ORF-Fußball: "Je früher eine Frau kommentiert, desto besser"

    Interview13. Juni 2018, 06:00
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    ORF-Sportchef Hans Peter Trost möchte Frauenfußball forcieren. Bei der Männerbundesliga ist er mit dem ORF nur Restlverwerter

    Wien – Der Ball rollt ab 27. Juli in eine neue Richtung: Pay-TV-Anbieter Sky hat sich um 34 Millionen Euro pro Jahr die Rechte an der österreichischen Fußballbundesliga für die nächsten vier Jahre gesichert – mit Option auf Verlängerung. Frei empfangbar sind dann nurmehr vier von 195 Saisonspielen – bei A1 beziehungsweise skysportaustria.at. Der ORF, bisher Partner im Free-TV, zeigt künftig nurmehr zwei Highlightsendungen der Zwölferliga.

    STANDARD: Am Dienstag lud Sky zur Präsentation der neuen Bundesligarechte. Von A1 über oe24.tv bis Laola 1 waren alle Partnermedien vor Ort, nur der ORF nicht. Sind Sie so angefressen, dass Sie bei der Rechtevergabe schlecht ausgestiegen sind, dass Sie die Veranstaltung boykottieren?

    Trost: Das hat mit angefressen nichts zu tun. Diese Einigung ist relativ knapp zustande gekommen. Ich habe einen Termin beim russischen Botschafter, den ich nicht absagen kann, und vor der Fußball-WM hat das einfach Priorität. Unsere Rechte sind klar, und wenn wir etwas speziell Neues machen, werden wir das selbst verkünden.

    STANDARD: Sie haben ja die Highlightshows für die nächsten vier Jahre erworben …

    Trost: Show ist gut. Wir haben uns zwei der drei Highlightpakete gesichert. Wir haben für Samstag und Sonntag um jeweils 19.30 Uhr geboten und den Zuschlag erhalten.

    STANDARD: Wie konzipieren und programmieren Sie die zwei Sendungen – von 19.30 bis 20 Uhr?

    Trost: Wir werden mit der Studiosendung sicher bereits früher beginnen – wahrscheinlich um 19.15 oder 19.20 Uhr –, mit der Einleitung, einem Experten oder Gast. Hier sind wir aber noch beim Konzipieren. Im Vertrag steht, dass wir keine Ausschnitte der Spiele vor 19.30 Uhr zeigen können.

    STANDARD: Wie lange soll die Sendung dauern?

    Trost: Wir loten gerade die beste Version für die Zuseher aus. Wenn zum Beispiel um 19.55 Uhr in ORF 2 der Kurzsport läuft, macht es wenig Sinn, in ORF 1 zeitgleich Fußball zu spielen.

    STANDARD: Beginn 19.30 Uhr ist mutig, weil es zeitgleich mit der quotenstarken "Zeit im Bild" läuft.

    Trost: Das ist nicht mutig, das war die Vorgabe. Die konnten wir nicht wegverhandeln. Ich gehe davon aus, dass der Pay-Rechtebesitzer alles unternimmt, um sein Geschäft anzukurbeln. Damit ist klar, dass wir gegen die stärkste Konkurrenz antreten müssen.

    foto: scan/sky
    Sky-Übersicht: die Verwertungskette der neuen Bundesliga.

    STANDARD: Dem ORF bröseln die Fußballrechte weg. Keine Bundesliga live, keine Champions League mehr, die Europa League hat Puls 4: Was bleibt?

    Trost: Dass viele Rechte bei diesen Summen hinter die Bezahlschranke kommen, war klar. Bei uns hat das erst relativ spät stattgefunden. Was bleibt? In den nächsten vier Jahren haben wir 50 Spiele der Nations League. Inkludiert sind hier 40 Spiele der österreichischen Fußballnationalmannschaft plus zehn Spiele, die wir frei wählen dürfen. Dann haben wir uns die Nationalteams von der U21 abwärts mitgesichert und die Damen-Fußballnationalmannschaft. Mit dem Bekenntnis zur Weiterentwicklung des Fußballs der Damen, abgerundet mit einem Vertrag über mindestens 40 Spiele der Damenbundesliga. Man könnte sagen, das ersetzt keine Champions League, aber das ist auch nicht der Sinn. Der Sinn ist, neue Produkte mitaufzubauen. Dann zeigen wir noch exklusiv den ÖFB-Cup. Die zweite Liga haben wir in Partnerschaft mit Laola 1 erworben, wobei 30 Spiele bei Laola 1 zu sehen sind und 30 bei uns.

