"Agony" im Test: Schöner leiden in der Sado-Maso-Hölle

    4. Juni 2018, 11:49
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    Das Horrorspiel bringt eine beeindruckende Höllenvision auf die Bildschirme – die meisten Leidensmomente darin sind allerdings spielerischen Schwächen zu verdanken.

    Dunkelheit, Feuer, grotesk verdrehte riesige Gliedmaßen, nackte, verstümmelte Leichen, Seen voll Blut, erstickte Schreie, Wehklagen und Zähneknirschen: Das vom polnischen Studio Madmind entwickelte Horrorspiel "Agony" (Windows, PS4, Xbox One, 29,99 Euro) nimmt seine groteske, extreme Vision einer höllischen Dimension des Leids ganz schön ernst. Schon seit die ersten Videos des Spiels kursieren, fasziniert das First-Person-Spiel ein Splatter- und Horror-abgehärtetes Publikum durch die Ansage, etwas anderes bieten zu wollen als sattsam bekannte Horrorklischees.

    Die gute Nachricht zu Beginn: Das ist durchaus gelungen. So extrem, blutig, grotesk und voller nackter, sexualisierter Gewaltdarstellung war kaum ein Spiel zuvor – das Attribut "erwachsen" kommt einem angesichts der doch ein wenig pubertären Faszination für grausliche Provokation aber dann doch ein wenig fehl am Platz vor. "Agony" bemüht sich, zu schockieren, verlässt sich dabei aber weniger auf Jump-Scares als auf eine Welt und eine Atmosphäre, die eher verstören als erschrecken oder nur zum Gruseln bringen wollen.

    Zur Erinnerung: Zumindest darin ist "Agony" in religions- und kulturgeschichtlich bester Gesellschaft, denn von Dante Alighieris Inferno und Hieronymus Boschs Albtraumszenen abwärts hat die detaillierte Schilderung grotesker Höllenvisionen einen hochkulturellen Stammbaum, der weit über Death-Metal-Fan-Art hinausgeht.

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    "Agony" im Gameplay-Trailer.

    Durch die Hölle

    Vielleicht tut man auch gut daran, diese Odyssee durch eine Höllendimension eher in diesem klassisch kultur- und religionsgeschichtlichen Kontext zu sehen, denn spielerisch und inhaltlich ist die Suppe in "Agony" selbst eher dünn: Um die Hölle wieder verlassen zu können, suchen Spielerinnen und Spieler eine ominöse "rote Göttin", müssen sich vor jagenden barbrüstigen Dämoninnen mit grotesken Venusfliegenfallenköpfen in Acht nehmen, zahllose Gegenstände suchen und am richtigen Ort zum Einsatz bringen und ansonsten simple Rätsel lösen.

    Wird man von Bösewichtern erwischt, hat man kurze Zeit die Möglichkeit, als körperlose Seele einen neuen "Wirt" zu suchen; gelingt dies nicht innerhalb der vorgesehenen Zeitspanne, heißt’s zurück zu einem der eher raren Speicherpunkte.

    Gekämpft wird nicht, und auch die wenigen Spielmechaniken, die "Agony" zu ein bisschen mehr als "nur" einem atmosphärischen Walking-Simulator mit Schockambition machen, werden kaum erklärt. So lassen sich Eigenschaftspunkte auf einen rudimentären Fähigkeitenbaum aufteilen und im späteren Spielverlauf auch mächtigere Höllenwesen übernehmen; wer allerdings so weit ins Spiel vorstoßen will, muss sich auf ein bisschen Leid gefasst machen, das mit den dargestellten Dämonen und Höllenqualen eher weniger zu tun hat.

