Lehrerin: "Die Welt kommt zu mir ins Klassenzimmer"

    16. Juni 2018, 09:00
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    Wenn der Deutschkurs zur Selbsthilfegruppe wird

    Es ist nicht das klassische Schulsetting, in dem Frau X unterrichtet. Ihre Schüler sind aktuell zwischen 24 und 54 Jahren alt, vorwiegend Männer und kommen aus so unterschiedlichen Ländern wie Syrien, Afghanistan, dem Iran, Spanien oder Schweden. Weil "rund ein Drittel" ihrer Kolleginnen und Kollegen bereits gekündigt sind oder kurz vor der Kündigung stehen, will Frau X mit ihren Erlebnissen aus einem ganz speziellen Klassenzimmer lieber anonym bleiben.

    Zur Erklärung: Die Regierung hat dem Arbeitsmarktservice 105 Millionen Euro weniger für die Abhaltung von Deutschkursen für Flüchtlinge gewährt. Und weil Frau X bei einem jener Bildungsinstitute beschäftigt ist, die im Auftrag des AMS ebendiese Kurse abhalten, hat sie die Auswirkungen dieser Mittelkürzungen unmittelbar miterlebt.

    Mehr als ein Kurs

    Doch sie will sich nicht beklagen. Auch wenn das Salär für ihre Tätigkeit als Deutschtrainerin alles andere als üppig ist. Der Job sei eine sehr sinnvolle Tätigkeit, die Zusammenarbeit mit den Deutschschülern überaus freudvoll ("Jeder Einzelne ist froh, dass er den Kurs besuchen kann"), der Spirit in der Kollegenschaft trotz Kündigungswelle gut. "Der Kurs ist für meine Schüler auch sozial wichtig, nicht nur um Menschen kennenzulernen", berichtet Frau X. "Sie haben hier die Gelegenheit, mich zu fragen, wie sie ein Medikament einnehmen sollen. Sie zeigen mir ihre Befunde oder ein Schreiben von Wien Energie und wollen wissen, was das bedeutet. Unlängst hat mich einer gefragt: ,Was ist, wenn Strache mich aus dem Land wirft?'" Frau X vergleicht ihren Kurs mit einer Selbsthilfegruppe.

    "Aber auch ich habe wahnsinnig viel gelernt von ihnen. Die Welt kommt ja zu mir ins Klassenzimmer." Ob sie überhaupt da landen, sei eine reine Glückssache, befindet Frau X. Es hänge davon ab, ob der- oder diejenige an einen engagierten Mitarbeiter beim AMS gerate, der ihm oder ihr eine rasche Kursteilnahme ermöglicht. Jedenfalls war das vor den jetzt beschlossenen Budgetkürzungen der Fall.

    foto: heribert corn
    Die Regierung hat dem Arbeitsmarktservice 105 Millionen Euro weniger für die Abhaltung von Deutschkursen für Flüchtlinge gewährt.

    Von den vielgescholtenen Parallelgesellschaften kann Frau X nichts berichten, im Gegenteil: Jedes Mal werde sie gefragt, wo man bitte Österreicher kennenlernen könne. Und, ja, sie habe tatsächlich schon einen Uni-Professor im Kurs sitzen gehabt. Frau X berichtet von syrischen Architekten, Sportlern, Ärzten oder Anwälten, von Schul- und Bankdirektoren, die bei ihr die Schulbank drücken. Wenn die dann – oft in fortgeschrittenem Alter – mit "Ich heiße ..." wieder von vorn beginnen müssen, sei das nicht leicht für die jeweilige Person.

    "Nicht realistisch"

    Wenn es künftig notwendig sein soll, für den Anspruch auf volle Mindestsicherung mindestens das Sprachlevel B1 zu erreichen, bedeute das: Der Schüler soll an einfachen Diskussionen teilnehmen können, einfache Zeitungsartikel verstehen oder auf ein formelles Email antworten können. Frau X findet: "Für viele ist das nicht realistisch. Das schaffen sie vielleicht, wenn sie keine Kinder zu versorgen, keine finanziellen Probleme, einen ruhigen Platz zum Lernen und keine Sorgen haben. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind 55 Jahre alt! Da merken Sie sich das einfach nicht. Auch meine afghanischen Jungs werden nie ein B1-Zertifikat in den Händen halten, weil sie nie eine Chance auf Bildung hatten."

    Dass es auch schwierige Situationen unter ihren Kursteilnehmern gibt, will Frau X nicht leugnen. Weniger zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft als zwischen Landsmännern mit unterschiedlichen politischen Einstellungen. Was sie aber wirklich aufregt, ist, dass ausgerechnet derjenige, der jetzt für die Mittelstreichung bei den Deutschkursen verantwortlich ist, auf Seite eins im Deutschlehrbuch prangt: Bundeskanzler Sebastian Kurz, der zum Zeitpunkt der Drucklegung noch als Integrationsstaatssekretär von den Segnungen des Integrationsfaktors Deutschkurs schwärmte. (Karin Riss, 16.6.2018)

    Weitere Serienteile: Aus dem Klassenzimmer

    • "Stellen Sie sich vor, Sie sind 55 Jahre alt! Da merken Sie sich das einfach nicht." Eine Deutschtrainerin zweifelt daran, dass das Erreichen des Sprachniveaus B1 für viele ihrer Schüler realistisch ist.
      foto: heribert corn

      "Stellen Sie sich vor, Sie sind 55 Jahre alt! Da merken Sie sich das einfach nicht." Eine Deutschtrainerin zweifelt daran, dass das Erreichen des Sprachniveaus B1 für viele ihrer Schüler realistisch ist.

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