Krisenwollmütze aus Island: Sie kratzt, sie beißt

    12. Juni 2018, 06:00
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    Markus Böhm hat sich auf Island eine echt hässliche Wollmütze gekauft. Wieso, das erzählt er hier

    Sie kratzt, sie beißt, und – ja – sie hat am Ende der Reise auch schon leicht zu beckln begonnen – was auf einer Vulkaninsel, auf der es stellenweise nach faulen Eiern riecht, zum Glück kaum auffällt. Ganz abgesehen davon, dass das gute Stück ein bisserl so ausschaut wie einst die gehäkelten Klopapierhüte, die die Hutablage des Ford Taunus der Großeltern zierten. Aber so etwas fällt einem immer erst auf, wenn sich der Blick aufgrund nachlassender Verklärung wieder schärft. Damals, auf Island, war das Gegenteil der Fall.

    Naturwunder

    Wir nutzten die Krise als Chance – konkret die Finanzkrise 2008. Der Wertverfall der Isländischen Krone bot uns die Chance auf eine günstige Rundfahrt auf dieser lebensfeindlichen und gerade deshalb so faszinierenden Insel aus Feuer und Eis.

    Am schönsten war's in den wilden Westfjorden. Dort, nahe Látrabjarg, wo die Papageientaucher in Steilklippen brüten, hat es ordentlich gerumpelt. Manchmal so stark, dass wir dachten, die Bodenplatte unseres Mietwagens verabschiedet sich. Was für eine Angst, im menschenleeren Territorium liegen zu bleiben, was für ein Glücksgefühl, wenn uns die Insel schon nach der nächsten Kurve mit einem Naturwunder belohnte.

    Verführerisch

    Diese Landschaft! Baumlos und schwarz, abweisend, dann wieder saftig grün. Tosende Wasserfälle in der Mitternachtssonne, sprudelnd-heiße Quellen, schwarze Strände, rote Strände, verführerisch-weiße Strände, geduckte, schwarzgestrichene Häuser, gedeckt mit Grassoden ... Seevögel, Robben, natürlich Islandpferde und Schafe, immer wieder diese zähen, zotteligen Viecher mit ihren kurzen Haxen, die frei auf der Insel herumstreifen und jeder Witterung trotzen.

    Aus ihrer Wolle wurde auch die Haube gestrickt. Gekauft irgendwo in einem kleinen Laden in einem Dorf westlich von Ísafjörður, dort, wo die Straße einfach zu Ende ist, sollte sie sich bewähren. Denn anders als im "Lonely Planet" prognostiziert, fielen uns rund um den See Mývatn nicht die Mücken an, sondern Schneeflocken vom Himmel. Sie tanzten ihren bizarren Tanz in den Tuffsteinformationen der Dimmuborgir. Da kam die Mütze gerade recht. Den Rest der Reise war sie eine treue Begleiterin.

    Gewaschen und eingelaufen liegt sie heute zu Hause herum. Sie will sich nicht so recht einfügen in die mitteleuropäische Garderobe. Doch gibt es da dieses Foto, wo wir vor dem Goðafoss stehen, ich mit dieser Mütze. Das sieht einfach nur super aus. (Markus Böhm, RONDO, 8.6.2018)

    foto: stephan hilpold

    Markus Böhm ist Redakteur beim RONDO. Er schreibt über Uhren. Hätte er damals gewusst, dass es in Island auch eine Uhrenmarke gibt, würde er hier wohl über einen Zeitmesser schreiben.

    • Könnte auch ein gehäkelter Klopapierhut sein, ist aber ein feines Souvenir aus Island.
      foto: lukas friesenbichler, set-design: magdalena rawicka

      Könnte auch ein gehäkelter Klopapierhut sein, ist aber ein feines Souvenir aus Island.

    • Diese Geschichte erschien im Rahmen eines Schwerpunkts im RONDO zum Thema Souvenirs.
      foto: lukas friesenbichler

      Diese Geschichte erschien im Rahmen eines Schwerpunkts im RONDO zum Thema Souvenirs.

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