K-Pop: Koreas Quietschentenmusik erobert den Weltmarkt

    7. Juni 2018, 07:15
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    Die strengen Formalismen des K-Pop treiben die alten westlichen Ideen der Boy- und Girlband auf die Spitze

    Wien – Eine alte Theorie des Pop besagt, dass du alt bist, sobald du das Gefühl hast, dass die aktuell bei jungen Menschen angesagte Musik zu laut ist. In Zeiten, in denen die besagten jungen Leute allerdings nur noch Musik aus den Blechdosen ihrer Taschentelefone hören, ist das mit der Lautstärke so eine Sache. Anhand der sich im Teenagerinnenmilieu seit einiger Zeit großer und größter Beliebtheit erfreuenden aktuellen K-Pop-Musik muss man leider eines feststellen.

    foto: apa / kevin winter
    Die Burschen von BTS sind die zurzeit erfolgreichste K-Pop-Band der Welt. 2017 überflügelten sie mit über 500 Millionen Tweets und Retweets Donald Trump auf Twitter.

    Man hat zwar in seinem Leben schon einiges gehört und gesehen, unter anderem Hörstürze bei Metal-, Hardcore-, Punk- und Industrialkonzerten, weinende Kinder bei David Hasselhoff oder ganz viele musikbegeisterte ältere Männer mit Herrenhandtasche bei den Spice Girls oder Take That. Mit K-Pop als Synonym für Korean Pop ist allerdings nun ein gewisser musikhistorischer Endpunkt erreicht, den man auf jeden Fall persönlich nehmen muss.

    Was zu hören ist, ist nicht laut, es schreit, quäkt und quietscht einem bei moderater Lautstärke knallbunt entgegen. Wie bei so vielen anderen Industriezweigen im asiatischen Raum verhält es sich beim K-Pop und seinen ersten Superhelden Seo Taiji and Boys oder Big Bang in den 1990er-Jahren bis zu den heutigen, mittlerweile global die Sportstadien füllenden, vorwiegend männlichen Superstars wie Super Junior, BTS (Bangtan Boys) oder GOT7 so: Das alles sind weitgehend perfektionierte und ein wenig mit Lokalkolorit auffrisierte Adaptionen westlicher Populärstile.

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    Nach Jahren der kleineren Anläufe soll K-Pop nun auch breitenwirksam in Europa etabliert werden. Die Burschen von GOT7 treten am Donnerstag etwa im Berliner Velodrom auf, die Karten waren innerhalb weniger Minuten weg. Für BTS, die am 16. und 17. Oktober in der ungleich größeren Berliner Mercedes-Benz-Arena vor jeweils 17.000 Besuchern bei durchschnittlich 120 Euro Eintritt auftreten werden, hätte es vorigen Freitag die Chance gegeben, online Karten zu erwerben. Die Konzerte waren innerhalb weniger Sekunden ausverkauft, der Server zusammengebrochen.

    BTS befinden sich gerade mit ihrem Programm Love Yourself auf Welttournee, speziell auch in Nord- und Südamerika feiert die Band enorme Erfolge. Europa gilt, wie gesagt, noch ein wenig als Entwicklungsland, obwohl Tonträgerumsätze von BTS auf mittlerweile weltweit über 100 Millionen verkaufte Einheiten geschätzt werden. Die aktuelle Single Fake Love wurde Mitte Mai auf Youtube gestellt und verzeichnet mittlerweile über 130 Millionen Klicks.

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    Man sieht, koreanische Popmusik feiert auch abseits des Gangnam Style des Entertainers Psy aus Seoul von 2012 mit mittlerweile rekordverdächtigen drei Milliarden Zugriffen einen Siegeszug, den man westlicher Popmusik in dieser Größenordnung nicht mehr unbedingt zutraut. Speziell die Vorgaben des klassischen Boyband- und Girlgroup-Pop fließen mit Balladensentiment, ein wenig Liebesleid im Plastikblumen-Arrangement, zünftigen, aber streng unschuldigen Partyknallern und ein wenig Hip-Hop-Badness ein.

    Streng androgyn und nicht zu sexy

    Kulturkritische Stimmen in Korea bemängeln seit jeher, dass K-Pop-Acts völlig unreflektiert und aus dem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang gerissene englische Worte und Ausdrucksweisen einfach für ihre koreanischen Texte übernehmen. So entstehe ein lyrisches Ballaballa und künstlerischer Mantsch. Zweiter Kritikpunkt: Dasselbe gilt für japanischen Pop.

    Der Sound des auch nicht gerade für eine kritische kulturelle Distanz zum Westen bekannten alten Erzfeinds, Besatzers und Ausbeuters der Koreaner darf überhaupt erst seit 1999 nach Südkorea importiert werden. Die japanische K-Pop-Variante, etwa mit der Mädchenband AKB48 Group mit ihren mehreren, sich gleichzeitig auf Tourneen und im eigenen Theater in Tokio täglich auf der Bühne befindlichen Ensembles und einer über 120-köpfigen Mitgliederzahl, ist zum Beatlemania-mäßig bekreischten Massenphänomen geworden.

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    Auch China, Indien und selbst Nordkorea springen mittlerweile auf diesen von wenigen koreanischen Agenturen diktatorisch geleiteten Zug auf. Die Mädchen-Acts dürfen dabei nicht zu sexy rüberkommen, das Image der Burschen ist streng nach den Vorgaben asiatischer Manga-Comics androgyn und austauschbar gestaltet. Immerhin gibt es im Genre nicht nur Rücktritte wegen sexueller Verfehlungen vor der Ehe, in der Öffentlichkeit verpönter und deshalb geheim gehaltener Homosexualität, sondern auch einen unglaublichen Druck, der mitunter zu Depressionen und Selbstmorden führt.

    Das Management plant das öffentliche Leben ihrer schlecht, oft auch nur über einen fixen Monatslohn bezahlten Stars, die im Wesentlichen ja nur wie die Zirkuspferde singen und schön tanzen dürfen, auch bis ins letzte Detail durch. Das letzte Detail heißt dann oft totaler Zusammenbruch. Erst im Dezember 2017 nahm sich etwa der koreanische Popstar Jonghyun mit 27 das Leben. (Christian Schachinger, 7.6.2018)

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