Ironman-Vorbereitung: Radtour von Linz nach Wien

Blog13. Juni 2018, 07:00
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Von den Trainingsumfängen, die einer braucht, der nicht "aus dem Stand" Ironman-fit ist – und einer Radtour von Dom zu Dom

foto: thomas rottenberg

Harald hatte es einfach dahingesagt: "Wenn du am Wochenende eh wieder in Linz bist, kannst ja mit dem Rad heimfahren. Die 170 Kilometer hast ja rasch. Geht ja eh bergab." Ich lachte. "Moch ma, Chef. Passt. Koppellauf dranhängen?" Harald lachte zurück: "Pomali. Aber: Schau ma mal."

Damit war die Sache abgehakt. Keine Ahnung, wie Harald Fritz auf 170 kam. Die Luftlinie von Linz nach Wien beträgt 154 Kilometer, über die Westautobahn 180, sagt luftlinie.org. Im Zug sind es 188. Zu Fuß wären es laut Google Maps 176 Kilometer. Und auf der Donau liegen die Anlegestellen Linz und Wien/Nussdorf (Quelle) exakt 200 Kilometer auseinander.

Doch es liegt in der Natur des Verhältnisses zwischen Coach und Kunde, dass Letzterer Ersterem vertraut, im Idealfall blind. Harald Fritz ist für mich ein Idealfall: 170 Kilometer also, fein.

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foto: thomas rottenberg

Dass der Donauradweg ein bisserl länger ist, sah ich erst, als ich im Hotel eine Donauradwegbroschüre durchblätterte. Diesen Samstag. Harald blieb am Telefon ungerührt: "Wirklich? 216 Kilometer? Okay, dann brauchst nachher nicht laufen."

Aber vielleicht sollte diese Geschichte früher beginnen: Am Tag nach dem 70.3-Ironman von St. Pölten, der Generalprobe für die Volldistanz am 1. Juli in Klagenfurt.

Oder bei jenem Workshop, der meine Freundin die letzten zwei Wochenenden nach Linz verschlug – und mich mit ihr.

Oder beim letzten Satz der Vorwoche, in dem es um die Ansage "Das schafft man doch aus dem Stand" ging – und meine Ankündigung, zu erzählen, wie es einem geht, der nicht einmal einen Fünf-Kilometer-Charitylauf "aus dem Stand" macht, geschweige denn einen Ironman.

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foto: thomas rottenberg

Das wirklich Schwierige an solchen Megakisten ist gar nicht der Bewerb. Klar ist der heftig, die wahre Challenge ist aber das Training: Das mit Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, ist ein monatelanger organisatorischer Stunt. Schon das Training für einen Marathon ist alles andere als familienfreundlich. Die Triathlon-Volldistanz aber bedeutet: Der Zeitaufwand mal drei, mindestens.

"Aus dem Stand"? Sicher nicht: Der Tag nach St. Pölten stand als Pausentag im Plan. Pausen sind wichtig, aber um die Muskeln ein bisserl auszuspülen und weich zu machen, war eine Stunde Hot Yoga drin. Am nächsten Tag, Dienstag, trabte ich eine halbe Stunde sehr locker mit Eva. Und ab Mittwoch stand wieder business as usual auf dem Plan: ein kurzer Aktivierungslauf in der Früh, dann Yoga – und am Abend Schwimmen.

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foto: thomas rottenberg

Donnerstag: zweieinhalb Stunden am Rad, dann ein Koppellauf, Yoga.

Am Freitag war Schwimmen angesagt: Freiwasser. Weil Eva schon in der Früh zu ihrem Workshop nach Linz gefahren war, ließ ich den Koppellauf ausfallen und setzte mich in den Zug. Mein Rad war im Auto mitgenommen worden, schließlich standen für den Samstag eine 90-Kilometer-Radausfahrt und ein Lauf auf dem Plan.

Bevor Sie fragen:

- Ja, das ist eine ganz normale Trainingswoche, nach einem Wettkampf sogar eine eher lockere.

- Nein, mit diesen Umfängen bin ich weit entfernt davon, das Ding schnell oder auf eine Platzierung hin zu absolvieren. Da bräuchte es, abgesehen vom Talent und langjähriger Vorbereitung, ein bisserl mehr.

- Ja, ich bin daneben auch noch berufstätig, mit 50 bis 60 Stunden pro Woche in etwa, aber halt nicht Montag bis Freitag nine to five.

- Nein, das ist kein Jammern. Kein "Mimimi": Ich habe es mir so ausgesucht, ich mag das, es macht Spaß. Aber wenn es am 2. Juli vorbei ist, ist es auch gut.

