Miss America will kein Beauty-Contest mehr sein – was dann?

    Kommentar9. Juni 2018, 13:29
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    Die Bikinirunde im Bewerb wird gestrichen, die High-Heels-Pflicht gekippt. Denn angesichts von #MeToo erlebten wir eine kulturelle Revolution, erklärt die neue Miss-America-Vorsitzende. Trotzdem bleibt der Schritt oberflächliche Kosmetik.

    Die Wahl zur Miss America verpasst sich wieder ein neues Gesicht. "Miss America 2.0" heißt die neue Kampagne, nachdem im letzten Jahr vulgäre Mails bekannt geworden sind, in denen sich die Chefetage der Miss-America-Organisation über die Körper und das Sexleben der Teilnehmerinnen lustig gemacht hat. Im Dezember, als der MeToo-Hashtag gerade millionenfach und weltweit geteilt wurde, musste das alte Führungsteam unter Ex-CEO Sam Haskell gehen.

    Jetzt wird angeblich alles anders: Die neue Vorsitzende Gretchen Carlson, Ex-Fox-Moderatorin und Miss America 1989, will die Bewerberinnen beim Contest im September nicht mehr nach dem Aussehen beurteilen. Stattdessen käme es auf die Talente der Bewerberinnen an und darauf, was sie zu sagen hätten. Offen lässt sie, was ein Schönheitswettbewerb, der kein Schönheitswettbewerb mehr sein will, künftig sonst konkret sein soll.

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    Gretchen Carlson will mit "Miss America 2.0" auf die MeToo-Bewegung reagieren, erklärt sie im US-amerikanischen ABC-Frühstücksfernsehen.

    Aufmerksamkeit hat die Miss-America-2.0-Kampagne jedenfalls bekommen: Medien berichten weltweit – und fragen sich, ob das Streichen des Bademoden-Wettbewerbs denn nun die verkündete frauenfreundliche Revolution sei und ob Beauty-Contests überhaupt noch zeitgemäß sind. Klar ist: Solange sich genügend Frauen bewerben, die TV-Einschaltquoten passen und die Geldgeber mitspielen, sind solche Bewerbe wohl "zeitgemäß".

    Schwindende TV-Quoten

    Das Publikumsinteresse dürfte aber, nicht nur in den letzten 15 Jahren, immer wieder hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein. Vor dem Sexismusskandal im Vorjahr musste sich die Miss-Wahl in ihrer fast hundertjährigen Geschichte schon mehrmals "neu" erfinden. So waren jahrzehntelang nur unverheiratete, weiße Frauen für eine Teilnahme zugelassen – bis sich 1968 die Miss-Black-America-Wahl als Konkurrenzveranstaltung formierte. Die folglich allmähliche und vermeintliche Öffnung des Miss-America-Bewerbs verhinderte in seinem Konzept der menschlichen Vermessung freilich nicht, dass die erste indischstämmige Miss America im Jahr 2014 sofort nach ihrer Krönung übelst rassistisch attackiert wurde. Da liegt es nur im wirtschaftlichen Interesse des neuen Miss-America-Leitungsteams, dem Bewerb nach Skandalen mit geschickter PR immer wieder ein vermeintlich fortschrittlicheres Gesicht zu verpassen.

    Empowerment 2.0

    Grundsätzlich ist wenig dagegen einzuwenden, wenn Frauen und Männer, die gängigen Schönheitsidealen entsprechen, Spaß daran haben, innerhalb von sehr engen Normen in einen Wettbewerb zu treten. Offenbar haben sie es nicht satt, anhand ihres Äußeren vermessen und bewertet zu werden. Wie viele Genugtuung daraus beziehen, dafür reicht allein ein Blick auf Instagram. Gut finden muss das aber niemand, es darf sogar irrsinnig langweilen. Gesellschaftlich freier machen werden uns diese (Selbst-)Objektivierungen nicht, vielmehr spiegeln sie gewachsene Geschlechterideale wider.

    Schmunzeln lässt, dass Miss America 2.0 künftig "empowering" sein will – das zu sein, hat man sich aber schon unter alten Leitungsteams in den Jahren zuvor auf die Fahnen geheftet. Empowerment 2.0 dürfte nun die PR-kosmetisch aufgehübschte Version des schon bisher proklamierten "Empowerment"-Verständnisses sein. Und dieses neue, nun wirkliche Empowerment kann sich das neue Leitungsteam immerhin genauso wünschen wie die Teilnehmerinnen den Weltfrieden. (Sandra Nigischer, 9.6.2018)

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