Brasilien für Österreich eine Nummer zu groß

    10. Juni 2018, 17:55
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    Die Selecao beendete die ÖFB-Siegesserie kurz und schmerzlos. Gabriel Jesus, Neymar und Coutinho trafen im Happel-Stadion

    Wien – Die Serie ist nach sieben Siegen gerissen, Österreichs Nationalteam kann Fußballspiele verlieren, das beruhigt irgendwie. Und zwar deutlich, zum Beispiel am Sonntagnachmittag in Wien mit 0:3 gegen den fünffachen Weltmeister Brasilien. Teamchef Franco Foda fasste das Debakel so zusammen: "Sie waren auf dem höchsten Level, uns fehlte die Energie, wir waren dauernd einen Schritt zu spät."

    Brasiliens Trainer Tite bezeichnete die Partie im Vorfeld als "richtige Aufgabe". Erstens hätten sich die Österreicher "enorm verbessert", und zweitens sei eine WM-Generalprobe kein einfaches Unterfangen. "Es geht um Leistung, Verletzungsrisiko und den Verlust unseres Selbstvertrauens."

    Neymar im Fokus

    Es ging natürlich auch um Neymar, den globalen Superstar, der die Startformation schmückte. Ende Februar hatte er sich den Mittelfuß gebrochen, eine Nation bangte, vor einer Woche gab er gegen Kroatien ein Comeback. In der zweiten Halbzeit eingewechselt, erzielte er das 1:0, Endstand 2:0. Tites Tipp an Neymar: "Den Fuß nicht vom Gas nehmen. Der beste Weg, in den Rhythmus zu kommen, ist hart zu trainieren und zu spielen."

    foto: reuters/leonhard foeger
    Neymar verlor das eine oder andere Mal das Duell mit der Schwerkraft.

    Foda hat sich an den Spruch, dass man ein Team, das gewinnt, niemals ändern soll, im Prinzip gehalten, zwei Veränderungen im Vergleich zum 2:1 gegen Deutschland fallen fast unter die Wahrnehmungsgrenze. Heinz Lindner hütete anstelle von Jörg Siebenhandl das Tor, Xaver Schlager ersetzte Peter Zulj. Marko Arnautovic ignorierte seine Knochenabsplitterung im Mittelhandknochen, so eine Lappalie kostet ihn maximal einen Huster, zumal er Fußballer, nicht Handballer ist.

    Sehr herzlich

    Das Happel-Stadion war ausverkauft, 48.500 Zuschauer sorgten bei extrem schwüler Witterung für den passenden Rahmen. Das Nette an Freundschaftsspielen ist, dass der Gegner nicht ausgepfiffen, sondern mit Applaus bedacht wird. Bei Brasilien fällt er lauter und herzlicher aus als zum Beispiel bei Finnland. Die Österreicher wollten gegen die Weltstars mutig, aggressiv, aktiv sein, nicht reagieren, sondern agieren. Wie sagte Kapitän Julian Baumgartlinger: "Wir können durchaus optimistisch an die Arbeit gehen."

    Sie gingen es erst einmal rustikal an. Dritte Minute: Alessandro Schöpf und Baumgartlinger nehmen Neymar in die Zange, der wälzt sich sekundenlang auf dem Rasen, steht wieder auf. Die technische Überlegenheit Brasiliens war nicht nur marginal, aber das wusste man vorher. Wie sie den Ball behandeln, streicheln und liebkosen, ergötzt das neutrale Auge.

    Die Österreicher nahmen aber schon an der Partie teil, hatten neben einigen unnötigen Ballverlusten auch durchaus gefällige Szenen. So um die 20. Minute. Ein Volley von Schöpf, ein Doppelpass zwischen Schöpf und Stefan Lainer (sein Wechsel von Salzburg zu Napoli ist praktisch fix), der erneut starke Arnautovic verfehlt das Ziel nur knapp. Aber damit war es mit der Herrlichkeit vorbei, die Gäste machten ernst. 25. Minute: Coutinho prüft Lindner streng, Paulinho ein bisserl später detto.

    Schamlosigkeit

    36. Minute: Gabriel Jesus schlenzt das 1:0. Neymar ließ zwar seine Klasse aufblitzen, aber irgendwie hatte er die Handbremse angezogen, er scheute das absolute Risiko. 54. Minute: Sebastian Prödl foult Neymar, an die Gelbe Karte wird er sich erinnern. Foda beginnt das Wechselspielchen. Wurscht. Der Rekordweltmeister zeigte den Heimischen die Grenzen schamlos auf, die Dominanz wurde gespenstisch.