So viel zu "aus dem Stand": Ich gratuliere jedem und jeder, die sich eine Volldistanz mit weniger oder "kalt" zutraut und auch schafft. Ich bin mir da nämlich noch immer nicht so sicher.

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foto: thomas rottenberg

Die oben erwähnte Samstagsradtour sollte hügelig sein. "Fahr doch die Strecke vom Linz-Triathlon", meinte Harald, als wir die Woche planten, "die soll auf 45 Kilometern um die 650 Höhenmeter haben." Ich googelte und sah, dass der Bewerb genau zu Fronleichnam sein würde. Im Plan standen 90 Kilometer am Rad, dann eineinhalb Stunden laufen. Sollte ich mir davor eine Schwimmeinheit und hintenraus die paar Laufkilometer mehr gönnen, also gleich den ganzen Mitteldistanzbewerb machen? Eine Woche nach dem 70.3-Ironman in St. Pölten?

Ich kenne mich: Locker und ohne jeden Druck mache ich das nicht, eine Wettkampfsituation ist immer was anderes. Und ans oder übers Limit zu gehen wäre jetzt eher deppert.

Ich fragte bei den Veranstaltern, wie das mit dem Befahren der Strecke am Wettkampftag sei. "Gar kein Problem", kam die Antwort, "die Strecke ist ja auch für den Verkehr offen." Zusätzlich kam die Route online. Ich fragte lieber auch noch vor Ort. Die Veranstalter waren megafreundlich und bestätigten noch einmal: "Null Problem, offene Straße, offene Strecke."

Trotzdem fuhr ich vorher: Man schummelt sich ohne zwingenden Grund nicht in einen Bewerb. Ich fuhr die anspruchsvolle, aber sehr schöne Runde einmal – und dann weiter donauaufwärts.

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foto: thomas rottenberg

Dann zurück zum Hotel. Umziehen und zum Laufen an die Triathlonstrecke. Ich joggte abseits, aber in Sichtweite: Mein Vereinskollege Josi war irgendwo im Feld. Die meisten Triathleten meines Teams waren in Tulln. Die Läuferinnen und Läufer auf 1.001 Bewerbe verteilt: vom Stockholm-Marathon bis zum Dorflauf in Gigritspatschen: Hochsaison.

Was alle Bewerbe gemein haben: Man freut sich übers Anfeuern vom Streckenrand. Immer, aber besonders, wenn es persönlich ist: Den eigenen Vornamen (auf eine Silbe gekürzt!) auf der Startnummer, am Trikot oder am Oberarm zu tragen, hilft. Wenn man den, der anfeuert, auch noch kennt, wirkt das doppelt. Menschen funktionieren so.

Am Sonntag fuhr ich nach dem Frühstück nach Wien. Eva hatte tagsüber zu tun – und ich zweieinhalb Stunden Laufen auf dem Plan. Normalerweise würde ich jedem, der an einem 30-Grad-Tag zu Mittag laufen will, einen Sachwalter empfehlen.

Nur: Wo wird die Sonne wohl in Klagenfurt stehen, wenn ich nach 3,8 Kilometern im Wasser und 180 auf dem Rad auf die Laufstrecke komme? Eben.

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Die Woche vom 4. bis zum 11. Juni sah ähnlich aus. Mit dem Unterschied, dass am Dienstag (natürlich bei Affenhitze) Tempotraining auf der Bahn angesetzt war und ich am Freitag allein in der Neuen Donau herumkofferte.

Wobei das nicht stimmt: Irgendwann kreuzte eine Schwimmerin mit Sicherheitsboje im Schlepptau meinen Weg. Wenn man sich am Berg und beim Laufen, am Renn- und Motorrad grüßt, kann das im Freiwasser nicht ganz falsch sein. Ich sagte "Hi" – und wir waren beide happy, eine Ausrede für eine Pause zu haben: Wir trainieren beide für Klagenfurt, haben beide mehr als Respekt davor – und wünschten einander alles Gute.

Noch ein Wort zur Boje. Ich schwimme auch oft damit. Nicht, um mich dran festzuhalten, sondern um gesehen zu werden: Ruderer, Surfer und Elektrobootfahrer rechnen nicht mit Schwimmern. Außerdem haben die Bojen ein wasserdichtes Fach. Für Autoschlüssel, Handy und einen Notgroschen.

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foto: thomas rottenberg

Am Wochenende war wieder Linz dran. Da die einzige Zeit, die ich mit Eva verbringen kann, das Frühstück (und der Abend) ist, ich aber weder mit vollem Bauch oder in der angesagten Mittagshitze laufen wollte, war ich früh draußen: Um gemeinsam zu frühstücken, musste ich um halb acht wieder da und geduscht sein. Also rannte ich um fünf Uhr früh los, um eine Spur mehr als zwei Stunden zu schaffen.

