"Kuttners Hitlershow": Hitler als popkulturelle Marke

    Interview8. Juni 2018, 09:00
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    Ein Theaterabend über Adolf Hitler: Muss das sein? Kult-Entertainer Jürgen Kuttner findet: Ja! Ein Gespräch über die Vermarktung des Diktators.

    Jürgen Kuttner trägt ein Tattoo, obwohl er Tattoos nicht gut findet. Aber dieses eine musste sein. Am Armgelenk blitzt das Räuberrad hinter der Uhr hervor, das Symbol der Ära Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne. Diese war bis letzten Sommer Kuttners künstlerische Heimat. Noch heute flehen am Rosa-Luxemburg-Platz Zettel "Kuttner, komm nach Hause!". Doch Kuttner ist in Linz. Der Ostberliner, bekannt für seine Videoschnipselabende, führt hier bei Kuttners Hitlershow (ab 9. Juni im Landestheater) Regie. Kuttner macht den Conférencier. Es geht um die Marke Hitler und um deren Popkulturalisierung.

    STANDARD: Haben Sie den Hitler-Sager von Alexander Gauland (AfD) schon in Ihre Show eingebaut? Er meinte, Hitler und die Nazis wären nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte gewesen.

    Kuttner: Nein, denn das ist doch wieder so eine kalkulierte Provokation, die man am besten gar nicht mal ignoriert. Wer sich darauf einlässt, macht es nur noch wichtiger.

    STANDARD: Gehört das nicht auch zu Ihrem Thema "Hitler sells"?

    Kuttner: Ja, aber ehrlich, das ist nicht satisfaktionsfähig. Da verziehe ich einfach das Gesicht und aus.

    STANDARD: Sie haben bereits 2004 an der Volksbühne Berlin einen Hitler-Abend gemacht. Warum genau jetzt wieder?

    Kuttner: Das war damals ein einmaliger Abend als Notwehr gegen den Film Der Untergang, den ich ganz schrecklich fand. Weil darin der Entpolitisierung und Privatisierung der Figur Hitler Raum gegeben wurde. Unseren Hitler-Abend haben wir damals so bam, bam, bam hingeknallt. Es war ein großer Erfolg und wir hätten das wahrscheinlich auch 20-mal machen können. Aber ich wollte mich nicht auf diese Verwertungsmaschine setzen, die ich ja auch kritisiere. Jetzt, 14 Jahre später, geht's ganz um die Mechanismen dieser medialen Verwertung. Die Soziologen nennen das "teilnehmende Beobachtung".

    STANDARD: Aber ein Restwiderspruch bleibt. Denn auch Sie verwursten jetzt mit, nicht?

    Kuttner: Ja, das weiß ich, das geht nicht anders. Aber wir legen diesen Widerspruch auch offen, wir stellen ihn geradezu aus. Wir betreiben gewissermaßen "verwurstende Verwurstungskritik".

    STANDARD: Gibt es einen Anlass?

    Kuttner: Ich beobachte, dass die Art und Weise, wie Medien oder die Unterhaltungsbranche Hitler verkaufen, auch die Politik mitbestimmt. Wenn man sagt, Hitler ist Pop, dann korreliert das mit den populistischen Entwicklungen in der Politik.

    STANDARD: Den österreichischen Kanzler bezeichnete der amtierende US-Botschafter in Deutschland jüngst als "Rockstar" der europäischen Rechtskonservativen.

    Kuttner: Na, da wird sich der Rock 'n' Roll schön bedanken! Aber der Mechanismus ist klar: Aus der politischen Figur wird eine Popfigur, und diese nützt dann Pop-Tools, um Politik zu machen. Das reicht von Trump bis Orbán. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verstärkt. Politik hat sich grundsätzlich entpolitisiert und "verpopt", auch bei den Linken. Politik ist auch in dem Sinne entpolitisiert, als man dauernd hört, da müssten jetzt Fachleute ran. Niemand aber hat eine politische Zielvorstellung! Niemand weiß mehr, was man erreichen will.

    STANDARD: Das Entertainerduo Pigor & Eichhorn singt "Hitler – das Aftershave für den Mann" und dass es auch ein wenig nach Schäferhund rieche. Auch "Hitler sells"?

    Kuttner: Also sich über Hitler lustig zu machen, das gehört zur Bewältigungs- und Austreibungsstrategie. Das ist wirklich nötig. Hitler war ein Dämon, aber zugleich auch ein armes, frustriertes Würstchen. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren.

    STANDARD: Die Vermarktung der NS-Politik war enorm, das Logo "genial" ...

    Kuttner: ... ich war oft in Indien, und ich frage mich immer wieder, wie diese zwölf Jahre Naziherrschaft die 2000 Jahre der Swastika als Glückssymbol überdecken konnten. Ich wollte übrigens mal eine Ausstellung machen mit dem Titel "Das Hakenkreuz in seiner natürlichen Umgebung".

    STANDARD: Man versucht stets, Hitler-Pilgerstätten zu verhindern. Würden wir in einem Hitler-Shop das Bärtchen kaufen?

    Kuttner: Ich wage da keine Antwort. Ich bin mir nur ganz sicher, dass die Verlockung, so etwas anzubieten, sehr groß wäre.

    STANDARD: Sie sind für Ihre Videoschnipselabende bekannt. Videos sind auch Teil der "Hitlershow". Wie kommen Sie zum Material?

    Kuttner: Ich habe vor allem Fernseharchivsendungen gesammelt. Mir geht es um ältere Mitschnitte, die historische Dimension. Wir leben ja heute in einer permanenten Gegenwart. Es gibt keinen Sinn mehr dafür, dass es vor 20 oder 30 Jahren anders war. Man kann sich an Salate ohne Rucola ja gar nicht mehr erinnern. Alexander Kluge hat das den "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" genannt. Dass also die Zukunft besser oder schlechter werden könnte und nicht eine verlängerte Gegenwart ist, kann man heute gar nicht mehr denken.

    STANDARD: Welches Lied von Ihren "Kollateralschlagern" hat es denn in die "Hitlershow" geschafft?

    Kuttner: Also wenn Udo Jürgens singt Tausend Jahre sind ein Tag, dann kurbelt das mein Denken schon an. (Margarete Affenzeller, 7.6.2018)

    Jürgen Kuttner (60) ist promovierter Philosoph und Intellektuellen-Showmaster. In der Ära Frank Castorfs hat er an der Volksbühne mit seinen Videoschnipselabenden Kultstatus erreicht.

    Linzer Landestheater

    • Jürgen Kuttner findet, man muss sich über Hitler auch lustig machen.
      foto: robert josipovic

      Jürgen Kuttner findet, man muss sich über Hitler auch lustig machen.

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