Mazedonien: Die letzte Chance

Kommentar19. Juni 2018, 10:00
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Die Entstehung eines unabhängigen mazedonischen Staates hat einen folgenschweren Namensstreit mit dem griechischen Nachbarn ausgelöst

Pulverfass, Zankapfel, Wespennest – Mazedonien spielte in allen blutigen Konflikten am Balkan eine zentrale Rolle. Die "mazedonische Frage" stand lange Zeit symbolhaft für die "Unlösbarkeit" der nationalen Spannungen zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland. Die Dreiteilung des mazedonischen Raums nach den Balkankriegen von 1912/13 – in das griechische Ägäisch-Mazedonien (50 Prozent), das serbische Vardar-Mazedonien (37 Prozent) und das kleine bulgarische Pirin-Mazedonien (13 Prozent) – löste in zwei Weltkriegen Serbisierungs- und Bulgarisierungsbestrebungen aus. Die Anerkennung einer mazedonischen Nation mit dem Status einer Teilrepublik innerhalb des jugoslawischen Vielvölkerstaates mit einer eigenen Schriftsprache und sogar mit einer eigenen orthodoxen Kirche (1967) war ein Wendepunkt in der Balkangeschichte.

Die Entstehung eines unabhängigen mazedonischen Staates nach dem Zusammenbruch des zweiten jugoslawischen Staates hat einen folgenschweren Namensstreit mit dem griechischen Nachbarn ausgelöst. 27 Jahre haben alle griechischen Regierungen die West-Integration der "Republik Mazedonien" blockiert. Die rund zwei Millionen Bürger (jeder Vierte gehört zur albanischen Volksgruppe) leben in einem Staat mit dem künstlichen Namen Former Yugoslav Republic of Macedonia (FYROM). Der Staatsname "Republik Mazedonien" ließ nach griechischer Auffassung auch Anspruch auf die gleichnamige griechische Provinz erkennen. Nach dem Veto Griechenlands gegen die Aufnahme des neuen Staates in die Nato und gegen Beitrittsverhandlungen mit der EU hat die durch und durch korrupte mazedonische Regierungspartei VMRO mit einer größenwahnsinnigen Gegenoffensive das antike Erbe im Zeichen Alexanders des Großen beansprucht und die Zukunft des armen Landes noch mehr gefährdet.

Der Machtwechsel in Skopje vor einem Jahr und die höchst aktiven Vermittlungsbemühungen des EU-Erweiterungskommissars Johannes Hahn und des langjährigen US-Mazedonien-Beauftragten und UN-Vermittlers Matthew Nimetz öffneten den Weg zur Verständigung der beiden linken, antinationalistischen Regierungschefs Zoran Zaev in Skopje und Alexis Tsipras in Athen auf den Namen "Nord-Mazedonien".

Ich habe als Korrespondent über die Folgen des verheerenden Erdbebens vom 26. Juli 1963 (1070 Todesopfer) und dann vom eindrucksvollen Aufbau der zerstörten Hauptstadt berichtet und den Architekten der Eigenstaatlichkeit, den Reformkommunisten Kiro Gligorov (1917-2012), mehrmals getroffen. Ihm, dem ersten Präsidenten, war es zu verdanken, dass Mazedonien als einzige Teilrepublik nicht in die Kriege der 1990er-Jahre verwickelt wurde.

Die friedliche Entstehung des kleinen Staates war ein seltener Glücksfall. Im Laufe der Jahrzehnte gewann ich die feste Überzeugung, dass die Mazedonier weder Bulgaren noch Griechen, auch nicht Serben sein wollen. Die innere Stabilität hängt auch vom Respektieren der Rechte der Albaner ab. Die Nationalisten in Skopje und in Athen könnten noch das Abkommen torpedieren. Es geht um eine historische Chance, nicht mehr, aber auch nicht weniger. (Paul Lendvai, 19.6.2018)

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