Das freundliche Gesicht von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un

    12. Juni 2018, 04:01
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    "Sein Dialekt war gar nicht so anders", sagt eine südkoreanische Studentin über den Machthaber im Norden. Dieser arbeitet hart an seinem Image im Süden

    Es war eine scheinbar nebensächliche, improvisierte Geste, die den wohl größten diplomatischen Wandel der letzten Jahre ausgelöst hat: Als Ende April Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un beim historischen Gipfeltreffen auf Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in traf, lud er ihn mit offenen Armen ein, doch auch die Grenze Richtung Norden zu überqueren. Es waren nur ein paar Schritte, die beide Hand in Hand gingen, doch die Südkoreaner waren zu Tränen gerührt.

    "Mich hat das schon sehr beeindruckt. Bis dato kannte ich Kim ausschließlich mit ernstem, grimmigem Gesicht. Aber während des Gipfels wirkte er sogar humorvoll", sagt Studentin Lee Ji-yeon, 23: "Ebenso verblüffend fand ich: Zum ersten Mal hörte ich seine Stimme. Ich konnte ihn problemlos verstehen, sein Dialekt war gar nicht so anders als meiner."

    "Ich weiß, dass wir eine Nation sind"

    Es ist ein regnerischer Sommerabend im Seouler Stadtzentrum, Büroangestellte versuchen ein Taxi zu bekommen, vom Rathausplatz hallen Schlachtrufe der Gewerkschaftsdemos herüber. Ji-yeon, die beim Kulturministerium ein Praktikum absolviert, meint: "Ich weiß, dass wir eine Nation sind. Aber wirklich fühlen tue ich das nicht. Nordkoreaner sind für mich fremd, schließlich habe ich in meinem Leben noch nie einen selbst kennen gelernt." Und bevor sie in die U-Bahn huscht: "Kims Image mag sich grundlegend verändert haben, aber das ist oberflächlich. Die Substanz bleibt gleich."

    Wie zum Beispiel, dass Nordkoreas 34-jähriger Diktator seinen Halbbruder Kim Jong-nam und seinen Onkel Jang Seong-thaek umbringen ließ. Oder dass noch immer geschätzt 100.000 in Arbeitslager sind, dessen Haftbedingungen der Auschwitz-Überlebende Thomas Buergenthal mit den Konzentrationslagern der Nazis verglich.

    Von den Menschenrechtsverletzungen des Nachbarn ist in südkoreanischen Medien jedoch keine Rede mehr. Besonders seit dem Gipfeltreffen "menschelt" es. Fast jeder Südkoreaner weiß nun von einer Lieblingsanekdote über Kim zu berichten: Etwa, dass der schwere Raucher während des gesamten Tages die Glimmstengel nicht anrührte. Oder dass er angeblich seine eigene Toilette mitgebracht hat, um keine Spuren für die Geheimdienste zu hinterlassen.

    Kim im Umfragehoch

    Wie sehr sich die Wahrnehmung Kims beim südlichen Nachbarn gewandelt hat, lässt sich auch mit Zahlen belegen: In einer vom Sender MBC in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 78 Prozent aller Befragten an, dass sie Kim – nachdem sie ihn bei Gipfel im Fernsehen gesehen hatten – über den Weg trauen würden. Nur wenige Tage zuvor waren es nur magere zehn Prozent gewesen.

    Und wie sehen das die Journalisten selbst? Im Seouler Korrespondentenclub sitzen vorwiegend ältere Männer bei Fassbier und Nussschälchen an der Bar. "Als Koreaner sind wir so erzogen worden: Wir sind ein Volk, wir gehören wiedervereinigt. Die emotionalen Bilder des Gipfeltreffens haben diesen Reflex direkt ausgelöst", meint etwa ein koreanischstämmiger Mitarbeiter der LA Times.

    "Nationalistisch geprägt"

    Der umstrittene amerikanische Nordkorea-Experte Brian Reynolds Myers, der als einer der profundesten Kenner der nordkoreanischen Ideologie gilt, sagt: "Im Gegensatz zum einst geteilten Deutschland stehen in Korea nicht zwei feindliche Ideologien gegenüber, sondern beide Länder sind in unterschiedlichem Maße nationalistisch geprägt." Wenn Kim in die Kamera lächle, dann bedeute das für die meisten Koreaner: Man sei ein Volk.

    Welch nachhaltigen Eindruck die Handschlaggeste zwischen Kim und Moon hinterlassen hat, lässt sich auch eine Autostunde östlich von Seoul beobachten: Mitten in den idyllischen Bergen hat ein Filmstudio eine Replika des Friedensdorfs Panmunjeom errichtet. Seither pilgern jeden Monat 15.000 Besucher hierher, um jene Geste nachzustellen, sich per Smartphone abknipsen zu lassen und auf sozialen Medien zu posten. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 11.6.2018)

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