Schot springt nach Stadler-Verhaftung als Audi-Chef ein

19. Juni 2018, 15:46
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Der Niederländer Abraham ist seit September im Vorstand tätig. Ermittler hatten zuvor Stadlers Telefon abgehört

Ingolstadt – Audi hat einen neuen Chef – zumindest vorläufig: Der Aufsichtsrat hat den bisherigen Vertriebsvorstand Bram Schot zum kommissarischen Vorstandsvorsitzenden ernannt, wie der Konzern am Dienstag mitteilte. Der eigentliche Amtsinhaber Rupert Stadler habe um seine Beurlaubung gebeten, "bis der Sachverhalt geklärt ist, der zu seiner Verhaftung geführt hat".

Stadler sitzt seit Montag in Untersuchungshaft, weil er laut Staatsanwaltschaft Zeugen in dem Ermittlungsverfahren wegen seiner Verwicklungen im Dieselskandal beeinflussen wollte.

Der Niederländer Schot kursierte bereits am Montag als möglicher zeitweiliger Ersatz für Stadler. Allerdings hatten sich die Aufsichtsräte von Audi und dem Mutterkonzern Volkswagen am Montag trotz stundenlanger Beratungen noch nicht auf die neue Personalie einigen können.

Seit September im Vorstand

Der 57-jährige Schot, dessen Vorname vollständig Abraham lautet, arbeitet seit vergangenem September als Vertriebsvorstand für Audi. Zuvor war er unter anderem für Volkswagen Nutzfahrzeuge sowie bei Daimler tätig. Als Interimschef war auch der Audi-Finanzvorstand Alexander Seitz im Gespräch gewesen, der ebenfalls erst seit September in Ingolstadt ist.

Der Audi-Betriebsrat und die IG Metall haben die Beurlaubung von Audi-Chef Rupert Stadler und die Berufung von Bram Schot zum kommissarischen Vorstandschef begrüßt. Der Betriebsratschef und stellvertretende Audi-Aufsichtsratschef Peter Mosch sagte am Dienstag: "Unsere Belegschaft und unser Markenimage dürfen nicht weiter unter der belastenden Situation leiden."

Der Aufsichtsrat der Volkswagen Aktiengesellschaft hat Stadler zudem von seinen Aufgaben als Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG entbunden. Die Entbindung sei auf Bitte Stadlers erfolgt und werde vorübergehend, bis zur Klärung des Sachverhalts, der zu seiner Verhaftung geführt hat, vorgenommen, teilte Volkswagen am Dienstag mit.

Zuhause verhaftet

Kriminalbeamte hatten Stadler am Montag in seinem Haus verhaftet. Eine Woche vorher hatte die Staatsanwaltschaft München II sein Haus in der Nähe von Ingolstadt durchsucht. Dabei fand sie nach eigenen Angaben Hinweise, dass er Zeugen oder Beschuldigte beeinflussen wollte. Außerdem hörten die Ermittler nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" Telefonate von Stadler ab.

In dem Verfahren gegen Stadler geht es um Betrug und "mittelbare Falschbeurkundung" beim Verkauf von hunderttausenden Dieselautos auf dem europäischen Markt. Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft deshalb gegen 20 aktive und ehemalige Audi-Mitarbeiter. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt im Dieselskandal nicht nur gegen Stadler, sondern auch gegen einen weiteren, namentlich nicht genannten Audi-Vorstand. In München sitzt außerdem ein ehemaliger Porsche-Entwicklungsvorstand in Untersuchungshaft, der früher Motorenentwickler bei Audi war.

Aussage verweigert

Stadler hatte am Montag noch die Aussage verweigert, will sich aber nach Angaben der Staatsanwaltschaft ab Mittwoch vernehmen lassen. Er wartet zur Zeit im Untersuchungsgefängnis in Augsburg auf seine erste Vernehmung. Die Münchner Staatsanwaltschaft beabsichtige, ihn noch diese Woche zu vernehmen, sagte eine Sprecherin. Stadler habe bereits mitgeteilt, dass er sich nach Beratungen mit seinem Verteidiger zur Sache äußern werde.

Stadler ist der erste Unternehmenschef, der wegen des Dieselskandals in Untersuchungshaft genommen wurde. Der 55-Jährige leitete Audi für elf Jahre. Für den VW-Konzern arbeitet er bereits seit 1990. Er hat enge Verbindungen zu den Eigentümerfamilien des Mutterkonzerns, Porsche und Piech.

Eine Frist für die Untersuchungshaft gibt es in Deutschland nicht, aber die Staatsanwaltschaft muss in Haftsachen beschleunigt arbeiten. Nach sechs Monaten muss das Oberlandesgericht auf jeden Fall prüfen, ob eine weitere Inhaftierung noch gerechtfertigt ist. (APA, 19.6.2018)

  • Rupert Stadler geriet im Zuge des Dieselskandals verstärkt unter Druck.
    foto: reuters

    Rupert Stadler geriet im Zuge des Dieselskandals verstärkt unter Druck.

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    foto: afp/christof stache
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