Happige Immobilienpreise in China: Shenzhen sehen und erben

    Ansichtssache5. Juli 2018, 12:00
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    China und seine Immobilienblase: Shenzhen zählt zu den teuersten Pflastern der Welt. DER STANDARD hat anlässlich der Weltpremiere des Audi Q8 dort eine kleine Runde gedreht

    foto: andreas stockinger

    So sieht es aus im modernen China. Vor 40 Jahren schuf Mao-Nachfolger Deng Xiaoping die erste Sonderwirtschaftszone – direkt vor den Toren der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong. Shenzhen. Ein Fischerdorf mit 30.000, 40.000 Einwohnern. Heute sind es offiziell zwölf Millionen, inoffiziell mehr als 20. Mit Wolkenkratzern so weit das Auge reicht, Baustellen an jeder Ecke – und wir befinden uns hier, apropos, auf einem der teuersten Immobilienpflaster der Welt.

    Der Quadratmeterpreis pendelt derzeit bei rund 13.000 Euro. In Schanghai und Peking ist das nicht anders. Verglichen damit nimmt sich der Wien-Schnitt von 4.000 plus/minus bei Neubau geradezu als Schnäppchen aus.

    Was die in Shenzhen begehrte 65- oder 70-Quadratmeter-Apartments kosten, kann man sich ausrechnen. Wenn diese Blase platzt, dann Gnade uns Gott, dann bebt die ganze Welt; dagegen ist die japanische Immobilienblase, die in den 1990er-Jahren implodierte und von der sich das Inselreich bis heute nicht erholt hat, ein Lercherlsch... – na, Sie wissen schon.

    Das Reich der Mitte denkt gern in Superlativa, das hat man von den Amis übernommen ("big is beautiful"): Nirgendwo auf der Welt muss man in Relation zum Einkommen mehr für eine Wohnung zahlen, im Schnitt ist es das mehr als 40-Fache des wiederum durchschnittlichen Jahreseinkommens (in Österreich sind es zwischen sieben und acht). Dabei ist es nicht einmal so, dass man die teure Immobilie einfach so an die Nachkommenschaft weiterreichen könnte. Laut chinesischem Baurecht hat man sie nur in Pacht, in der Regel 70 Jahre.

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    foto: andreas stockinger

    Und die Diskrepanz zwischen zwölf und 20 Millionen Einwohnern? Erklärt sich laut mehrfacher Nachfrage bei Gesprächspartnern in Shenzhen damit, dass die erste Kennzahl die offiziell gemeldeten Stadtbürgerinnen und -bürger meint. Die zahlen kommunale Steuern, und zwar happige; die anderen nicht. Auf die Frage, welche Vorteile es dann bringe, gemeldet zu sein, erhalte ich zur Antwort, dass man dann unter anderem besseren Zugang auf das Gesundheitssystem bekomme. Andernfalls könne man sich das nämlich kaum leisten, wer etwa Krebs habe, ziehe sich am besten gleich zum Sterben zurück. So weit, so makaber – in Maos Zeiten, in denen das Leben oft einen Pfifferling wert war, war immerhin die Gesundheitsversorgung flächendeckend für alle gleich (außer für Parteibonzen, für die war sie immer schon gleicher).

    Den Weg vom Flughafen Hongkong nach Shenzhen nehmen wir per Fähre, via SkyPier Terminal, das geht flott vonstatten. Die Einreisemodalitäten sind verglichen mit dem, was man von der US-Immigration her kennt, kaum der Rede wert, und tagsüber kommt man in der Stadt offensichtlich ganz gut voran, jedenfalls besser als im Schanghaier Dauerstau.

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    Und da zwischen Ankunft und Abendprogramm ein paar Stunden Luft sind, die man biorhythmisch besser nicht verpennt – Jetlag und so –, drehen wir zu dritt gleich einmal eine Runde ums Hotel, das nur einen Block von der sicherheitszaunbewehrten Grenze zu Hongkong entfernt liegt. Dieser Umstand fällt mir gleich an der Rezeption auf, zu der man erst in den 33. Stock hochfahren muss und von wo aus sich ein grandioser Rundumblick bietet. Sieht gefährlich aus, und die Frage, in welche Richtung der Zaun sichern soll, kann mir niemand beantworten.

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    Jedenfalls: Von dort oben wird auch gleich ein älteres Viertel sichtbar, das bereits im Meer der deutlich höheren, mehr Wohnraum erschließenden Hochhäuser unterzugehen scheint. Ein hochoffiziöses Gebäude mit Lobpreisungen kommunistischer Errungenschaften, umgeben von keine zehn Etagen hohen Wohngebäuden. Wer weiß, wie lange das Areal noch steht.

