Wenn Nebengeräusche immer lauter werden

    3. Juni 2018, 19:38
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    Österreichs Fußballteam mausert sich weiter, Deutschland wurde in Klagenfurt geschlagen. Ob sich Cordoba damit erledigt hat, wird sich weisen. Die Euphorie nimmt zu

    Franco Foda hat sich kurz vor Mitternacht ein Glas Rotwein gegönnt. Der 52-Jährige hat trotzdem schlecht geschlafen, vielleicht hätte er eine Flasche vernichten sollen, aber dazu hat die Kraft gefehlt. "Der Fußball schreibt verrückte und außergewöhnliche Geschichten."

    Es gehört zur Jobbeschreibung eines Teamchefs, nüchtern zu bleiben. Am Sonntagvormittag – die österreichischen Elitefußballer hatten Klagenfurt verlassen, um kurz zu urlauben – ließ er die Geschehnisse Revue passieren. Die Spieler erhielten alle Freiheiten und keine Hausaufgaben. Da sie laut Foda "klar im Kopf sind", sind keine Abgängigkeitsanzeigen zu befürchten. Sie werden am Mittwoch selbstbewusst und motiviert in Bad Tatzmannsdorf erscheinen, um sich auf die Partie am 10. Juni in Wien gegen Brasilien vorzubereiten. Martin Hinteregger sagte: "Es kann wieder was sehr Gutes werden. Wir sind dabei, Euphorie zu entfachen."

    Lautstärke rauf

    Der Samstagabend in Klagenfurt, ein zumindest aus österreichischer Sicht historischer, euphorisierender Tag. Ein Sieg gegen Weltmeister Deutschland, im konkreten Fall ein 2:1, ist fast seltener als Schneefall in der Sahara. Es waren die vielen Nebengeräusche, die der Veranstaltung eine Lautstärke gaben. Aufgrund heftiger Gewitter, Hagel inklusive, stand die Austragung an der Kippe, erst mit knapp zweistündiger Verspätung konnte angepfiffen werden. Lob gebührt dem Rasen im Wörtherseestadion, solche Wassermassen muss man erst einmal schlucken.

    Nach neun Niederlagen wurde Deutschland geschlagen, der letzte Erfolg war 32 Jahre alt, ein 4:1 in Wien. Foda, ein Deutscher, hat die Heimat erledigt. Wäre er Inder oder Japaner, wäre es halb so berührend. Er ist mit fünf Siegen gestartet (davor Uruguay, Slowenien, Luxemburg, Russland), hat den Rekord des Duos Georg Schmidt / Felix Latzke (1982) eingestellt. Die ÖFB-Auswahl hält nun bei sieben Siegen in Serie, das hat bisher nur das Wunderteam geschafft (1933 bis 1934). Das sind die lauten Nebengeräusche. Wobei Foda sagt: "Wir müssen bodenständig und demütig sein."

    Überzeichnungen und die Kanzlerin

    Der gelernte Österreicher neigt zu Überzeichnungen. Deutschland ist eine Turnier-, keine Tagesausflugsmannschaft. Der Titelverteidiger bereitet sich in Eppan auf die WM vor, er war in Klagenfurt körperlich nicht auf der Höhe, vier der Besten (Hummels, Kroos, Boateng, Müller) sind in Südtirol geblieben. Natürlich wollte Trainer Joachim Löw nicht verlieren. "Ich bin enttäuscht, aber nicht tief besorgt. Das Wie hat mich irritiert. So viele leichte Ballverluste hatten wir noch nie." Kanzlerin Angela Merkel ist am Sonntag in Eppan erschienen, eine Form von psychischer Hygiene. Bester Akteur war übrigens Tormann Manuel Neuer, das erhöhte die Leistung der Österreicher zusätzlich.

    Cordoba, das 3:2 bei der WM 1978 in Argentinen, war in Deutschland maximal eine Randerscheinung, Klagenfurt wird nicht einmal das schaffen. Hierzulande war Cordoba zunächst Segen, dann penetranter Fluch. Wie sagte Marko Arnautovic: "Wir haben immer gehört, Cordoba, Cordoba. Jetzt heißt es Klagenfurt. Wir haben Cordoba zur Ruhe gebracht." Kapitän Julian Baumgartlinger relativierte, seine Augen zwinkerten dabei: "Historisch ist relativ. Wenn wir jetzt jedes Spiel gegen Deutschland gewinnen, ist es nicht historisch."

    Keine Streicheleinheiten

    Was 2011 unter Marcel Koller begonnen hat, wird unter Foda fortgesetzt und erweitert. Der Schweizer sprach oft von der "Wohlfühloase", er hatte es mit einigen Spielern zu tun, die bei ihren Vereinen nicht glücklich waren, kaum Einsätze hatten (Janko, Fuchs etc.). Koller baute sie auf, sie zahlten das Vertrauen mit Leistungen zurück. Wobei sich das sukzessive abgenützt hat.

    Foda steht eine selbstbewusste Truppe zur Verfügung. Viele sind Leistungsträger bei den Klubs, benötigen keine Streicheleinheiten. Sie treffen richtige Entscheidungen, Foda vermittelte Flexibilität in Anlage und Taktik. "Das Team ist wichtiger als das Ego. Obwohl ich nichts gegen Künstler habe." Das Reservoir ist groß, umfasst rund 40 Mann. Das Gros beherrscht mehrere Positionen, Alessandro Schöpf etwa, David Alaba sowieso. Die Trainer und Sportdirektoren der Bundesliga bewiesen Sachverstand, als sie Sturms Peter Zulj zum besten Spieler der Saison kürten. Der 24-Jährige war sowohl gegen Russland als auch gegen den Weltmeister eine enorme Bereicherung.

    Foda veranschaulichte der Journaille die Flexibilität, indem er Mineralwasserflaschen auf einem Tisch hin und her schob. "Wir waren griffig, aggressiv, hatten super Balleroberungen. Im Fußball ist an einem Tag alles möglich. So ein Spiel gibt Stärke." Ob sich Brasilien nun fürchten muss? "Es kommt auf den Tag an." (Christian Hackl, 3.6.2018)

    • Braucht keine Streicheleinheiten im Repertoire: Teamchef Franco Foda
      foto: apa/expa/johann groder

      Braucht keine Streicheleinheiten im Repertoire: Teamchef Franco Foda

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