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    Quälen und gequält werden

    Denn schon die ersten Stunden des Spiels geraten zur Geduldsprobe, wenn Spielerinnen und Spieler wiederholt in blutig-schleimigen Labyrinthen vor patrouillierenden Dämonen auf der Hut sein müssen; mit etwas Pech führen deren zufällig gewählte Routen nämlich zu minutenlangen Wartepausen, in denen kaum Fortschritt möglich ist. Auch die Bewegung selbst fühlt sich hin und wieder eher schwammig an. Dass die auszuführenden Aufgaben über "sammle drei Totenköpfe, um das Tor zu öffnen" nicht hinauskommen, wird durch die Gegner und sich konstant stark ähnelnde Labyrinthabschnitte noch frustrierender.

    Hin und wieder aber blitzen beeindruckende Momente auf – etwa wenn sich gewaltige Labyrinthe aus der Vogelperspektive als monumentale Höllenarchitekturen würdigen lassen, wie sie auch Clive Barkers "Hellraiser"-Franchise gut zu Gesicht stehen würden. Unglücklicherweise gehen diese Lichtblicke aber schon bald im reinen Overkill an Splatter-, Gore- und Ekelmomenten unter. Die ersten zehn gepfählten Nackedeis betrachtet man noch mit morbidem Ekel – die nächsten 300 allerdings werden irgendwann zu Deko-Objekten.

    Eigentlich hätte man sich das denken können: Die von gewaltigen höllischen Panoramen bis hinunter in kleinste Details sorgfältig gestaltete Welt verliert ihren Schrecken durch schlichte Abstumpfung; sie wird, bei allem Willen zum Schock, früher oder später zur Normalität, die sich ermüdend oft wiederholt. Dasselbe gilt auch für das eigentlich sehr gelungene Sounddesign: Die furchterregende Tonkulisse aus Stöhnen, dämonischem Schmatzen und verwirrtem Gestammel der Verdammten ist atmosphärisch großartig – nur blendet man sie nach einer Stunde davon einfach aus. Im Fall der teils grottig zum Overacting neigenden Sprecher ist das wohl auch besser so.

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    "Agony" im Trailer.

    Fazit

    Die Ambition von "Agony" muss man bewundern: Eine derart bis ins Detail gestaltete und immer wieder beeindruckende groteske Höllenvision hat man in VIdeospielen kaum jemals gesehen. Dass die Entwickler ihr Werk ein wenig schneiden mussten, um das PEGI-Rating zu bekommen, schmälert das albtraumhafte, in seinen besten Momenten genuin verstörende Spiel eigentlich nicht.

    Fatal sind allerdings die Schwächen, die sich schon nach kurzer Zeit im Gameplay bemerkbar machen: Der Stealth-Teil ist mäßig gut gelöst, die bloße Bewegung durchs Spiel fühlt sich selten "richtig" an und die wiederkehrenden Suchen nach Schlüsseln und anderen Gegenständen werden nicht nur durch desorientierende Labyrinthe zum Ärgernis. Schade, dass sich "Agony" nicht auf den spielerischen Minimalismus der "Amnesia"-Reihe, und da besonders auf jenen von Dan Pinchbecks "A Machine for Pigs" beschränken wollte.

    Denn die Gameplay-Elemente, sicher auch eingesetzt, um die Spieldauer zu strecken, sabotieren ironischerweise genau aus diesem Grund mit jeder Spielminute zu viel auch die gelungene Atmosphäre durch zunehmende Abstumpfung des Publikums. Aber Moment: Vielleicht wollte uns Madmind ja just dadurch etwas mitteilen – über das Grauen der Wiederholung, die albtraumhafte Sinnlosigkeit jeden Tuns in einer Hölle, in der es so etwas wie Spaß, und sei es nur Spielspaß, per Definition nicht geben kann?

    Denn die Wahrheit ist: Besonders viel Spaß macht "Agony" nicht – und es ließe sich wohl trefflich darüber philosophieren, ob das im Sinne seiner Macher ist. Wie steht es schon bei Dante an den Toren der Hölle warnend geschrieben: Ihr, die ihr hier eintretet – lasst alle Hoffnung fahren. (Rainer Sigl, 04.06.2018)

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      foto: agony
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