Trump und Kim – Psychogramm einer Seelenverwandtschaft

    Userkommentar13. Juni 2018, 14:38
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    Über die Bedeutung der Persönlichkeitsstruktur in der Politik

    Der US-amerikanische Psychoanalytiker Walter Charles Langer wurde dadurch bekannt, dass er 1943 im Auftrag des Nachrichtendienstes des US-Kriegsministeriums, des Office of Strategic Services, an einer psychologischen Studie über Adolf Hitler mitarbeitete. Die Arbeit wurde 1972 unter dem Titel "The Mind of Adolf Hitler" als Buch veröffentlicht. Ziel von Langers Untersuchung war es, ein Profil von Hitlers Persönlichkeit zu erstellen, um das "wahrscheinliche" Verhalten von diesem zu prognostizieren und die Daten für strategische Zwecke zu nutzen. Die methodische Grundlage für dieses Psychogramm waren Interviews mit zahlreichen Personen, die Hitler persönlich kennengelernt hatten und die den US-Geheimdiensten zur Verfügung standen. Psychogramme und psychologisch fundierte Einschätzungen der Persönlichkeit und des damit verbundenen Verhaltens hatten damals schon eine gewisse Bedeutung und weckten das Interesse der verantwortlichen Strategen.

    Vom Psychogramm Hitlers zu Cambridge Analytica

    Wie das aktuelle Beispiel Cambridge Analytica zeigt, ist das Thema Profiling von Menschen interessanter denn je. Die Frage ist nur, welche Mittel legitim und vertretbar und wie treffsicher und valide derartige Ansätze sind. Der psychoanalytisch fundierte Ansatz Langers hat trotz der durchaus manifest vorhandenen Fehlerquellen seiner Datenbasis – Langer hatte Hitler selbst nie auf seiner sprichwörtlichen Couch, sondern nur Informationen Dritter über diesen – eine andere qualitative Tiefe als das quantitative Datenmatching der Cambridge-Analytica-Methode.

    Denn das Problem an derartigen großangelegten Datenanalysen auf Basis von Algorithmen liegt darin, wie die Daten interpretiert werden und welche Zusammenhänge zwischen den gesammelten Parametern angenommen werden. Hier bringt es nichts, einfach nur Zwetschgen mit Birnen zu korrelieren. Dennoch wird darüber spekuliert, welchen Einfluss die Arbeit dieser Beraterfirma auf die Wahlen in den USA hatte oder haben konnte. Womit wir beim Thema Donald Trump wären. Auch bei ihm wird versucht zu analysieren und sein Verhalten auf einen Sinn hin zu decodieren.

    Instinkt steht vor Intellektualität

    Eines steht fest: Trump ist mit dem Inventar an klassischen politikwissenschaftlichen Herangehensweisen nur schwer bis gar nicht zu erfassen. Das Festmachen Trumps auf ein einfaches Schema wird schwierig bis unmöglich. Dies hängt mit seinem Naturell zusammen. Auf den ersten Blick könnte man ihm ein infantiles, rein triebgesteuertes Verhalten attestieren. Doch diese Diagnose ist zu oberflächlich. Er reagiert zwar anscheinend oft impulsiv, bevor er denkt, ist aber durchaus verhaltensoriginell. Im Unterschied zu eher kopflastig analytischen Typen verfügt er über eine instinktive Achtsamkeit und kann Zusammenhänge auf ein für ihn wesentliches Maß reduzieren. Dadurch ist er schneller in der Einschätzung des Gegenübers, welches er dichotom nach dem Feind- und Freundbild-Muster einordnet. Diese Herangehensweise hat natürlich auch manifeste Nachteile und Schwachstellen. Für Trump, seine Genese und seine Karriere war sie aber bis dato erfolgreich – und daher behält er sie bei.

    Beziehungsmuster Trump und Kim Jong-un

    Nach anfänglichem männlichem Imponiergehabe und Diskussionen, wessen "roter Knopf" für die atomaren "Raketen" größer wäre (man spare sich eventuelle tiefenpsychologische Deutungen), legte Trump eine Kehrtwende hin und redet nun von einem Treffen der "Spitzenklasse" und einem epochalen Ereignis. So werden aus dem Kapitalisten und dem Kommunisten fernab der scheinbar ideologischen Unterschiede beste Freunde.

    Durch Persönlichkeiten wie Donald Trump oder Kim Jong-un werden wir uns an Unschärfen und unberechenbares Verhalten gewöhnen und lernen müssen, damit umzugehen. Die einzige Lösung für emotional aufgeladene Zeiten und schwierige Persönlichkeiten ist, selbst stabil und ausgeglichen zu sein. Denn wie sagt schon die verbreitete Redensart: "Was juckt es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt." (Daniel Witzeling, 13.6.2018)

    • Donald Trump und Kim Jong-un in einer Gipfelpause im Capella-Hotel in Singapur.
      foto: apa/afp/saul loeb

      Donald Trump und Kim Jong-un in einer Gipfelpause im Capella-Hotel in Singapur.

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