    STANDARD: Die 40 Spiele umfassen rein die Bundesliga der Frauen?

    Trost: Ja, wir zeigen pro Saison mindestens zehn Spiele live. Dann kommt noch der Cup dazu mit ausgewählten Spielen sowie dem Finale, und wir engagieren uns bei den Qualifikationsspielen zur Champions League.

    STANDARD: Das läuft alles in ORF Sport plus?

    Trost: Nicht nur, die Spiele der Damennationalmannschaft hatten wir weitgehend in ORF 1. Wir haben nur das Problem, dass Auswärtsspiele gar nicht oder oft in einer technisch sehr schlechten Qualität produziert werden. Das reicht nicht für ORF 1. Wir können aber nicht Übertragungswagen ins Ausland schicken, sondern die Anstrengung muss sein, dass gewisse Standards bei Frauenqualifikationsspielen herrschen, so wie es bei den Männern der Fall ist. Es wäre undenkbar, ein Spiel der Männer nur mit zwei Kameras zu übertragen. Aber auch das ist im Aufbau, und wir werden unseren Beitrag leisten.

    STANDARD: Mit vielen Übertragungen?

    Trost: Dafür haben wir Gebühren, denn massiv Geld verdienen kann man damit nicht. Es gibt ja kaum Länder, in denen die Frauenligen flächendeckend übertragen werden. Wir werden uns bemühen, weil die Damen zumindest mit dem Nationalteam und in den Ligen dieselben Leistungen bringen wie die Männer – und das gehört honoriert.

    STANDARD: Apropos honorieren: Das ZDF hat mittlerweile eine Kommentatorin …

    Trost: Da sind wir intensiv auf der Suche und führen im Hintergrund Gespräche. Wenn wir so weit sind, kommunizieren wir es. Es geht nicht so einfach, dass wir jemanden finden, der sich hinsetzt und das aus dem Stand macht. Das ist auch bei Männern nicht der Fall.

    STANDARD: Gibt es einen Zeithorizont, den Sie als Ziel definieren?

    Trost: Je früher eine Frau kommentiert, desto besser. Das hängt aber von den Frauen ab, die wir finden. Wir machen uns keinen Druck und sagen: Qualität geht vor Schnelligkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit. Es hätte auch niemand geglaubt, dass die Damennationalmannschaft im Hauptabend von ORF 1 gespielt wird.

    foto: standard / corn

    STANDARD: Bei der Medienenquete vergangen Woche war viel von Kooperation zwischen dem ORF und Privatsendern die Rede. Warum nicht intensiver bei Sportrechten zusammenarbeiten, um nicht alles dem Pay-TV zu überlassen? Etwa indem sich der ORF mit Puls 4 die Rechte an der Europa League teilt.

    Trost: Ich kann mir schon länger alles vorstellen. Wir haben etwa gemeinsam mit ATV für die Rechte an der Champions League geboten, was aber nicht zum Ziel geführt hat, und wir haben den Sender mit Know-how unterstützt, als dieser die Eröffnung und die Schlussveranstaltung der Olympischen Spiele in Sotschi übertragen hat. Im Verbund mit Laola 1 sind wir Juniorpartner bei der zweiten Liga, wir haben mit der Plattform eine sehr gut funktionierende Kooperation beim Handball. In der Steiermark haben wir Spiele des GAK übertragen und erstens das Landesstudio an Bord gehabt und zweitens Regionalmedien wie die "Kleine Zeitung". Wir kooperieren mit allen, wo es geht. Es macht nur wenig Sinn, wenn jemand sagt: Wir möchten, aber ich brauche das Rennen in Kitzbühel oder Schladming. Es gibt gewisse Alleinstellungsmerkmale, die jeder Sender haben sollte.

