Heimat, welche Heimat?

    Rezension12. Juni 2018, 15:36
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    In luziden Essays offenbart sich die Dichotomie von Heimat, Exil, von Fremdsein und der persönlichen Suche

    Wenn man nach meiner ,Identität' fragt – jüdisch eigentlich nicht, englisch auch nicht, österreichisch auch nicht." Dieses Bekenntnis respektive dieses Nichtbekenntnis stammt von der Schriftstellerin und Künstlerin Helga Michie. Getätigt hat sie es im Jahr 2003, im Alter von 82 Jahren, in einem Interview in ihrer zweiten "Nichtheimat" England.

    Helga Michie, geborene Aichinger, geschiedene Singer, kam, wie ihre Zwillingsschwester Ilse, am 1. November 1921 in Linz zur Welt. Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde sie als "Halbjüdin" vom NS-Regime verfolgt. Mit einem der letzten Kindertransporte im Juli 1939 gelang ihr alleine die Flucht nach London, wo sie bis heute lebt.

    In England ging sie zunächst weiter zur Schule, heiratete, bekam 1942 eine Tochter, wurde Mitglied in der Exilorganisation Austrian Center und fand engen Kontakt zu Künstlern, die ihr Schicksal teilten. Unter ihnen Hilde Spiel, Anna Mahler, Veza und Elias Canetti, H. G. Adler, Erich Fried, Michael Hamburger et alii. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie in Fabriken, als Kellnerin und Sekretärin, nach dem Krieg auch als Schauspielerin – unter anderem ist sie in Nebenrollen im "Dritten Mann" und "Odette" zu sehen.

    1947 kam es zu einem Wiedersehen mit ihrer Schwester, der Schriftstellerin Ilse Aichinger, und dem Rest der Familie. In den 50er-Jahren ehelichte sie den britischen Forscher Donald Michie, einen Pionier der künstlichen Intelligenz. Angeregt von ihrer Schwester, Eigenes zu schaffen, wurde sie bildende Künstlerin. Im Rahmen von Einzelausstellungen in München und Leeds wurde ihr umfangreiches OEuvre der Öffentlichkeit präsentiert."Es ist rätselhaft, woher der Trost aus diesen Bildern kommt, aber er kommt", sagte Ilse Aichinger über das Werk ihrer Zwillingsschwester.

    In ihren quasiautomatischen Zeichnungen kehren die Schrecken der Verfolgung und Vertreibung wie in Träumen wieder: verschoben ins Unheimliche der Märchen, vermittelt durch poetischen Witz, scharfe Alltagsbeobachtung, experimentelle Handhabung druckgrafischer Techniken. Parallel dazu erprobt sie die Möglichkeiten der freien Kombination geometrischer Formen und farbiger Abstraktionen. Michie schuf ein ausdrucksstarkes Werk, wie das von Christine Ivanovic edierte Opus magnum – zugleich Biografie, Künstler-Monografie und Zeitgeschichte – klar dokumentiert.

    In luziden Essays offenbart sich die Dichotomie von Heimat, Exil, von Fremdsein und der persönlichen Suche. Im Tagebuch notierte Michie: "Es fällt einem alles auseinander, wenn man anfängt zu erzählen." Nicht zuletzt durch ihre Tochter, die Künstlerin Ruth Rix, fühlte sie sich an die neue Heimat gebunden. Eine Rückkehr nach Österreich kam für Michie nie infrage. (Gregor Auenhammer, 12.6.2018)

    Christine Ivanovic (Hg.), "Helga Michie. I Am Beginning to Want What I Am. Werke 1968-1985". (Dt./Engl.) € 42,- / 328 Seiten. Schlebrügge Editor, Wien 2018

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