Habe ich erwähnt, dass die wahre Herausforderung einer Langstrecke im Zeitmanagement beim Training liegt? Sollten Sie Familie haben und sich so was antun wollen: Überlegen Sie sich gut, wie und womit sie ihren liebsten Menschen für die Unterstützung und das Verständnis für Ihren Wahnsinn danken: Das durchzudrücken ist nicht ohne.

Außer Sie schaffen das "aus dem Stand" – aber dann versäumen Sie auch solche Sonnenaufgänge, und die entschädigen für vieles.

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Sonntag. Der Wind würde donauabwärts wehen: gut. Es sollte schwül werden: schlecht. Der Donauradweg ist die Südosttangente der Langstreckenradwege: ganz schlecht. Derzeit ist Senioren-Radgruppenhochsaison: ganz ganz schlecht. Ein Sonntag mit Kaiserwetter ist Familienradausflugs- und Treppelwegflanierzeit: Kinder sind am Radweg eine Katastrophe, weil sie selbstverständlich vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen sind und sich hier vollkommen zu Recht Rad- und Verkehrskompetenz spielerisch erwerben können sollen.

Dass das mit zügigem Rennradfahren nicht zusammenpasst, ist aber ausschließlich mein Problem – nicht das der anderen: Die wollen die Strecke genießen. Nicht ohne Grund wird die Route als Dreitagestour beschrieben: Von Linz nach Wien sind es laut Donauradweg-Streckenbeschreibung 216 Kilometer.

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Am Anfang ging es zügig dahin. Bis Abwinden-Asten war wenig los, und ich fand immer wieder Rennradgruppen, an die ich mich anschloss. Bei Abwinden meinte einer, ich sei schneller, wenn ich mit seiner Gang auf der Bundesstraße gen Enns führe und dann am rechten Donauufer bliebe.

Im Nachhinein weiß ich: Das war ein Fehler. Denn erstens fuhr ich bei Enns eine Extraschleife, zweitens endet der asphaltierte Radweg am rechten Ufer irgendwann, wenn man bei Mauthausen nicht wieder ans linke Ufer wechselt. Angekündigt wird das nicht – auch nicht, wie lange die "Schiebestrecke" wohl ist. Umkehren? Geht gar nicht!

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Der Segen des Rennrades ist auch sein Fluch: schmale Reifen und wenig Masse. Die Dinger halten eh eine Menge aus, aber wenn ich eine lange Tour plane, holpere ich nicht über grob verlegte Steinplatten oder Forstwege: Wer sein Rad liebt, der schiebt, auch wenn das Gehen in Schuhen mit Bindungsplatten elend ist.

Irgendwann würde die Schiebestrecke ja wohl enden. Das Wetter war traumhaft, die Landschaft war schön – und eilig hatte ich es ja nicht wirklich.

Trotzdem ärgerte ich mich: Am anderen Ufer zogen Radfahrer auf Radfahrer vorbei.

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Aber als es weiter ging, war der Ärger verflogen: Dass Österreich viele schöne Flecken hat, weiß ich. Am Rad erlebt man die doppelt und dreifach intensiv: hautnah, mit der Option, jederzeit anzuhalten und zu genießen. Aber schnell und mobil genug, die Orte wie einen Film vorbeiziehen zu lassen. Und die Donau ist der perfekte Erzählfaden.

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Gemütliches Reiseradeln funktioniert anders als Kilometerfressen am Rennrad. Da braucht man zwar auch Pausen, meistens, um Wasser nachzufüllen oder abzulassen.

Gegessen wird aber unterwegs: Einer der Trainingsgründe einer langen Ausfahrt ist das Üben der Energiezufuhr unterwegs: Wie viel brauche ich? Wann und wie oft? Was vertrage ich? Was nicht? Langdistanzen, auch einen Longrun, vergeigt man meist weniger aus konditionellen Gründen als aus Energiemangel: Viel Glück allen, die "aus dem Stand" nach über sechs Stunden auf dem Rad nochmal 42 Kilometer laufen wollen – und leer sind.

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Ich genoss die Fahrt. Jede Sekunde. Jeden Meter. Von Grein durch den Strudengau an Ybbs/Persenbeug vorbei bis Emmersdorf mit einem kurzen Blick auf Melk – und dann weiter in die Wachau.

Die Bilder und Eindrücke würden hier den Rahmen sprengen – drum verweise ich Sie auf meine Facebook-Seite, dort gibt es ein bisserl mehr zu sehen.