    STANDARD: Also Kitzbühel und Schladming sind nicht verhandelbar?

    Trost: Irgendwelche Alleinstellungsmerkmale muss es geben. Manche sagen: Man kann sich die Formel 1 ja auch auf RTL ansehen, ich bin aber stolz, dass sie kaum jemand dort sieht, weil der österreichische Gesichtspunkt und Blickwinkel einfach sehr wichtig sind. Wir sagen ja auch nicht: Wir übertragen keine Opern mehr, weil da kein Österreicher mitsingt. Es geht uns um den Zugang aus Österreich. Schwieriger wird, dass sich Verbände und Vereine den Journalismus selbst machen möchten, indem sie Zugänge in die Stadien reglementieren und die Interviews selbst produzieren. Da stellt sich die Frage, wie kritisch man damit umgehen kann. In Österreich sind wir aber noch nicht so weit.

    STANDARD: Rapid interviewt seine Spieler auch selbst und zeigt das dann auf Rapid TV.

    Trost: In England ist es jedenfalls gang und gäbe, dass Journalisten nicht mehr in gewisse Stadien kommen, weil der Verein sagt: Ich habe eh einen Pressesprecher und mache die Interviews sowie das Bildmaterial selbst.

    STANDARD: Oder die Journalisten werden auf Transparenten beschimpft, wie das der Rapid-Anhang gemacht hat, indem er etwa Journalisten mit Terroristen gleichgesetzt hat.

    Trost: Darauf haben wir eh reagiert. Man muss seinen Standpunkt einnehmen und vertreten können. Das ist der Sinn von unabhängigem Journalismus.

    STANDARD: Trägt der ORF womöglich auch einen Teil zur Demontage bei, weil Sie zwar bei der Fußball-WM in Russland mit Kommentatoren vor Ort sind, nicht aber mit einem eigenen Studio?

    Trost: Wenn die österreichische Nationalmannschaft nicht dabei ist, ist der inhaltliche Sinn nicht gegeben. Wir werden nicht Gebührengeld in ein teures Studio investieren, das sich nicht wie letztens mitten in Paris befindet, sondern irgendwo in einer Halle. Dann kann ich gleich in Wien bleiben und mir alle Informationen über die ohnehin vor Ort befindlichen Leute nach Wien geben lassen. Aus meiner Sicht gibt es keine Legitimation, dort zu sein, nachdem sich das Nationalteam nicht qualifiziert hat.

    STANDARD: Man bringt sich aber etwa um Interviewmöglichkeiten.

    Trost: Wir haben alle Möglichkeiten vor Ort und kooperieren etwa mit dem ZDF oder den Kollegen aus der Schweiz. Ökonomisch wäre das sonst nicht sinnvoll, gleichzeitig findet es genauso unter Berücksichtigung der journalistischen Distanz und der journalistischen Betrachtungsweise statt.

    STANDARD: Über Kooperation zwischen den Sendern ließe sich das Wettbieten ein Stück reduzieren?

    Trost: Das Wettbieten lässt sich nicht verhindern, das wäre dann ja eine Marktabsprache. Wir haben bewusst auf ein Gebot für die Europa League verzichtet, damit die Chancen von Puls 4 erhöht werden. Das wird es nicht geben, dass man sich abspricht, wie viel man für was bietet, aber sinnvolle Allianzen gehen wir jederzeit ein. Wir kooperieren etwa auch mit Sky und Dazn im Bereich der Zweitrechte. Es gibt keine Berührungsängste.

    STANDARD: Aber nicht wenig Konkurrenz.

