Kunasek zieht erste Lehren aus Vorfall auf Golan

    6. Juni 2018, 18:00
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    Die militärische Untersuchung zu dem Massaker gilt als abgeschlossen, der FPÖ-Minister will nun ein Umdenken bei Soldaten nach belastenden Auslandseinsätzen erwirken

    Obwohl die von ihm eingesetzte Untersuchungskommission des Bundesheeres die heimischen UN-Soldaten rund um den Vorfall auf dem Golan, bei dem neun Syrer 2012 in einen offensichtlich tödlichen Hinterhalt fuhren, völkerrechtlich und militärisch entlastet, zieht Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) daraus erste Lehren.

    Bei der Testung angehender österreichischer Blauhelme will Kunasek, dass "ab sofort noch genauer" hingesehen wird, wie er im STANDARD-Gespräch sagt. Und ebenfalls ein Anliegen des Ministers: dass Soldaten nach belastenden Einsätzen öfter Gebrauch vom entsprechenden Hilfsangebot des Bundesheeres machen. (red)

    STANDARD: Ihre Untersuchungskommission hat jene UN-Soldaten militärisch und völkerrechtlich entlastet, die 2012 auf dem Golan mitfilmten, wie neun syrische Geheimpolizisten in einen offensichtlichen Hinterhalt fuhren. Nun ist die Justiz am Zug – ziehen Sie aus der grenzwertigen Situation dennoch Lehren für das Bundesheer?

    Kunasek: Selbstverständlich. Vor Auslandseinsätzen haben wir eine Vorauswahl, auch mit psychologischer Testung – und damit versuchen wir stets, möglichst robuste Soldaten in die Einsatzräume unserer Missionen zu entsenden. Hier sage ich: Gut, schauen wir bei den Testungen ab sofort noch genauer hin.

    STANDARD: Auf dem Golan waren bei dem umstrittenen Vorfall auch sehr junge Soldaten im Einsatz – warum setzt man künftig nicht auf erfahrenere UN-Kräfte?

    Kunasek: Dazu sage ich Jein, denn psychische Belastungssituationen können für Ältere wie Jüngere gleichermaßen auftreten – davor schützt einen kein Alter. Die Kommentare auf den Videoaufzeichnungen wirkten für viele zu Recht verstörend, doch wir wissen auch aus Erfahrung: In Extremsituationen kann das einem älteren Soldaten genauso passieren wie einem jungen Korporal.

    STANDARD: Was soll sich für heimische Blauhelme noch ändern?

    Kunasek: Wir sehen unsere Verantwortung darin, dass wir für Soldatinnen und Soldaten nach schwierigen Einsätzen stärker unser Hilfsangebot betonen, dass sie es auch in Anspruch nehmen sollen. Ich habe den Eindruck, dass das noch nicht so gut angenommen wird, wie es vielleicht notwendig wäre. Ich appelliere daher, dass es neben den Gesprächen mit ihren Vorgesetzten, den Kommandanten, die ja auch eine Fürsorgepflicht haben, Heerespsychologen und Ärzte gibt. Dazu haben wir die Militärseelsorge, der man sich auch anvertrauen kann.

    STANDARD: Warum wird das bisher zu wenig angenommen?

    Kunasek: In diese Einsätze gehen mehrheitlich Soldaten – und Männer tendieren eventuell eher dazu, Probleme nicht gern offen anzusprechen. Das ist übrigens nicht nur beim Bundesheer so, sondern das ist, denke ich, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass Männer nicht gerade gerne Schwächen zu erkennen geben.

    STANDARD: D'accord – aber wie kann man da gegensteuern?

    Kunasek: Indem man zunächst das normale Gespräch sucht, vielleicht im kameradschaftlichen Rahmen. Bei der Feuerwehr etwa setzt man sich nach schwer zu meisternden Einsätzen oft noch einmal zusammen, um über den Vorfall zu reden – quasi als erste Therapieeinheit. Und wenn das nicht reicht, braucht man sich auch nicht zu scheuen, professionelle Hilfe anzunehmen. Das alles soll bei unseren Einsatzvorbereitungen mehr thematisiert werden.

    STANDARD: Also reflektieren, statt Probleme mitunter einfach runterzuspülen?

    Kunasek: Hier braucht man sich nichts vorzumachen: Wichtig ist, dass man lernt, offene Gespräche zuzulassen – ob bei einem Bier oder einem Kaffee. (Nina Weißensteiner, 6.6.2018)

    Mario Kunasek (41) war schon vor seiner Angelobung zum Verteidigungsminister steirischer FPÖ-Chef. Von 2008 bis 2015 war der gebürtige Grazer, gelernte Kfz-Techniker und Stabsunteroffizier Abgeordneter im Nationalrat sowie Wehrsprecher der FPÖ.

    • "In diese Einsätze gehen mehrheitlich Soldaten – und Männer tendieren eventuell eher dazu, Probleme nicht gern offen anzusprechen", sagt Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ).
      foto: reuters / heinz-peter bader

      "In diese Einsätze gehen mehrheitlich Soldaten – und Männer tendieren eventuell eher dazu, Probleme nicht gern offen anzusprechen", sagt Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ).

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