STANDARD-Redakteur Philip Bauer für Story des Jahres ausgezeichnet

    6. Juni 2018, 22:45
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    Philip Bauer erhielt den Preis für seine Geschichte "Es gab Übergriffe. Von Trainern, Betreuern, Kollegen" über die Praktiken im ÖSV

    Wien – Mit der Auszeichnung als Story des Jahres haben die Veranstalter der Journalismustage auch heuer wieder die beste Geschichte "unabhängig von Reichweite des Mediums oder Status des Autors oder der Autorin" gewürdigt.

    Den Preis erhielt diesmal Philip Bauer für seine Aufzeichnung von Nicola Werdeniggs Geschichten über die Praktiken im Österreichischen Skiverband (ÖSV), die im STANDARD erschien (siehe: "Es gab Übergriffe. Von Trainern, Betreuern, Kollegen").

    "Eine eindringliche Geschichte, klar im Stil, einfach in der Sprache. Sie hat aufgebrochen, was sich jahrzehntelang keiner anzurühren getraut hatte", urteilte die Jury. Der Schisport sei nicht mehr dasselbe wie zuvor. Der Text mache Frauen in ähnlicher Lage Mut und nehme alle Menschen in die Pflicht hinzusehen, wo viel zu lange weggesehen worden sei. "Die Geschichte von Nicola Werdenigg hätte schon Geschichte des Jahres 1979 sein müssen, damals als es alles passierte. Vieles wäre dann wohl gar nicht geschehen."

    Unter die besten fünf Geschichten des Jahres kamen außerdem "Geheimsache Pröll" von Florian Klenk ("Falter"), "Jo mei" von Stefan Apfl ("Datum"), "Schuld und Sühne" von Anja Melzer ("News") und "Die letzte Ausfahrt" von Markus Huber ("Fleisch").

    "Macht die Politik den Journalismus kaputt?"

    Einen Tag vor Beginn der Medienenquete wurden nicht nur Preise verliehen, die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka ("Heute-Journal") hielt auch ihre Keynote. "Macht die Politik den Journalismus kaputt?" lautet die Frage der diesjährigen Journalismustage. Slomka beantwortete die Frage am Mittwochabend mit einem klaren Ja. Allerdings wolle sie nicht von "der Politik" sprechen, sondern von "Politikern und Parteien".

    Die Entwicklungen seien sowohl in Europa als auch in Amerika besorgniserregend. Das Grundprinzip der Gewaltenteilung würde sich "immer mehr zugunsten von Regierungen" verschieben. "Ideologische Kämpfe" erkenne sie hierbei nicht – die Angriffe auf Medien und Journalisten kämen von allen Seiten. Slomka hielt aber auch fest, dass Politiker sowohl in Österreich als auch in Deutschland mehrheitlich dazu bereit seien, sich auf einen Diskurs mit Medien einzulassen.

    Zu bedenken gab Slomka, dass es vielfältige Methoden seitens der Politik gebe, um die Pressefreiheit zu beschränken. Eine beliebte Variante bestehe darin, Medien zu diskreditieren, indem man von Systemmedien spreche, die gleichgeschaltet seien. Dadurch stelle die Politik Medien als "monolithischen Block" hin.

    Das "Neutralitätsgebot als Kampfbegriff"

    Eine weitere Methode: Zweifel am journalistischen Auftrag und an der journalistischen Unabhängigkeit zu säen. Das Neutralitätsgebot werde zum "Kampfbegriff". Politiker versuchen Journalisten ihre Glaubwürdigkeit abzusprechen und sie so zu schwächen. Öffentlich-rechtliche Journalisten in Österreich und Deutschland seien mehrheitlich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie stünden politisch links, konstatierte Slomka.

    Sie wies auch auf Äußerungen des Freiheitlichen Norbert Steger, nunmehr Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats, hin. "In Österreich haben Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausgerichtet bekommen, ihre Jobs seien nicht mehr sicher, wenn sie nicht neutraler berichten", so Slomka. Auch Aussagen über den Gesichtsausdruck von "ZiB 2"-Moderator Armin Wolf (Steger: "bös" gegenüber FPÖ-Politikern) sind laut Slomka eine "subtile Form", Druck auszuüben. Es sei nicht konservativ, den ORF zu attackieren, sondern "destruktiv".

    Öffentlich-rechtlicher Rundfunk gehöre allen

    Zu guter Letzt betont die ZDF-Anchorwoman, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk allen Bürgern gehöre und nicht der Politik. Dass man mit politischen Versprechungen, Rundfunkgebühren abzuschaffen, Sympathien gewinnen könne, verstehe sie natürlich. Umso mehr begrüße sie es, dass sich die Schweizer Stimmberechtigten zur Volksinitiative "No Billag" mit einem klaren Nein (71,6 Prozent) geäußert haben. Der Vision, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus politischen Budgettöpfen finanziert werde, könne sie nichts abgewinnen. "Die Führungsriege des ORF müsste dann beim Kanzler antreten und um Geld betteln – und das jedes Jahr."

    Denn Geld spiele eine gewaltige Rolle bei der Frage, wie unabhängig Medien sein können. "Klar ist es nicht angenehm, wenn man Monat für Monat sieht, was dieser Rundfunk kostet", sagte Slomka. Es sei aber auch eine Form von Transparenz, transparenter als andere staatliche kulturelle Institutionen und "viele der Verästelungen in den privaten Medien", die dem Publikum oft unbekannt seien.

    Opportunismus beim Thema Medienfreiheit "unangebracht"

    In Richtung Privatsender, die sich aus einer ORF-Zähmung Vorteile erhofften sagte sie, dass Opportunismus beim Thema Medienfreiheit nicht angebracht sei. Regierungen, "die definieren, was neutral ist", würden auch vor kommerziellen Medien nicht haltmachen. Die Einflussnahme würden auch private Medien zu spüren bekommen – "wenn auch durch die Hintertür".

    Slomka war eine von mehreren prominenten deutschen Journalisten, die im März in einem offenen Brief an Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) "Angriffe" der FPÖ "auf unabhängige Journalisten und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ORF" beklagt und Kurz' "Zurückhaltung" kritisiert hatten. (APA, red, 6.6.2018)

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