EAV oder die Frage: Kann denn Schwachsinn Sünde sein?

    Blog9. Juni 2018, 09:03
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    Dass die Wurzeln des Austropop aus der Nähe des Kabaretts stammen, leugnete die EAV nie. Ganz im Gegenteil, sie frönt dem Klamauk bis heute

    Popmusik ist über weite Strecken eine heitere Disziplin. Sehen wir einmal von Fächern wie Death Metal ab, von singenden Trauerweiden und todessehnsüchtigen Barden oder die Apokalypse beschwörenden Industrial-Malochern. Ansonsten soll und darf Popmusik fröhlich sein, zerstreuen, easy cheesy sein.

    Im Genom der österreichischen Popmusik ist zudem das Kabarett angelegt. Gerhard Bronners G’schupfter Ferdl steht da als eines von vielen Vorbildern – auch die Worried Men Skiffle Group zeigte in Liedern wie Glaubst i bin bled keine Abneigung gegenüber höherem Unfug.

    Wickel mit dem Namensgeber

    Das schlug sich später bei Bands wie Drahdiwaberl ebenso nieder wie bei einer der erfolgreichsten Austropop-Bands der 1980er, der EAV, der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

    Bereits der Bandname war ein Hinweis auf einen etwas abgedrehten Humor und sorgte bald nach Gründung 1977 für Wickel mit der Ersten Allgemeinen Versicherung, deren Name beliehen wurde. Sogar eine Klage wurde seitens der Versicherung eingereicht, aber wieder zurückgezogen.

    Ernste Inhalte vertrottelt übermittelt

    Die bis heute aktive EAV frönt der Kunst, ernsthafte Inhalte auf spaßige bis vertrottelte Weise zu übermitteln. Dafür ist man sich für wenig zu gut: Verspricht es die angepeilte Wirkung, springen Klaus Eberhartinger und Thomas Spitzer wahrscheinlich immer noch in den Gatsch.

    Im Rahmen des Gedenkens anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Republik widmet sich die Reihe "Zwickt's mi" österreichischer Popmusik. Einzelne Alben, Songs und Künstler, die die heimische Populärmusik geprägt haben, werden in Erinnerung gerufen und vorgestellt.

    Die EAV wurde in der Steiermark gegründet. In ihrer Frühzeit spielte Gert Steinbäcker von STS ebenso mit wie Wilfried, der am ersten Album 1. Allgemeine Verunsicherung (1978) der Band seine Stimme lieh.

    Auf dem 1981 erschienenen Café Passé war Steinbäcker als Hauptstimme angeführt, diesen Titel übernahm ab 1983 und dem Album Spitalo Fatalo Klaus Eberhartinger – und führt ihn bis heute.

    Kleinkunst oder Musik?

    Mit Spitalo Fatalo nahm die Band beträchtlich Fahrt auf. Sie adaptierte aktuelle Musikstile wie die Neue Deutsche Welle (Tanz, Tanz, Tanz), Hip-Hop (Alpenrap) oder nahm mit Es wird Heller ihren Kollegen André Heller aufs Korn. Für ihre Art Musik fasste die EAV auch schon mal einen Kleinkunstpreis aus.

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    "Tanz den Apokalypso". Neue Deutsche Welle ohne Zukunft. Die EAV mit Tanz, Tanz, Tanz.

    Der Alpenrap und Afrika brachten die EAV erstmals in die Charts, in Deutschland führte Afrika zu Missverständnissen. Humor ist schwierig, manch einer witterte Rassismus, tatsächlich geht es um Massentourismus und eine Haltung, die die Band mit "heite gemma Nega schaun" auf den Punkt bringt.

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    "Ist der Massa gut bei Kassa fliegt er nach Mombasa" – die EAV und ihr Lied Afrika.

    Aber Rassisten sind EAV nicht, mehr als einmal hat sich die Band klar gegen rechts positioniert. Laut Homepage der Band bekam sie 1984 eine Bombendrohung aus der Nazi-Szene, die in einer erfolglosen Durchsuchung eines Konzertsaals in Kiel mündete.

    Hierzulande klagte Jörg Haider die Band wegen übler Nachrede, auch Kurt Waldheim (wegen des Songs Kurti) wollte die Band vor Gericht zerren – ließ sich aber davon überzeugen, dass ihm das nicht gut anstünde.

    Gespür für Themen

    Derlei Fußnoten in der Biografie der Band werden vom Klamauk vieler Hits verdrängt. Wie deppert diese teilweise sein mögen, sie zeigen einen Instinkt für Themen und dass es der EAV immer wieder gelang, den Zeitgeist zu reflektieren.

    Einerseits fragten sie Kann denn Schwachsinn Sünde sein ...?, andererseits schrieben sie Lieder über Nazis, Atomkraft oder die Kirche – und alle derart adressierten reagierten, wie man es von ihnen erwarten konnte. Punkt für die Band.

    Das Böse ist immer und überall

    1985 erschien das Album Geld oder Leben, das mit Liedern wie Märchenprinz, Ba-Ba-Banküberfall ("das Böse ist immer und überall") oder Heiße Nächte in Palermo beträchtliche Erfolge verbuchte. Es soll mit über 800.000 verkauften Exemplaren das erfolgreichste Album der Band sein.

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    In England wurde dieses Video einmal als schlechtestes Video der Woche ausgewählt – es fällt schwer, dem zu widersprechen: Ba-Ba-Banküberfall.

    Die Videos aus der Zeit zeigen eine verkleidungssüchtige Band, die in Brachialreimform ihren infantilen Spaß Gassi führt. Musikalisch ist das von heute aus betrachtet noch schwerer auszuhalten als damals, als diese dünnen 1980er-Jahre-Produktionen wochenlang im Radio liefen. Eineinhalb Jahre lang war die EAV mit Geld oder Leben in der heimischen Hitparade.

    EAV in Häfen-Gala

    Das Coverartwork stammt, wie so oft in der Geschichte der Band, von Thomas Spitzer. Die Rückseite des Albums zeigt die Bandmitglieder in verschiedenen Gangsterposen – wobei die gestreifte Gala einiger Mitglieder selbstironisch Rückschlüsse auf ihr jeweiliges kriminelles Talent erlaubt.

    Zwischen 1985 und 1994 veröffentlichte die Band fünf Alben, die allesamt sechsstellige Absätze fanden und ihr im deutschsprachigen Sprachraum große Popularität einbrachten.

    Mit größer werdenden Abständen zwischen den Alben und sich verändernden Trends und Moden wurde der Erfolg der EAV bescheidener, diverse Kompilationen und Livealben verkauften sich aber immer noch wie geschnitten Verhackertbrot – wenn man sich nicht gerade wegen der Finanzen stritt.

    Abschiedstournee 2019

    Dennoch – 2019 soll Schluss sein, für das kommende Jahr ist eine große Abschiedstournee quer durch den deutschen Sprachraum angesetzt. Damit's in der Kassa vom Massa noch einmal ordentlich klingelt. (Karl Fluch, 9.6.2018)

    • Gesellschaftskritik mit Klamauk. Die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz EAV, zählte zu den erfolgreichsten Austro-Poppern der 1980er.
      foto: eav

      Gesellschaftskritik mit Klamauk. Die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz EAV, zählte zu den erfolgreichsten Austro-Poppern der 1980er.

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