Insektengift: Nur 20 Prozent der Allergiker lassen sich behandeln

    19. Juni 2018, 12:39
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    Mit einer Immuntherapie wird der Körper gegen Insektengift tolerant gemacht. In Österreich machen nur wenige davon Gebrauch

    Mit dem anbrechenden Sommer kommen die österreichischen Insektengiftallergiker in zunehmende Gefahr. 300.000 Betroffene haben das Risiko, nach einem Wespen-, Bienen- oder Hornissenstich eine sehr schwere allergische Reaktion zu entwickeln. Aber nur 20 Prozent von ihnen erhalten eine hoch wirksame Immuntherapie, heißt es von Experten.

    "Man kann davon ausgehen, dass 3,3 Prozent der Österreicher nach einem Stich eine sehr, sehr schwere allergische Reaktion haben, 4,6 Prozent eine schwere Reaktion. Das sind insgesamt rund 700.000 Personen", weiß Wolfram Hötzenecker von der Kepler Universitätsklinik in Linz.

    Weltweit gibt es rund 150.000 Hautflügler-Insektenarten. Rund 50.000 weisen Wehrstacheln auf. In Österreich existieren etwa 20 dieser Arten. "Von praktischer Relevanz für allergische Reaktionen sind nur vier Arten. Die Honigbiene ist für 25 bis 30 Prozent der Allergiefälle verantwortlich, die Wespe für rund 70 Prozent", sagt Wolfram Hemmer, vom Allergiezentrum Floridsdorf in Wien.

    Potenziell lebensgefährlich

    Während die bloße Schwellung an der Stichstelle nur die direkte Wirkung des Insektengifts ist, deutet ein Hautausschlag am ganzen Körper bereits auf eine Insektengiftallergie hin. Starke Schwellungen, Atembeschwerden oder gar Kollaps (anaphylaktischer Schock) sind weitere Abstufungen. Letzteres ist potenziell und im Fall des Falles akut lebensgefährlich.

    Bienen- oder Wespengift ist für den Menschen etwa genauso gefährlich wie das Toxin der Klapperschlangen. Doch die Menge, die man bei einem Stich abbekommt, ist extrem gering. Für eine allergische Reaktion reicht es dennoch aus.

    Jedenfalls sollten alle Menschen, die schwerere Symptome nach einem Insektenstich entwickelt haben, zum Arzt gehen. Nach rund vier Wochen kann eine Allergietestung (Hauttest, Bluttest) erfolgen. Menschen mit ausgeprägter Insektengiftallergie sollten ein Notfallset (antiallergische Medikamente in Tablettenform und Adrenalin-Autoinjektionsset) bei sich führen und die Anwendung auch trainiert haben.

    Hohe Erfolgsrate

    Die beste Behandlungsform ist aber die Immuntherapie. "Mit kleinen Insektengiftmengen, injiziert unter die Haut, wird damit der Körper tolerant gemacht. Bei Bienengiftallergien ist die Therapie bei bis zu 86 Prozent der Behandelten erfolgreich, bei Wespengiftallergien bei bis zu 96 Prozent", betont Gunter Sturm, Leiter des Allergieambulatoriums am Reumanplatz in Wien.

    Für die Therapie ist allerdings zunächst einmal die entsprechende Diagnostik erforderlich. Dann folgt derzeit eine wöchentliche Injektion über 15 Wochen hinweg. Über drei bis fünf Jahre hinweg wird alle vier bis sechs Wochen eine Erhaltungsdosis des Insektengifts injiziert. Die Schutzwirkung tritt allerdings schon nach der Aufimpfphase ein. An kürzeren Behandlungsschemen wird gearbeitet.

    Trotz der akuten Lebensgefahr wird eine Insektengift-Allergie von den Betroffenen häufig jedoch nicht ausreichend ernst genommen. Sturm: "Viele Patienten suchen erst Jahre später einen Arzt auf – wenn überhaupt. Dabei verpassen sie die wichtige Chance, sich mit der Immuntherapie langfristig und sicher zu schützen. Nur zwei von zehn der Behandlungsbedürftigen sind in Therapie. Anders gesagt: 80 Prozent riskieren Sommer für Sommer aufs Neue ihr Leben." (APA, 19.6.2018)

    • Bienen- oder Wespengift ist für den Menschen genauso gefährlich wie das Toxin von Klapperschlangen.
      foto: apa/dpa/frank rumpenhorst

      Bienen- oder Wespengift ist für den Menschen genauso gefährlich wie das Toxin von Klapperschlangen.

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