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In der Wachau hatte ich mich für das linke Donauufer entschieden: Das rechte bin ich beim St.-Pölten-Ironman aber auch bei der Siteinspection ein paar Wochen davor ja schon mitgefahren: Geht super und macht Spaß.

Und die berühmten Orte hier sind ja auch am linken Ufer: Spitz, Weißenkirchen, Dürnstein. Dass hier auf der Bundesstraße absolutes (also auch für Rennräder) Radfahrverbot gilt, wusste ich vorher nicht: Man koffert also durch verwinkelte Dorfstraßen und über Kopfsteinpflaster mit ständigem Nachrang langsam dahin.

Malerisch, aber elend, so man fahren will. Erst recht, wenn man drei oder vier Stunden unterwegs ist und an jedem Eck hausgemachte Marillenknödel angepriesen werden. An Tempo oder meinen Schnitt dachte ich nicht mehr.

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Den Vogel schoss dann Dürnstein ab. Unten, auf der Bundesstraße, ist Radfahrverbot, oben aber auch: Hier geht es zu wie in der Getreidegasse und am Stephansplatz. Ob hier mehr Amerikaner oder Asiaten unterwegs waren, kann ich nicht sagen – die größere Gefahr geht aber von Asiaten aus, weil die ausschließlich in die Displays ihrer Handys am Selfiestick schauen und nichts und niemanden wahrnehmen. Sie harpunieren sich damit nicht nur gegenseitig alle paar Sekunden, sondern erfüllen jedes Klischee: Vor mir marschierte einer frontal und ungebremst in eine Hausmauer.

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Nach der Wachau kommt Krems. Dort verschwand wieder einmal der Radweg. Der Donauradweg ist an sich super ausgeschildert – bis auf jene Stellen, wo es wichtig wäre: Mitunter verschwinden oder fehlen wichtige Abzweigungsschilder. Bei Baustellen wird wohl als Erstes das Radwegschild entfernt – und als Allerletztes (wenn überhaupt) wieder montiert. Umleitungen werden manchmal angezeigt, aber enden dann irgendwo. Sperren, Baustellen und Umleitungen werden ausgewiesen, wo man auf sie stößt, nicht wo man noch problemlos das Ufer wechseln könnte.

Ja, das ist Jammern auf hohem Niveau – denn was man an Positivem und Schönem erlebt, überwiegt bei weitem (etwa die grandiose Stille in den Auen bei Theiß). Dennoch: Autotouristen würde man derlei nicht ansatzweise zumuten.

Und wenn ich schon jammere: Ein paar ausgeschilderte (!), nichtdeaktivierte Trinkbrunnen mehr entlang der Strecke würden die Wirte nicht verhungern lassen, aber Familien mit Kindern glücklich machen.

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170 Kilometer hatte Harald Fritz gesagt? Die hatte ich etwa auf der Kraftwerksmauer von Altenwörth in den Beinen, jetzt kamen Zwentendorf und Tulln, dann Greifenstein, Klosterneuburg und zuletzt der anstrengendste Teil des Trips: die Fahrt durch Wien. Noch 60 Kilometer.

Die Beine konnten und wollten noch – aber der Kopf nicht mehr ganz: Kaffeepause in Tulln? Besser nicht: Wenn ich jetzt absteige, steige ich nimmer auf. "Wenn es dir zu viel wird, ruf an, dann sammle ich dich ein", hatte Harald in einem milden Moment gesagt. Na aber sicher nicht!

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foto: thomas rottenberg

Am Donaukanal herrschte erwartungsgemäß der Wahnsinn: Spaziergänger, Hunde, Kinder, Jogger, Inline- und Longboardskater, Elektrospielzeug-Benutzer und Radfahrer. Jeder für sich – und kaum einer bereit, auch nur ein Quäntchen Rücksicht zu nehmen: Ich hatte rund 230 Kilometer am Tacho und nur einen Grund, nicht in die U-Bahn zu steigen: das Schlussbild.

Denn irgendwo unterwegs war mir eingefallen, wie ich diese Fahrt, die mir wieder einmal vor Augen geführt hatte, wie wunderschön dieses reiche Land ist und wie oft wir das vor lauter Jammern, Schlechtreden, Angst und Neid vergessen, nennen würde: "Von Dom zu Dom." (Thomas Rottenberg, 13.6.2018)


Die Fahrt vom Linzer Dom zum Stephansdom war 232,7 Kilometer lang. Die Fahrzeit betrug exakt acht Stunden.

Der Track auf Garmin-Connect.

Mehr Bilder gibt es auf Thomas Rottenbergs Facebookseite.

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