Finanzministerium bietet Mitarbeitern energetische Leistungen an

    14. Juni 2018, 11:58
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    Ressort zahlt Cranio-Sacral-Therapie – Krankenkassen übernehmen solche Leistungen nicht, weil medizinische Wirksamkeit nicht nachweisbar sei

    Wien – Energetiker sind spätestens seit dem 95.000 Euro teuren Auftrag für einen Energieschutzring beim Wiener Krankenhaus Nord in aller Munde. Wie eine parlamentarische Anfrageserie von Neos-Mandatarin Claudia Gamon zeigt, werden aber auch im Finanzministerium energetische Leistungen angeboten.

    Minister Hartwig Löger (ÖVP) schreibt in seiner Beantwortung, dass man "in Abstimmung mit der Arbeitsmedizin des Ressorts das Angebot der Cranio-Sacral-Therapie" bereitstelle. Da die Mitarbeiter des Hauses mehrheitlich sitzende Tätigkeiten ausführten und es deshalb leicht zu Verspannungen des Bewegungsapparats kommen könne, erscheine ein solches Angebot sinnvoll.

    "Sanfte Körperberührung"

    Was man sich unter einer Cranio-Sacral-Therapie vorstellen darf? Näheres dazu lässt sich in der "Informationsmappe für Energetiker" der Wirtschaftskammer – sie stellt die Energetikergewerbescheine aus – nachlesen: "Diese spezielle Form der sanften Körperberührung erfasst und balanciert insbesondere den Energiefluss und das Pulsieren der Energien am Kopf, entlang der Wirbelsäule, am Kreuzbein und in der Gehirn-Rückenmarkflüssigkeit (Liquor). Die sanften Berührungen erfolgen daher typischerweise entlang des craniosacralen Systems (Kopf, Wirbelsäule, Kreuzbein), können jedoch am ganzen Körper erfolgen", heißt es in der Unterlage.

    Wissenschaftlich ist die Therapie durchaus umstritten. Es handelt sich daher auch um keine Leistung, die von den Krankenkassen finanziert wird. Es gebe "keine medizinische Evidenz", heißt es dazu im Hauptverband der Sozialversicherung zur Begründung. In anderen Worten: Die Wirksamkeit lässt sich medizinisch nicht belegen.

    Etwas differenzierter ist die Einschätzung von Doris Schöpf, Referentin für Komplementärmedizin der Österreichischen Ärztekammer. Es handle sich zwar um keine offiziell anerkannte Therapie, aus ihrer Sicht sind die Methoden aber auch nicht kategorisch abzulehnen. Es gebe vereinzelt Studien, wonach es messbare Effekt gebe, laut einem Großteil der Untersuchungen seien diese aber nicht belegbar. "Die Sensibilität des Therapeuten ist gefragt", meint Schöpf.

    "Ausgebildetes Fachpersonal"

    Wie es in Fachkreisen heißt, werden Cranio-Sacral-Therapien mittlerweile sogar von Pflegekräften angeboten. Im Finanzministerium greife man aber nur auf "ausgebildetes Fachpersonal wie Osteopathen, Physiotherapeuten oder staatlich geprüfte Masseurinnen und Masseure" zurück, schreibt Löger.

    Wie hoch die Kosten dafür sind, gibt er übrigens nicht an, obwohl Gamon ausdrücklich nach Auftragsvolumen, Auftragsnehmern und Verträgen gefragt hat, was für Kritik bei der Neos-Abgeordneten sorgt. "Minister Löger stellt seinen Beamten eine Therapie zur Verfügung, der von zahlreichen Studien die klinische Wirksamkeit abgesprochen wird. Gleichzeitig verschweigt er die Kosten für die Steuerzahler. Hier gibt es eindeutig noch Klärungsbedarf", so Gamon.

    Alle anderen Ressorts haben übrigens verneint, Energetiker engagiert zu haben – auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP), die wie berichtet bis zu ihrem Amtsantritt selbst einen Energetiker-Gewerbeschein besaß. Es handelt sich um ein freies Gewerbe, eine spezielle Ausbildung ist daher nicht notwendig. (go, 14.6.2018)

    • Finanzminister Hartwig Löger meint, die Cranio-Sacral-Therapie sei aus arbeitsmedizinischer Sicht sinnvoll.
      foto: urban

      Finanzminister Hartwig Löger meint, die Cranio-Sacral-Therapie sei aus arbeitsmedizinischer Sicht sinnvoll.

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