Lucie Stahl: Amerikanische Scheinidylle mit Planwagen

    17. Juni 2018, 07:00
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    "The Simple Life" über Öl und Pionierkult-Positivismus in der Galerie Meyer Kainer

    Staub, Haare und kleine Fliegen – manchmal sind auch sie in ihren Arbeiten miteingeschlossen, erzählt Lucie Stahl. Denn Stahl, 1977 in Berlin geborenen, baut ihre Collagen mit einem Scanner – legt Texte oder Konsumgüter wie Zigaretten darauf oder gießt Flüssigkeiten auf seine Oberfläche. Ihre Scans überzieht sie anschließend mit Harz, sodass die Epoxidoberfläche auch die Umgebung reflektiert. Blasen und kleine Fehler in der Harzschicht helfen aber, Perfektion zu vermeiden.

    Zu Lucie Stahls Themen würde das Perfekte auch gar nicht passen. Teil ihrer Ausstellung The Simple Life in der Galerie Meyer ist etwa eine Öltonne: Das Prayer Wheel war heuer auch schon Teil ihrer Soloschau in der Londoner Cabinet Gallery. Aus mehreren solchen Tonnen arrangierte sie eine tibetanische Gebetsmühle. In Wien verweist die Tonne darauf, dass raffiniertes Öl genauso in Epoxidharz wie in vielen Konsumgütern und ihren Verpackungen enthalten ist.

    Für das Bild Oil Rig hat Lucie Stahl etwa eine Whiskeybonbondose gescannt. Das idyllische Firmenlogo mit Schiff hat sie zuvor allerdings noch mit einer Ölbohrplattform ergänzt. Um eine Anklage scheint es ihr jedoch weniger zu gehen als darum, Bewusstsein zu schaffen: "Konsumgüter und Müll ziehen mich an", sagte sie dem Mousse Magazine. "Die Arbeiten, die sich mit Konsumkultur beschäftigen, sind nicht bloß ablehnend, nicht als simple Kritik gedacht. Ich bin Teil dieser Kultur. Ich empfinde eine starke Anziehung zu diesen Dingen."

    Sehnsucht und Scheinidylle

    Den Ausstellungstitel The Simple Life darf man demnach auch nicht unbedingt als Aufforderung zu einem einfacheren Leben verstehen. Stahl war während eines längeren USA-Aufenthalts vielmehr immer wieder mit diesem – wie sie sagt – "Back-to-Farming-Pionierkult-Positivismus" konfrontiert: mit der Sehnsucht nach Regionalismus, Einsiedelei und einem einfachen Leben, in dem der Ölbohrturm auch wieder neben dem Eigenheim steht. Eine Scheinidylle, die seit Trump wieder Einzug in die Köpfe hielt und die sie im Bild mit dem Titel The Simple Life verewigt.

    Der Rückwärtsgewandtheit begegnet Stahl mit Humor: Hillbilly Elegy heißt eine Schaufensterpuppe mit Aussteigerfrisur. Und The Longest Ride zeigt einen historischen Planwagen. Er steuert direkt in die Dunkelheit. (Christa Benzer, 17.6.2018)

    Bis 28. 7., Galerie Meyer Kainer, Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

    • Ölbohrturm in der Einsiedelei: "Prayer Wheel" von Lucie Stahl.
      foto: marcel koehler, galerie meyer kainer

      Ölbohrturm in der Einsiedelei: "Prayer Wheel" von Lucie Stahl.

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