    63. Minute: Neymar löst die Handbremse. Nach Pass von Willian narrt er halb Österreich und vor allem Aleksandar Dragovic. Neymars Tor zum 2:0 verdient das Prädikat besonders wertvoll. 69. Minute: Coutinho erhöht auf 3:0, auch schön. 83. Minute: Neymar wird mit Applaus verabschiedet. Schöpf sagte: "Wir fanden keinen Zugriff." Arnautovic: "Das wird der Weltmeister, glaube ich."

    Die Brasilianer flogen noch am Abend in ihr WM-Quartier nach Sotschi, den ersten Auftritt in Russland haben sie am 17. Juni in Rostow gegen die Schweiz. Die Österreicher fliegen getrennt irgendwohin, sie haben endlich Urlaub, der ist nach dem 1:0 gegen Russland und dem 2:1 gegen Deutschland verdient. Am 6. September wird in Wien, in der Generali-Arena, gegen Schweden geprobt. Wiedersehen macht trotzdem Freude. (Christian Hackl, 10.6.2018)

    Testländerspiel, Sonntag

    Österreich – Brasilien 0:3 (0:1)
    Wien, Ernst-Happel-Stadion, 48.500 Zuschauer (ausverkauft), SR Kassai (HUN)

    Torfolge:
    0:1 (36.) Gabriel Jesus
    0:2 (63.) Neymar
    0:3 (69.) Philippe Coutinho

    Österreich: Lindner – Dragovic (70. Danso), Prödl, Hinteregger – Lainer, Grillitsch (65. P. Zulj), Baumgartlinger, Alaba – Schöpf (59. Hierländer), X. Schlager (59. Burgstaller) – Arnautovic

    Brasilien: Alisson – Danilo, Thiago Silva (60. Marquinhos), Miranda, Marcelo (67. Filipe Luis) – Paulinho, Casemiro (60. Fernandinho), Philippe Coutinho (76. Taison) – Willian, Gabriel Jesus (67. Firmino), Neymar (84. Douglas Costa)

    Gelbe Karten: Schöpf, Prödl bzw. keine

    Weiterlesen:

    Ticker-Nachlese: Österreich unterlag Brasilien 0:3

    Stimmen:

    Franco Foda (ÖFB-Teamchef): "Sie (die Brasilianer, Anm.) waren nicht nur stärker, sondern auch der Zeitpunkt – sie sind kurz vor der WM, sie sind auf dem höchsten Level. Bei uns war es das dritte Spiel nach einer sehr, sehr langen Saison, nach einem Urlaub. Du hast einfach gemerkt, dass uns die Energie gefehlt hat. Die Mannschaft hat schon alles versucht, sie wollte Pressing spielen, aber wir waren immer einen Schritt zu spät. Das ist einfach so, wenn du dann nicht mehr die Frische hast. Das war heute das Problem. Ansonsten war die Mannschaft bemüht. Wir haben leider dann, wenn wir dann den Ball hatten, zu leicht die Bälle verloren. Du warst dann immer am Hinterherlaufen. Man hat einfach ihre Qualitäten gesehen. Sie stehen alle hinten mit zehn Mann, wenn es sein muss, und wenn sie den Ball gewinnen, geht es mit vier, fünf Mann nach vorne im höchsten Tempo. Und wir haben bei zwei Toren in der Vorwärtsbewegung den Ball verloren, da war komplett das Zentrum offen, das darf einfach nicht passieren. Da haben sie brutale Qualität im Spiel nach vorne. Vielleicht wäre die Energie gekommen, hätten wir das 1:0 gemacht mit der Riesenmöglichkeit in der ersten Halbzeit. Aber man hat einfach gesehen, wenn du gegen diese Mannschaft den Ball verlierst in der Vorwärtsbewegung und hast keine gute Restverteidigung, haben sie eins gegen eins Qualitäten, da bist du dann immer zweiter Sieger. Aber auch in diesem Spiel gab es trotzdem Positives. Heinz Lindner hat super gehalten."

    Leo Windtner (ÖFB-Präsident): "Schön, dass wir sie in Wien gehabt haben. Es war trotzdem ein Fußballfest. Es war auch gut, dass wir gesehen haben, was uns gegen die ganz Großen noch fehlt."

    Marko Arnautovic (ÖFB-Angreifer, der trotz gebrochener Hand durchspielte): "Ich denke, das wird der nächste Weltmeister. Was die für Spieler in der Mannschaft haben, ich denke, die sind eine Klasse stärker als wir. Das war ihre Generalprobe vor der WM, sie haben noch einmal alles reingehauen. Wir sind nicht nachgekommen. Wir haben probiert zuzustellen, wir haben probiert draufzugehen, das ist alles nicht gegangen. Wir hatten sicher ein paar Chancen, die hätten wir ein bisschen besser rausspielen können, und dann könnte man das eine oder andere Tor machen. Aber im Großen und Ganzen war Brasilien weit überlegen. Wir haben viel verteidigt, und wenn wir dann vorne waren, waren wir zu wenige Spieler, da fehlte die Unterstützung. Aber das ist normal, wenn wir hinten verteidigen, da kommt man nicht so schnell nach vorne. Es gibt solche Spiele, die man auch so spielen muss."