    Trost: Die Konkurrenz gibt es natürlich auch im eigenen Markt, aber wenn ich mir ansehe, was Amazon jetzt in Sportrechte investiert oder andere Big Player wie Liberty Media oder Discovery auftreten, dann braucht es Allianzen. Wir kooperieren zum Beispiel auch mit und produzieren für die Rechteagentur Infront, die Rechte an Skiweltmeisterschaften – Alpin und Nordisch – hält. Im Sport ist das schon seit Jahren nichts Ungewöhnliches, wir tragen das aber nicht vor uns her und erzählen es jedem. Im Vordergrund steht, wie ich die Gebühren sinnvoll einsetze. Bei der Bundesliga waren die Liverechte dann halt irgendwann keine Option mehr, weil sie jenseits unserer ökonomischen Möglichkeiten sind.

    STANDARD: Zum Tennis: Sie haben aus Paris übertragen, was dank Dominic Thiem sehr erfolgreich war. Die Rechte an den Grand-Slam-Turnieren hat allerdings Sky*. Wie geht es weiter?

    Trost: Wir hatten auch die US-Open und das Stadthallenturnier in Wien. Natürlich hätten wir gerne mehr von Dominic Thiem gezeigt, das ist eine ökonomische Frage – und wie man die Rechte bekommt. In diesem Fall hat Sky Deutschland die Rechte für Österreich gleich mitgekauft, damit war es für uns unmöglich, sie zu erwerben. Wir bemühen uns weiter, aber solange die Geschäftsmodelle für Tennis im Pay-TV funktionieren, wird es das bei uns wahrscheinlich nicht mehr so leicht geben.

    STANDARD: Die Regierung bastelt an einem neuen ORF-Gesetz. Vielen ist die Regelung für Sport plus ein Dorn im Auge, dass nämlich Premiumsport nur in ORF 1 oder ORF 2 gezeigt werden darf, was als Schutz gedacht war, dass der ORF sich nicht alle Sportrechte unter den Nagel reißt und sie dann verräumt. Was wünschen Sie sich?

    Trost: In der Schweiz gibt es ein ähnliches Modell: Kommt es zu Doppelgleisigkeiten, kann man ausweichen – vor allem, wenn es auf dem Markt keinen Interessenten gibt. Ein gutes Beispiel war etwa ein Spiel bei der Dameneuropameisterschaft, als es parallel bei den Herren ein Qualifikationsspiel zwischen Sturm Graz und Fenerbahçe Istanbul gab. Wir durften es nicht kaufen, nicht einmal streamen, weil es Premiumcontent ist, obwohl sonst keine Interessenten vorhanden waren. Das ist unverständlich.

    STANDARD: Diese Regelung würden Sie gerne ersatzlos kippen?

    Trost: Diese Regelung ist absurd. Am Sonntag haben wir am Nachmittag in ORF 1 Fußball und parallel in ORF 2 Tennis gezeigt. Niemand versteht, dass wir nicht auf den Sportkanal ausweichen können. Uns hat gefreut, dass wir bei den 12- bis 49-Jährigen mit den Übertragungen einen Marktanteil von fast 70 Prozent hatten, aber für Nichtsportfans ist das natürlich nicht optimal. Was stimmt, ist, dass wir den Premiumsport als Lokomotive für jenen Sport einsetzen, der weniger bekannt ist. Als etwa das Skifliegen am Kulm wetterbedingt abgesagt werden musste, haben wir das Finale im Hallenhockey bei der Europameisterschaft mit Österreich in ORF 1 gespielt. Wir hatten über eine halbe Million Zuseher, obwohl das nur für Sport plus geplant war. (Oliver Mark, 13.6.2018)

    Hans Peter Trost (58) arbeitet seit 1992 für den ORF, seit 2009 ist er Sportchef des Senders. Zuvor war er Produktions- und Finanzchef des ORF-Sport und in der Informationsdirektion Leiter für Finanzen, Produktion und Administration.

    * User weisen zurecht daraufhin, dass Sky nur die Exklusivrechte für das Grand Slam Turnier in Wimbledon hat, die restlichen drei Grand Slam Turniere zeigt Eurosport exklusiv. Wir bedauern und danken für den Hinweis.

    • Der Kampf um TV-Rechte wird für den ORF und Sportchef Hans Peter Trost härter.
      foto: standard / corn

      Der Kampf um TV-Rechte wird für den ORF und Sportchef Hans Peter Trost härter.

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