    Drinnen im Hotel ist es runtergekühlt, wie man das ebenfalls aus den USA her kennt. Draußen schwül wie vor einem Sommergewitter am Neusiedler See mit 30 Grad Celsius aufwärts. Der erste Taifun des Jahres dräut, die nassen Vorboten erwischen uns zwei Tage später.

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    Jetzt erst mal die Luxusmeile rauf ins Bankenviertel, Richtung Bank of China, vorbei an Hermès, Louis Vuitton, und wie das Zeugs heißt. Wären keine chinesischen Schriftzeichen da, man könnte irgendwo in der Welt sein. Preise schreiben die gleich gar nicht dazu, sehr anständig.

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    Noch rasch zu einer Unterführung runter, Kollege Stefan meint, das da rechts sähe fast aus wie ein Starbucks, richtig, es ist ein Starbucks; ein Führer wird uns übermorgen erzählen, er gehe gern in eine dieser Braungetränkefilialen: Dort könne er stundenlang sitzen, ohne etwas konsumieren zu müssen. Konditioniert auf österreichische und italienische Kaffeekultur, wenden wir uns indes mit Grauen und durchschreiten flugs die Unterführung ...

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    ... in der massenhaft gelbe Räder parken.

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    Auf dem Rückweg nach der Begegnung mit dem Bullen, der jenem in der Wall Street ähnelt und wohl auch ähneln soll, lockt ein Buchgeschäft:

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    "Shenzhen Book City". – Nix wie rein, war ohnehin Zeit für eine kleine Abkühlung. Rolltreppe rauf, und dann Berge von Büchern, etliche davon zweisprachig, nämlich englisch zusätzlich. Auf einem Tisch ein synkretistischer Ansatz: wesentliche Figuren der Religions- und Philosophiegeschichte in trauter Eintracht zusammen. Gleich dahinter ein Tisch mit Büchern über Adolf Hitler. Das ist jetzt eindeutig genug der Abfrostung, rasch die Globenabteilung durchquert, draußen vorbei an einem ...

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    ... riesigen Porsche-Cayenne-Plakat – und Schluss für heute.

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    Anderntags markantester erster Punkt ist der riesige Huawei-Campus.

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    Neoklassizistischer Protz, an dem Albert Speer ebenso Freude gehabt hätte wie Stalin und womöglich auch Mao. Wie gesagt, "big is beautiful". Und am Abend, anlässlich der Weltpremiere des Audi Q8, geht’s zum OCT-Freizeitpark runter an die Shenzhen-Bucht, dort soll das Ding über die Bühne gehen. Die "Overseas Chinese Town Enterprises Co." stammt aus Shenzhen, sie ist einer der gewichtigsten Freizeit- und Themenparkbetreiber in China, und natürlich stehen dort Eiffelturm und Konsorten herum, frei nach der in Zeiten des Kalten Krieges gängigen Wuchtel: "Haben Sie Shakespeare schon im russischen Original gelesen?"

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    Wir aber, wir gehen erst einmal ins Ufo und dann rüber zum ...

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    ... Veranstaltungstempel, und damit Schluss für heute, zumindest schilderungstechnisch; der finale Barbesuch wird Sie nicht weiter bekümmern.

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    Morgen ist auch noch ein Tag, und zwar ein verregneter, so verregnet, dass es selbst dem schnürlregenerprobten Salzburger Kollegen Michael Respekt abringt.

    Weil nämlich noch Zeit ist bis zum Abflug und Rainers Bruder, der in Shenzhen lebt, dies als besuchenswert empfohlen hat, gurken wir eine Dreiviertelstunde rüber in den Longgang District.

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    Dort gibt’s so etwas wie eine Altstadt, Häuser mit Walmdächern, altes China. Na ja, schon interessant, aber so in der Art Museumsdorf Niedersulz: etliche Gebäude von reichen Menschen irgendwo in China abtragen und hier originalgetreu wieder aufbauen lassen. Maos Kulturrevolution hat ja Hekatomben an Menschenopfern und gigantische Verluste an historischer Substanz gekostet, insofern fein, dass man einiges an einem Ort zusammengetragen findet.

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    Am Wochenende sei das Areal sehr beliebt, erzählt unser Führer, und wenn erst – bald nämlich – eine U-Bahn-Station hier öffnet, wird der Andrang kaum mehr zu bewältigen sein. Besser jetzt noch ansehen, auch die Museen, auch das alte, stillgelegte Bahnhofsgelände mit seiner altrosa Kitschlok und die allgegenwärtigen Souvenirshops.

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    Einem bladen Buddha über den Bauch streicheln bringt Glück. Aus Erwägungen politischer Korrektheit à la Chinoise findet sich daneben meist ein Mao im Regal.

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    Ja, und dann passiert dem Führer etwas, das ihm noch nie widerfahren ist: Zwei aus unserer Gruppe sind mit Kaufauftrag unterwegs, irgendein spezielles Mangozeugs, wenn ich das richtig verstanden habe.

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