Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler: "Ich kämpfe mit anderen Waffen"

    Interview16. Juni 2018, 14:00
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    Kunsthalle, Volkstheater, Flächenbezirke: Welche Baustellen sie in Wiener als erstes angehen möchte

    Sie ist gerade einmal drei Wochen im Amt: Die langjährige Intendantin des Steirischen Herbstes Veronica Kaup-Hasler ist die Quereinsteigerin in Bürgermeister Ludwigs Team. Eine Expertin, keine Politikerin. Sie selbst hat sich bei der Präsentation als "seltsames Wesen" bezeichnet. Jetzt gibt sie erste Interviews.

    STANDARD: Was ist gute Kulturpolitik?

    Kaup-Hasler: Das Ermöglichen von Räumen. Gute Kulturpolitik macht sich Gedanken, wie sich Kunst und Publikum begegnen können und Kunstschaffende adäquate Arbeitsbedingungen vorfinden. Gute Kulturpolitik macht keine ideologischen Vorgaben…

    STANDARD: … Ihre Vorvorvorgängerin Ursula Pasterk hat Kultur als Ideologieressort definiert.

    Kaup-Hasler: Ein nicht unproblematisches Wort. Wenn man Ideologie als Haltung versteht, dann ist das Kulturressort ein Ideologieressort. Wenn Kultur allerdings einem Zweck untergeordnet ist, dann habe ich ein Problem damit. Kunst hat etwas Anarchisches.

    STANDARD: Ihr Vorgänger Andreas Mailath-Pokorny hat im Abschiedsinterview gemeint, dass die Zeit der Kulturpolitiker, die sich selbst als Teil der Kulturszene sehen, wohl vorbei sei. Sehen Sie offensichtlich anders, oder?

    Kaup-Hasler: Ich kämpfe mit anderen Waffen. Fehlbesetzungen wie zum Beispiel jene von Chris Dercon für die Berliner Volksbühne sind von Kulturpolitikern verantwortet worden, die nicht Teil der Szene waren. In meiner Zeit als Intendantin des Steirischen Herbstes hatte ich mit zwölf verschiedenen kulturpolitischen Vis-a-Vis zu tun und weiß daher, wie schwer es ist, stets von Neuem das eigene Tun zu erklären.

    STANDARD: Welche konkreten Projekte gehen Sie an?

    Kaup-Hasler: Es gibt den großen Wunsch, der rasanten Entwicklung der Stadt, vor allem jenseits der Donau, auch kulturell Rechnung zu tragen.

    STANDARD: Bürgermeister Ludwig hat die Idee einer Sommerarena in der Arena-Bucht in Kaisermühlen ventiliert. Geht es konkret darum?

    Kaup-Hasler: Ich nehme es als schöne Idee des Bürgermeisters wahr, große Setzungen zu machen. Wir haben uns allerdings darauf geeinigt, das Ganze im Team zu erarbeiten. Und uns die nötige Zeit dafür zu nehmen.

    STANDARD: Ich höre Skepsis durch.

    Kaup-Hasler: Ich will dem Thinktank nicht vorgreifen. Medien neigen dazu, gleich nach dem Spatenstich zu fragen. Denken wir frei!

    STANDARD: Nur zu!

    Kaup-Hasler: Man kann sich fragen, ob es nicht eine Bühne für Künstler braucht, die Brücken zwischen Genres schlagen. Oder andere kulturelle Institutionen jenseits der Donau ansiedeln. Indem man zum Beispiel die Chance nutzt, die einem der Abgang des Kunsthallen-Leiters bietet.

    STANDARD: Unter Nicolaus Schafhausen dockte die Kunsthalle an die globale Kunstschickeria an. Die ist eher in London SOHO als in Wien Kaisermühlen zu Hause.

    Kaup-Hasler: Deswegen muss man über die Positionierung einer Kunsthalle nachdenken. Man muss sich fragen: Was fehlt?

    STANDARD: Ein Fotomuseum?

    Kaup-Hasler: Das muss man sich genau überlegen, ob ein Spartenmuseum Sinn macht. In jedem Fall fehlen Räume, die für freischaffende Künstler aller Couleur da sind. Ich meine damit aber nicht Garagen und Keller, sondern gut ausgestattete Räume.

    STANDARD: Solche Häuser zu schaffen war Ziel der Theaterreform. Kommt eine Theaterreform 2?

