Schweiß für England: Start gegen Tunesien

17. Juni 2018, 12:55
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Mit einem jungen, wilden Team will England seine eher blamablen auswärtigen Turnierauftritte vergessen machen

Wolgograd – Mit England war es immer recht einfach bei den großen Turnieren: Die Mutter aller Fußballer reist an mit großen Stars in der Blüte ihrer Jahre. Und dann früh wieder ab. Zuletzt zu beobachten vor zwei Jahren. England mit Wayne Rooney verabschiedete sich im EM-Achtelfinale. Gegen Island. Es war, so wie es scheint, aber ein heilsames Huh.

Diesmal hat Teammanager Gareth Southgate gewissermaßen eine flachere Hierarchie mitgenommen nach Russland, wo am Montag (20 Uhr) in Gruppe G und Wolgograd Tunesien zu bespielen ist. Southgate hat ein Team junger Wilder formiert, das ohne Druck ins Turnier gehen kann. Aber auch ohne viel Erfahrung.

Leithammel ist der grad einmal 24-jährige Stürmer Harry Kane von Tottenham. Und was er sagt, geht den von allerlei Allotria wie dem Brexit geschurigelten Landsleuten hinunter wie Öl. "Diese Weltmeisterschaft bietet die Gelegenheit, etwas zu korrigieren. Ich möchte, dass die Menschen wieder stolz auf England sind."

Das soll Coach Gareth Southgate managen. Die Teamzusammenstellung weist in die neue Richtung. Gerade einmal eine Handvoll Spieler der vergangenen WM ist noch im Aufgebot. Auch die Zeit von Rekordtorschütze Rooney ist vorbei.

Und auch sonst ist vieles anders bei den Engländern. Das Team wohnt im eher beschaulichen Country Club "forRestMix" in Repino, etwa 50 Kilometer von St. Petersburg entfernt. Vor zwei Jahren in Frankreich residierte man im luxuriösen Hotel "Auberge du Jeu de Paume", in dem eine Übernachtung normalerweise fast 600 Euro kostet.

Englischer Schweiß

Der Druck der für gewöhnlich wenig zimperlichen Öffentlichkeit ist erstaunlich gering. Erwartet wird hauptsächlich, etwas zu präsentieren, das man "english" nennen kann. Die gesetzte Times schrieb das so: "Es gibt nur Empörung, wenn England zurückkommt und kein Schweiß auf dem Trikot ist."

Und Bestsellerautor Nick Hornby, der trefflichst beschrieben hat, wie es ist, wenn einer von Leidenschaften gebeutelt wird, erläutert, sich ans Beuteln erinnernd: "Was viele von uns wollen, ist ein englisches Team, das wir mögen können." David Beckham, Steven Gerrard, Wayne Rooney und wie die anderen alle hießen, konnten das nicht. Weil sie miteinander nicht konnten.

Southgate stand also vor der Aufgabe, etwas sehr unenglisch Englisches zusammenzustellen. Und kam dabei auf etwas sehr allgemein sehr Gültiges: "Elf Freunde sollt ihr sein!" Southgate, voller Zuversicht: "Das ist ein Team, das es genießt, beieinander zu sein. Die Spieler sind stolz, ihre Nation zu repräsentieren."

Maghrebinischer Zauber

Genau das tun die Tunesier natürlich auch. Dass maghrebinische Teams bezaubernd Fußball spielen können, haben sie oft schon unter Beweis gestellt. Die Tunesier bleiben allerdings auch realistisch. Wahabi Khazri von Sunderland, der aktuell leihweise bei Stade Rennes stürmt, weiß, "dass England und Belgien die Favoriten auf das Weiterkommen sind. Aber auch wir haben ein gutes Team und werden natürlich darum kämpfen."

Khazri ist der bekannteste Kicker der Mannschaft von Trainer Nabil Maaloul. Aber auch er kann nicht wirklich als Star bezeichnet werden. Youssef Msakni, zurzeit in Katar den Sturm dirigierend, ist wegen einer Knieverletzung nicht dabei. Und Änis Ben-Hatira, Deutsch-Tunesier, ist zu seinem öffentlich beklagten Leidwesen nicht nominiert.

Dennoch, sagt der Fehlende: "Fußballerisch, technisch sind alle sehr begabt. Die Mannschaft hat sich auch körperlich weiterentwickelt. Es werden jedenfalls für England und Belgien keine einfachen Spiele."

Wie bei England ist auch für Tunesien Fußball nicht nur Fußball, sagt Ben-Hatira: "Ich hoffe, dass sich das Land bei der WM jetzt von der besten Seite zeigt, damit der Tourismus wieder in Schwung kommt. Letztendlich geht es natürlich um das Sportliche. Aber je erfolgreicher eine Nation ist, desto größer ist das Interesse allgemein."

Eine Möglichkeit zum Erfolg bietet traditionellerweise immer der englische Goalie. Jordan Pickford vom FC Everton wird es diesmal sein. Wird er sich noch englisch geben? Oder doch schon neuenglisch? (sid, wei, 17.6.2018)

Fußball-WM in Russland, Gruppe G, Montag

Tunesien – England
Wolgograd-Arena, 20 Uhr, live ORF 2, SR Roldan (COL)

Mögliche Aufstellungen:

Tunesien: 16 Mathlouthi – 21 Naguez, 4 Meriah, 2 S. Ben Youssef, 12 Maaloul – 17 Skhiri, 13 Sassi – 10 Khazri, 7 Khaoui, 23 Sliti – 8 F. Ben Youssef

Ersatz: 1 Ben Mustapha, 22 Hassen – 3 Benalouane, 5 Haddadi, 6 Bedoui, 11 Bronn, 9 Badri, 14 Ben Amor, 15 Khalil, 18 Srarfi, 19 Khalifa, 20 Chaalali

Teamchef: Nabil Maaloul

England: 1 Pickford – 2 Walker, 5 Stones, 6 Maguire – 12 Trippier, 8 Henderson, 18 Young – 7 Lingard, 10 Sterling, 20 Alli – 9 Kane

Ersatz: 13 Butland, 23 Pope – 15 Cahill, 16 Jones, 17 Delph, 3 Rose, 22 Alexander-Arnold, 4 Dier, 21 Loftus-Cheek, 11 Vardy, 14 Welbeck, 19 Rashford

Teamchef: Gareth Southgate

  • South East London ist bereit.
    foto: reuters/peter nicholls

    South East London ist bereit.

  • Auch Jordan Pickford, der 24-jährige Tormann des FC Everton, will mit der altenglischen Tradition brechen und keine Fliegen fangen.
    foto: reuters/lee smith

    Auch Jordan Pickford, der 24-jährige Tormann des FC Everton, will mit der altenglischen Tradition brechen und keine Fliegen fangen.

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