist zu wissen, was man genau tut, noch immer keine Garantie für das Gelingen der diversen okkulten Unternehmungen, schließlich spielt auch der Zufall hin und wieder eine Rolle – wie es bei einem Kartenspiel so üblich ist. Erfolgreiche Partien, in denen zumindest ein paar der ambitionierteren Ziele erreicht werden, können schon durchaus einige Stunden dauern, doch beim Tod wartet schon der nächste Versuch; insgesamt vier verschiedene Ausgangssituationen stehen zur Wahl und sorgen für Abwechslung.

    lottie bevan
    "Cultist Simulator" im Trailer.

    Fazit

    Es gibt nur wenige Spiele, die spielmechanisch und thematisch so clever zusammenpassen wie "Cultist Simulator". Die im Setting erzählte Suche nach düsterer Erleuchtung deckt sich perfekt mit der Erfahrung, die verzwickten Spielmechanismen und -konzepte als Spieler selbst nach Versuch und Irrtum doch noch zu durchschauen. Das erklärt vielleicht auch die eigenwillige Faszination, die dieses nur auf den ersten Blick simple Spiel ausübt: Wer einmal damit beginnt, auf dieser Tischplatte mit Karten nach Antworten zu suchen und immer tiefer in die Möglichkeiten des Spiels einzudringen, kommt nur schwer wieder davon los.

    "Cultist Simulator" lebt von seiner Lernkurve; gewissermaßen ist das Aufdecken der diversen Spielmechaniken das Spiel. Wer keine Geduld dafür hat, sich in Versuch und Irrtum selbst und ohne Hilfe von außen den Weg zur düsteren Erleuchtung zu erarbeiten, wird wenig Freude damit haben. Für alle anderen ist es eines der originellsten Spiele der jüngeren Spielegeschichte, das zudem durch seine minimalistische Narration immer neue, haarsträubende Geschichten generiert. Ein ebenso elegantes wie außergewöhnliches Spiel. (Rainer Sigl, 21.06.2018)

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