Brauchen wir noch öffentlich-rechtliche Medien? Fünf internationale Experten versuchen sich in Antworten

Video6. Juni 2018, 10:00
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Rasmus Nielsen: "Beim Brexit kann die BBC nicht neutral bleiben"

Perugia/Wien – In Europa herrscht dicke Luft für öffentlich-rechtliche Medien. Die Jugend schaut und hört längst nicht mehr zu, Gebührenmodelle scheinen im Vergleich zu geteilten Netflix-Accounts haltlos überteuert, und die journalistische Glaubwürdigkeit wird, teilweise zu Recht, immer mehr infrage gestellt. Haben öffentlich-rechtliche Medien überhaupt noch eine Zukunft?

Diese Frage war Thema einiger Panels beim Internationalen Journalismusfestival in Perugia im April dieses Jahres. Für das große Thema des Festivals, die Frage nach Vertrauen und Desinformation, waren Öffentlich-Rechtliche zur gleichen Zeit Problem und Lösung, meist abhängig vom Herkunftsland des Befragten.

Für Mark Little, früher Journalist beim irischen RTÉ, jetzt CEO von Nevalabs, bereiten Öffentlich-Rechtliche einen Pool von Fakten auf, auf den sich sowohl Rechte als auch Linke einigen können. Staaten mit einem guten öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben nachweislich weniger mit Polarisierung zu kämpfen.

"Beim Brexit kann die BBC nicht neutral bleiben"

So einfach ist es aber doch nicht. Schließlich gibt es auch öffentlich-rechtliche Medien, die nicht viel mehr als Staatssender sind. Man erinnere sich an Demonstranten mit zugeklebten Mündern in Ungarn. Aber auch unabhängige Sender haben ein Problem, meint Rasmus Nielsen vom Reuters Institute for the Study of Journalism. "Bei einem Thema wie dem Brexit kann die BBC nicht einfach neutral bleiben", meinte er. Die zunehmende Polarisierung macht es für Sender eben deutlich schwieriger, gemeinsamen Boden zu finden.

Der digitale Redakteur

Die öffentlich-rechtlichen Medien sind aber nicht nur ein Ort der Nachrichten, sondern auch ein Ort der Innovation. Finnland macht es hier vor. Dort werden seit Neuestem Bots eingesetzt, die selbstständig Daten analysieren und ihre eigenen Geschichten entwickeln. Mika Rahkonen erzählt von Victor, einem digitalen Redakteur, der Geschichten zu Sport und Wahlen erstellt. Er soll menschliche Journalisten natürlich nicht ersetzen, sondern ihnen bei mühsamer Datendurchforstung unter die Arme greifen. Nach einer ersten Testphase will ihn der finnische Sender Yle als Open Source nun allen zur Verfügung stellen.

Victor ist ein Beispiel, wie öffentlich-rechtliche Medien Innovation vorantreiben können. Das allein wird aber nicht reichen. Die öffentlich-rechtlichen Medien in Europa müssen sich vernetzen, meint Ezra Ermann, Leiter der Europäischen Rundfunkunion EBU. An einen europaweiten Sender glaubt er jedoch nicht. Öffentlich-Rechtliche müssen sprachlich und kulturell mit ihren Zusehern verbunden bleiben. Außerdem braucht es Wege, wie man mit den Zusehern besser interagieren und junge Zuseherinnen und Zuseher wieder zurückgewinnen kann.

"Kleine Revolution" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Einen solchen Weg probiert man gerade in Deutschland. Seit zwei Jahren gibt es dort Funk, eine Kooperation des ZDF und der ARD. Bei Funk wird aber nicht auf Kurzwelle gesendet, sondern im Internet geteilt. Die produzierten Formate sind auf Social-Media-Plattformen wie Youtube, Facebook, Instagram und Snapchat zugeschnitten und wollen dort das junge Publikum erreichen. Für Isabel Hummel vom Funk-finanzierten Youtube-Kanal Jäger & Sammler ist das Projekt eine "kleine Revolution" des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Funk hat verstanden, dass man junge Zuseher nicht zurück zu Radio und Fernseher holen kann, sondern dass man ihnen in die neuen Medien folgen muss. Die Frage ist, ob diese das überhaupt wollen. Geht man nach der Zahl von Followern beziehungsweise Abonnenten, liegt Funk bisher hinter den Erwartungen zurück.

Die gesellschaftliche Funktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird nach wie vor gebraucht. Dieser muss allerdings neue Wege finden, wie er diese Funktion erfüllen kann, denn die Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols sind vorbei. Öffentlich-rechtliche Medien müssen nun zeigen, dass ihre Daseinsberechtigung in Vielfalt, Qualität und Innovation liegt, sowohl in den alten als auch in den neuen Medien.

der standard

Donnerstag und Freitag lädt Österreichs Bundesregierung zur Enquete über Österreichs Medien und Medienpolitik. (Luca Scheiring, 6.6.2018)

Luca Scheiring (22) lebt seit 2015 in Wien und studiert Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW sowie Politikwissenschaft an der Universität Wien. Neben der Politik beschäftigt sich der gebürtige Tiroler mit Kultur-, Medienjournalismus und Videoproduktion.

Zum Projekt: Vom Internationalen Journalismusfestival in Perugia berichten Studierende des Studienbereichs für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW. >>> Mehr hier im Schwerpunkt über Perugia.

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