    Alessandro Schöpf (ÖFB-Offensivspieler): Ich glaube, wir haben nicht so den Zugriff gefunden, wie wir das wollten und wie wir uns das vorgestellt haben vor dem Spiel. Ich glaube, dass Brasilien das sehr, sehr gut gemacht hat und wir weniger gut, und deswegen geht die Niederlage auch so in Ordnung. Die ersten zwei Spiele (gegen Russland und Deutschland, Anm.) haben wir gut begonnen. Gegen Russland haben wir ein gutes Spiel gezeigt, auch gegen Deutschland vor allem die zweite Halbzeit sehr, sehr gut gespielt. Heute hat uns vielleicht ein bisschen die letzte Kraft gefehlt, gerade vorne haben wir nicht so den Zugriff gefunden. Die Brasilianer haben eigentlich mit sechs, sieben Mann im Aufbauspiel den Ball gut laufen gelassen, und wir haben da nicht so in die Zweikämpfe gefunden. Wir sind hinten mit der letzten Linie vielleicht ein bisschen zu tief gestanden, deswegen war es für uns vorne auch schwierig, irgendwo in die Zweikämpfe zu kommen, weil sie da einfach in Überzahl waren. Natürlich ist auch bitter, dass wir dann so 1:0 in Rückstand geraten. Ich glaube es (das Tor, Anm.) war abseits, was ich gehört habe."

    Julian Baumgartlinger (ÖFB-Kapitän): "Es war eine kleine Lehrstunde. Wir trauen uns zu, mit so einem Gegner mitzuhalten, aber dass so ein Gegner an einem normalen Tag überlegen ist, wissen wir. Es war ein verdienter Sieg der Brasilianer. Dass sie in der zweiten Hälfte viele Chancen haben, kann passieren, wenn man viel Risiko nimmt, aber wir wollten nicht auf ein 0:1 mauern."

    Heinz Lindner (ÖFB-Tormann): "Wir haben alles reingeworfen, in der zweiten Hälfte haben uns aber die Kräfte ein bisschen verlassen. Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte. Es war sicher ein gutes Spiel für mich. Ich wäre enttäuscht, wenn ich in der Nations League nicht spielen würde, genauso wie jeder andere Tormann auch, weil jeder im Training immer sein Bestes gegeben hat."

    Sebastian Prödl (ÖFB-Verteidiger): "Die Niederlage war völlig verdient, Brasilien war die bessere Mannschaft. Ich bin nicht pessimistisch, denke auch nicht, dass es ein Rückschlag war oder wir auf der Stelle treten. Ich bin niedergeschlagen und enttäuscht, aber nicht hoffnungslos. Diese Niederlage tut sicher nicht so weh wie gegen eine ebenbürtige Mannschaft. Die Euphorie ist wieder entfacht, das Spiel heute hat das nicht beeinträchtigt. Die Fans haben uns nach dem Schlusspfiff gefeiert. Fußball-Österreich hat den Glauben zurück."

    David Alaba (ÖFB-Defensivspieler): "Wir waren sehr, sehr passiv, hatten überhaupt keinen Zugriff auf den Ballführenden, sind überhaupt nicht ins Pressing gekommen, so wie wir uns das vorgenommen haben. Ich glaube, dass es trotzdem ein sehr, sehr guter Test für uns war, aus dem wir lernen müssen. Wir müssen versuchen, das Positive mitzunehmen und das Negative zu analysieren und es besser zu machen. Brasilien hat es überragend gemacht, sie hatten immer eine Lösung."

    Tite (Brasilien-Teamchef): "Wir sind stolz. Österreich ist eine Mannschaft mit Qualität. Es war ein sehr schwieriges Spiel, auch sehr körperbetont. Aber wir haben das gut gemeistert. Wir waren sehr beweglich. Wir könnten noch etwas effektiver sein. Ich kenne das Limit von Neymar nicht. Er hat unglaubliche Qualität. Im letzten Drittel kann er tödlich sein."

    Neymar (Brasilien-Torschütze): "Es war ein großartiges Spiel von uns. Wir haben viel Qualität gezeigt. Wir sind glücklich über das Spiel und über den Sieg. Die Verletzung ist vorbei. Ich bin sehr zufrieden und glücklich mit meinem Spiel, auch mit meinen Bewegungen."

    • Neymar steuerte den zweiten Treffer für die Brasilianer bei und feierte diesen standesgemäß.
      foto: reuters/leonhard foeger

      Neymar steuerte den zweiten Treffer für die Brasilianer bei und feierte diesen standesgemäß.

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