Serhij Zhadan: "Wir hatten ein Land. Ein normales Land"

    11. Juni 2018, 07:00
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    In "Internat" reagiert der Ukrainer auf den aktuellen Konflikt in seiner Heimat und beschreibt den Krieg als zeitloses Phänomen

    Es ist ein waghalsiger Ausflug durch die Kampflinien, den Pascha, der Held des Romans, wie einen Parcours auf Leben und Tod absolviert. Eigentlich ist Pascha der klassische Antiheld, ein etwas dicklicher Mittdreißiger, Sprachenlehrer, vom Leben enttäuscht, politisch ahnungslos. Mit seinem Vater und seiner Schwester bewohnt er außerhalb der Stadt ein kleines Häuschen. Dann gibt es noch den 13-jährigen Neffen in einem Internat am anderen Ende der Stadt. Als diese zum Kampfgebiet wird, drängt Paschas Vater, den Jungen nach Hause zu holen. Pascha zieht unwillig los und befindet sich plötzlich mitten im Krieg.

    Fragile Zivilisation

    Drei Tage dauert die Odyssee von einem Ende zum anderen und wieder zurück, drei Tage Ausnahmesituation, zwischen Maschinengewehrsalven und Granateinschlägen, am Ende heißt es: "Es ist, als wären wir auf einem Ausflug gewesen." Aber es ist ein Ausflug in den Krieg, der zwar irreal anmutet, aber so realistisch-sachlich dargestellt ist, dass sein Zustand als negative Normalität begreiflich wird. Die Stadt wird nicht benannt, sie kann irgendwo liegen, irgendwo in der Ostukraine, im Donbass, wo die Bevölkerung nicht weiß, was hier eigentlich abläuft. Da verschwinden Menschen oder werden umgebracht, Züge fahren nicht mehr, die öffentliche Versorgung bricht zusammen, am Ende auch der Glaube an die Humanität: Nichts weniger als die menschliche Zivilisation wird infrage gestellt.

    Nichts mehr hat Gültigkeit

    In den drei Tagen muss Pascha erkennen, dass nichts mehr Gültigkeit hat. "Ich habe mich nie irgendwo eingemischt", hört er einen Turnlehrer aus dem Internat sagen, naiv, geradezu hilflos, als spräche er selbst: "Wovor sollte ich mich also fürchten?" Gerade in dieser Situation gelingt es dem Helden-Antihelden, sich zu einer Moral aufzuschwingen, die ihn vermutlich selbst überrascht.

    Eine literarische Moral möchte man auch diesem Buch zusprechen. Distanziert und gleichzeitig sprachkräftig, atmosphärisch dicht erzählt Zhadan in einer beeindruckenden Prosa das Nichtmehrkontrollierbare einer Konfliktsituation, in der der Einzelne eine verlassene, von allen Seiten bedrohte Insel ist. Eine der eindringlichsten Szenen findet sich auf Seite 121, als Pascha und sein Neffe gerade das Internat verlassen haben und sich einen Weg durch das unsichere Terrain bahnen. Die Lage ist unübersichtlich, draußen liegt dichter Nebel. Plötzlich dringt ein "metallenes Summen" zu ihnen. "Was ist das?", will Pascha wissen. "Ein Telefon", erklärt ihm der Junge: das Handy eines Pioniers, den hier vor fünf Tagen eine Mine zerfetzt hat. Das Handy ist unversehrt geblieben, und seither bekommt der tote Pionier jeden Tag um zehn vor acht einen Anruf. Ein Anruf, den er mit seinen Angehörigen verabredet hat. Es dauert lange, bis der gespenstische Klingelton verstummt.

    Suggestive Kraft

    Szenen wie diese sind fast surreal und doch erschreckend wirklich. Alles Vertraute wird bedeutungslos. "Wir hatten (...) ein Land. Ein normales Land. Nicht das schlechteste." Aber das war vor einem Jahr, das war gestern. "Von der anderen Seite wird auch geschossen", sagt eine Frau. Doch die andere Seite ist überall. So wie die Protagonisten in den Nebel treten, ist auch die Kriegslage diffus. Wer ist wer in diesem Konflikt?

    Manchmal ist von "uns" die Rede: "Die Station gehört uns." Aber was bedeutet das in diesem Krieg? Von Separatisten, prorussischen Kämpfern liest man ebenso wenig wie von der ukrainischen Armee. Stattdessen: Milizionäre, Panzer, Straßensperren, zerbombte Häuser und Minenfelder – das sind die Bilder, die jenseits eines Freund-Feind-Schemas vermittelt werden. Sätze wie "Das Blut lässt sich nur schwer abputzen. Aber es geht" oder "Die Stiefel sind schwer wie Leichen" sind so allgemein und abstrakt, wie sie suggestive Kraft entwickeln.

    Wo verläuft die Kampflinie?

    Vage wird von den "anderen", den "Neuen" gesprochen, das sind die, die Stadt umzingelt haben und sich anschicken, sie zu erobern. Aber wo genau die Kampflinie verläuft, ist nicht klar. Es gibt Stellungen, Checkpoints und mittendrin, der Willkür und Irritation ausgeliefert, die Zivilbevölkerung, zwischen den Fronten. Aber wo sind genau die Fronten, wer ist in der Stadt Aggressor, wer Verteidiger? "Gegen wen wird da Krieg geführt?"

    Dass Zhadan in seinem Roman nicht Partei ergreift, hat ihm in seiner Heimat erhebliche Anfeindungen eingebracht. Als der Roman dort im Vorjahr erschien, wurde dem Autor – einer der wichtigsten Vertreter der ukrainischen Literaturszene – mangelnder Patriotismus vorgeworfen.

    Dabei war Zhadan Aktivist der Orangen Revolution und der Euromaidan-Bewegung und wurde selbst 2014 von prorussischen Kämpfern krankenhausreif geschlagen. Doch dieser Roman beschreibt nicht explizit den politischen und militärischen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, sondern das zeitlose Phänomen Krieg, das alles vereinnahmt.

    Und der Krieg kennt kein Schwarz-Weiß, keine klaren Fronten, keine Orientierung. Er erscheint vielmehr wie ein böser Zufall, den man nicht verstehen muss. Das will dieser Roman sagen. Der übrigens grandios von Sabine Stöhr und Juri Durkot ins Deutsche übertragen wurde. (Gerhard Zeillinger, 10.6.2018)

    Serhij Zhadan, "Internat". Roman. € 20,70 / 301 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018

    • Serhij Zhadan: Der Krieg kennt kein Schwarz-Weiß.
      foto: eva tedesjö / tt news agency / picturedesk.com

      Serhij Zhadan: Der Krieg kennt kein Schwarz-Weiß.

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