Verein Gedenkdienst entsendet 2019 keine Holocaust-Gedenkdiener

    11. Juni 2018, 12:50
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    Gedenkdiener verweigern Kurz in Yad Vashem aus Protest gegen Geldnot gemeinsames Foto, FPÖ-Sozialministerin Hartinger-Klein plant keine Erhöhung

    Wenn Sebastian Kurz am 10. Juni Israel besucht, wird der von ihm erwünschte Fototermin mit Gedenkdienern, also jungen Österreichern, die im Ausland ihren Zivildienst an Holocaustgedenkstätten oder auch in Altersheimen mit Holocaustüberlebenden leisten, in Yad Vashem entfallen. Jene drei jungen Männer, die gerade in Jerusalem, Tel Aviv und Akko (bei Haifa) ihren Dienst machen, haben nämlich keine Lust, für ein Foto herzuhalten.

    Seit 1992 erstmals vor dem Aus

    Der Verein kämpft nämlich mit Geldnöten. So sehr, dass man überlegt, 2019 erstmals keine Gedenkdiener zu entsenden. Die Auswahl hierfür setzte man jetzt einmal aus, erzählt der Obmann des Vereins, Michael Spiegl. Seit 1992 gibt es die Möglichkeit, einen Gedenkdienst zu leisten, den auch ein zweiter Verein, der Verein Österreichischer Auslandsdienst, organisiert. Aktuell sind 20 Jugendliche über den Verein Gedenkdienst und 22 über den Verein Österreichischer Auslandsdienst in Gedenkstätten etwa in New York, Washington, an mehreren Orten in Israel, in Ausschwitz (Oświęcim) und in London.

    Michael Spiegl bedauert die Situation im Gespräch mit dem STANDARD, doch schon jetzt können sich die jungen Leute nur mithilfe ihrer Familien über Wasser halten. Sie erhalten im Monat rund 720 Euro pro Person, wovon die Sozialversicherung noch abgezogen werde. Dabei bekäme ein Gedenkdiener in Washington natürlich mehr als etwa in Polen, erklärt Spiegl, weil die Lebenserhaltungskosten vor Ort stark variieren.

    "Armutszeugnis für Erinnerungspolitik"

    "Gedenkdienstleistende zahlen finanziell drauf. Wenn keine Ersparnisse oder unterstützende Familie vorhanden sind, kann man sich Gedenkdienst nicht leisten. Ein Armutszeugnis für die Erinnerungspolitik der Republik Österreich", sagt der Gedenkdiensleistende Benjamin Kirchengast, der derzeit in Israel ist.

    Dabei wurde die Aufstockung der Fördermittel für den Gedenk-, Friedens- und Sozialdienst im Ausland im Herbst 2017 im Parlament von 720.000 Euro auf 1,2 Millionen Euro erhöht. Das Geld ressortiert bei Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ). Weshalb gibt es trotz der Erhöhung kein Auskommen?

    "Bei uns ist die Erhöhung nicht angekommen, obwohl damals, als das im Parlament beschlossen wurde, auch in der Begründung festgehalten wurde, dass bestehende individuelle Förderungen nicht reichen", erzählt Spiegl, "das Ministerium sagte, es nehmen nunmehr Leute teil, weil ja jetzt auch Frauen und Männer, die nicht zvilildienstpflichtig sind, aus diesem Topf finanziert werden." Auch andere Auslands- und Sozialdienste, die nicht Gedenkarbeit leisten, werden aus diesem Topf gespeist.

    SPÖ fordert Erhöhung

    Dass der Verein Gedenkdienst gerade jetzt, im Gedenkjahr 2018, seine Entsendetätigkeit einstellen soll, ist für die Nationalratsabgeordnete und Sprecherin für Gedenkkultur der SPÖ, Sabine Schatz, indiskutabel. "Österreich hat eine Verpflichtung: den Holocaust aufzuarbeiten und einen Beitrag zu Vermittlung zu leisten. Die Regierung muss diesen Auftrag ernst nehmen. Ich erwarte mir von der Sozialministerin, sicherzustellen, dass der Verein weiterhin Entsendungen vornehmen kann", so Schatz in einer Aussendung am Freitag.

    "Zynisch" sei es für Schatz, "dass der Verein von einem FPÖ-geführten Ministerium unter Druck gesetzt wird, während die FPÖ rechtsextreme Zeitschriften am Leben erhält, Agitation von Identitären verharmlost und regelmäßig rechtsextreme 'Einzelfälle' aus den Reihen dieser Partei öffentlich werden".

    Hartinger-Klein: Evaluierungen laufen

    "Derzeit wird das laufend evaluiert und angeschaut", heißt es auf STANDARD-Nachfrage aus dem Büro Hartinger-Klein dazu. In welchem Zeitraum diese Evaluierung abgeschlossen sein soll, kann man nicht sagen. "Eine Erhöhung ist derzeit jedenfalls nicht angedacht", sagt Axel Gaster, der Sprecher der Ministerin, dem STANDARD.

    In einer schriftlichen Stellungnahme des Sozialministeriums an den STANDARD folgte am Montag: "

    Es handelt sich hierbei um eine Dauerförderung, die gesetzlich geregelt ist. Letztes Jahr wurde die Förderung erst von € 720.000 auf € 1,2 Millionen aufgestockt. Auch derzeit sind keine Kürzungen geplant. Eine Änderung würde eine gesetzliche Neureglung bedürfen.

    Die Rückmeldung von Jugendlichen, die diese Förderung beziehen, sind weitestgehend positiv, da vor allem die positiven Erfahrung während ihrer freiwilligen Arbeit im Mittelpunkt stehen."

    Auch der zweite Verein, Österreichischer Auslandsdienst, meldete sich am Freitagnachmittag in der Debatte zu Wort. Vereinsvorsitzender Andreas Maislinger weist in einer Aussendung darauf hin, dass die Tatsache, dass im Herbst im Parlament "alle politischen Kräfte den Gedenkdienst unterstützen wollen", ein gutes Zeichen sei.

    Österreichischer Auslandsdienst: "Große Herausforderungen"

    Die gestiegenen bürokratischen Anforderungen und die Tatsache, dass die Förderung pro Person nicht erhöht wurde, stellen aber auch den Verein Österreichischer Auslandsdienst "vor große Herausforderungen". Man müsse den Gedenkdienst gemeinsam weiterentwickeln. Gedenkdiener sind junge Botschafter der Republik Österreich. Um mehr jungen Österreicherinnen und Österreichern diese Möglichkeit zu geben, braucht es mehr Unterstützung für die Vereine selbst", wird auch Daniel Haim, Finanzreferent des Vereins, in der Aussendung zitiert. (Colette M. Schmidt, 8.6.2018)

    Der Artikel wurde am 11.6. um 12.50 um die schriftliche Stellungnahme des Ministeriums ergänzt.

    • Das Innere der Gedenkstätte Yad Vashem.
      foto: getty images

      Das Innere der Gedenkstätte Yad Vashem.

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