    Kaup-Hasler: Da wurden wesentliche Schritte gesetzt. Aber man kann noch weiter gehen. Ein Haus wie das Brut ist wunderbar, aber es braucht weitere Häuser, die auch die nötigen Dimensionen haben. Wir müssen bedenken: Die belgische Kunstszene konnte nur so groß werden, weil sie so große Räume hatte. Wenn die freie Szene immer gezwungen ist, in kleinen Orten zu arbeiten, kann sich die Ästhetik nicht entwickeln.

    STANDARD: Das Volkstheater wäre eine Möglichkeit. Das Haus dümpelt vor sich hin, und jetzt steht die Vertragsverlängerung von Intendantin Anna Badora an.

    Kaup-Hasler: Wir sind in sehr intensiven Gesprächen, denen will ich nicht vorgreifen. Ich frage mich, welche Funktion könnte dieses Haus haben? Aber wir müssen vorsichtig sein: Niemand will ein Publikum verscheuchen, es geht darum, ein neues zu gewinnen und das alte mitzunehmen.

    STANDARD: Auch die Vereinigten Bühnen klagen über zu kleine Räume: Sie verschlingen die Hälfte Ihres Theaterbudgets, ressortieren dazu beim Finanzstadtrat. Wie ist Ihr Verhältnis zum Musical?

    Kaup-Hasler: Wenn ich mit meinen Kindern "Singing in the Rain" schaue, singe ich immer mit.

    STANDARD: Jetzt hätte ich gerne eine Kamera dabei, um Ihren gequälten Gesichtsausdruck einzufangen.

    Kaup-Hasler: Wie bei allen Dingen muss ich erst einmal verstehen, warum Geld fürs Musical ausgegeben wird. Ich habe bereits einige Antworten bekommen. Ein wichtiger Punkt ist, dass bei uns Musicals in traditionsreichen, historischen Häusern, die vergleichsweise weniger Kapazitäten haben, gespielt werden.

    STANDARD: Bei den Wiener Festwochen haben Sie den Überblick bereits. Wie soll es mit dem Intendanten Zierhofer-Kin weitergehen?

    Kaup-Hasler: Er hatte ein schwieriges erstes Jahr. Das gibt es öfters. Die zentrale Frage ist die, inwieweit das Portfolio, das die Festwochen umfassen können, ausgeschöpft wird. Die Festwochen waren immer dort stark, wo sie Vielfalt auf höchstem Niveau geboten haben. Dort, wo sie mit Auftragswerken, mit Ur- und Erstaufführungen in Erscheinung getreten sind. Ich habe nie in diesem Sinne eine Verkrustung der Festwochen wahrgenommen.

    STANDARD: Aber genau das war das Argument Ihres Vorgängers, als er Zierhofer-Kin engagierte.

    Kaup-Hasler: Es ging nicht um Verkrustung, sondern darum, neues Publikum anzusprechen.

    STANDARD: Wünschen Sie sich die Festwochen zurück, wie sie vor Zierhofer-Kin waren?

    Kaup-Hasler: Ein Festival muss immer in Bewegung sein und das eigene Tun als Institution in einer kulturell reichen Stadt hinterfragen. Aber ja, die Bandbreite der Festwochen mit vorwiegend neuen Arbeiten auf hohem Niveau hat mir immer gut gefallen. Und im heurigen Jahr konnte man die auch durchaus erkennen.

    STANDARD: Welche Projekte möchten Sie noch in diesem Jahr auf Schiene gebracht haben?

    Kaup-Hasler: Die Neuausrichtung der Kunsthalle mit einer interessanten Ausschreibung. Eine in die Zukunft gerichtete Perspektive für das Volkstheater. Ich will über die Wiener Festwochen nachgedacht haben. Ich will das System der Förderungen durchleuchten. Und ich möchte klare Signale gesendet haben in den bevölkerungsstarken Bezirken. Wir arbeiten gerade an mindestens zwei Calls für Kulturprojekte für diese Bezirke. Projekte im großen Stil! (Stephan Hilpold, 16.6.2018)

    Veronica Kaup-Hasler (49) leitete elf Jahre lang den Steirischen Herbst.

    • Begrenzte Budgets, vielfache Interessen: Vielleicht schafft es Neo-Stadträtin Veronica Kaup-Hasler, der Wiener Kulturpolitik Flügel zu verleihen. Hier übt sie schon mal.
      foto: christian benesch

      Begrenzte Budgets, vielfache Interessen: Vielleicht schafft es Neo-Stadträtin Veronica Kaup-Hasler, der Wiener Kulturpolitik Flügel zu verleihen. Hier übt sie schon mal.

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