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Video4. Juni 2018, 11:00

Ende Mai 1968 trafen einander mehrere kluge Köpfe im Hotel Hilton in Midtown Manhattan zu einer dreitägigen Konferenz. Sie waren von der Foreign Policy Association (FPA) eingeladen worden, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Der ambitionierte Plan lautete, die Gäste sollten nicht weniger als 50 Jahre nach vorn blicken.

Unter den Autoren eines später herausgegebenen Sammelbands zur Konferenz mit dem Titel Toward the Year 2018 waren immerhin John R. Pierce, Direktor der Bell Labs, der Kybernetiker und Stratege Herman Kahn, bekannt für ziemlich absonderliche Ideen wie die Weltuntergangsmaschine, der Klimaforscher Thomas Malone und schließlich der Linguist und Computerwissenschafter Anthony Oettinger.

Kernreaktoren würden fossile Brennstoffe in der US-Energieproduktion verdrängen, hieß es da, was aufgrund des damaligen Booms der Atomkraftwerke nicht weiter überraschend ist. In einem anderen Text wurde ein Kontrollmechanismus für Blitze vorhergesagt – bis heute ist er freilich nicht umgesetzt worden.

foto: gettyimages
Barbarella, SF-Heldin des Jahres 1968.

Auch von Roboterkriegen war die Rede. Damit war man in Sachen Absurdität nicht allzu weit vom später uraufgeführten Film Barbarella mit Jane Fonda in der Titelrolle entfernt. Die Science-Fiction-Heldin nach einem gleichnamigem Comic muss hier in ferner Zukunft einen "crazy scientist" daran hindern, mit einer Laserwaffe den galaktischen Frieden zu gefährden.

Computer im Alltag

Realistischer war da schon die Ausführung, wie Computer den Alltag verändern würden. Bei der Lektüre des Beitrags findet man sich in die Gegenwart versetzt. Wie das Magazin New Yorker kürzlich kommentierte: "Informationsnetze, die über tragbare Geräte und eine allgegenwärtige Telefonie zugänglich sind? Es ist alles drin." Wissenschafter wie der erwähnte Anthony Oettinger warnten allerdings davor, die Lösung menschlicher Probleme von der Technik und einem Informationsnetz zu erwarten.

Derartige Töne las man in den 1960er-Jahren selten, wenn es um Fortschritt ging. Die durchwegs technologieeuphorische Grundstimmung der 1950er-Jahre war schon 1961 vom damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy weiter gefördert worden. Sechs Wochen nach der ersten Umrundung der Erde durch den Sowjetrussen Juri Gagarin hatte er versprochen, dass die USA bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann zum Mond schicken würden. Er wirkte dabei wie ein Technologiepriester in der Kanzel.

theapollo11channel

Die Welt vernahm aufmerksam die "Predigt" und ihre Botschaft: Das große Ziel musste erreicht werden, dafür machte man viel Geld flüssig – bis zum Ende der Apollo-Missionen 1973 waren es laut Nasa 20 Milliarden US-Dollar. Der Erfolg gab ihnen recht: Am 20. Juli 1969 landete Apollo 11 auf dem Mond. Neil Armstrong war tags darauf der erste Mann auf dem Trabanten.

Die technologische Führerschaft als Symbol für die Überlegenheit des eigenen Systems: Trotz dieses offenkundigen politischen Ziels, war man in den USA und in der übrigen westlichen Welt überzeugt davon, dass technischer Fortschritt unzweifelhaft immer und ausschließlich Wohlstand für die Menschen bringt – mögliche Folgen für die Gesellschaft wurden jahrelang ignoriert oder wegdiskutiert. Es war die Blütezeit des Autos, die Technik wurde von einem Großteil der Politiker, Wirtschaftstreibenden und einfachen Leute sogar als Heilsbringer gesehen. Fliegen wir zum Mond, dann können wir auch den Krebs heilen, hieß es damals im Volksmund.

foto: gettyimages
Präsentation der Boeing 747.

Die gedankenlose Nutzung solcher Technik zeitigte aber schon seit längerer Zeit Folgen. Europäische Gewässer wie der Rhein trugen Schaumkronen von der hohen Konzentration an Waschmittelrückständen. Die rauchenden Schlote der Fabriken, in den 1950er-Jahren noch ein Symbol für Prosperität, wurden zusehends zu einem Problem, man fürchtete die Luftverschmutzung und in der Folge verstärkte Wolkenbildung und eine Abkühlung des Klimas. Ähnliche Szenarien malte man sich nach einer atomaren Katastrophe aus. Das Schlagwort vom "nuklearen Winter" wurde allerdings erst 1983 in der sogenannten TTAPS-Studie gebraucht: die Verdunkelung der Erdatmosphäre als Folge eines Atomkriegs. TTAPS ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Wissenschafter, die die wissenschaftliche Arbeit vorlegten.

Wachsendes Umweltbewusstsein

Im wachsenden Umweltbewusstsein wurden Ende der 1960er-Jahre aber auch Fragen gestellt, die heute noch Gültigkeit haben: Sind die Ressourcen der Erde endlos verfügbar? Nicht zufällig wurde damals der Club of Rome gegründet, der seine ersten Berichte über eine nachhaltige Zukunft der Menschheit publizierte.

Im Jahr 1972 schließlich erreichte ein Expertengremium weltweite Aufmerksamkeit mit dem Bericht Die Grenzen des Wachstums, den man in der euphorischen Stimmung der frühen 1960er-Jahre wahrscheinlich noch nicht für möglich gehalten hätte. Eine heute noch wirkungsvolle Bilderserie, ausgerechnet bei einer Raumfahrt Ende 1968 aufgenommen, wurde zu einem Sinnbild der Vergänglichkeit der Erde.

Die Astronauten der Apollo 8 nahmen die Bilder zuerst in Schwarzweiß, später in Farbe mit einer Hasselblad-Kamera auf. Die Erde scheint im Hintergrund der Mondoberfläche aufzugehen. "Sie schwebt wie ein Flugkörper im All", wie Helge Torgersen vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) meint.

foto: nasa
Symbol der Vergänglichkeit der Erde: "Earthrise", ein aus der Apollo 8 im Jahr 1968 aufgenommenes Bild.

Dass man mit Technologie gerade in der Raumfahrt nicht alles erreichen konnte, war kritischen Beobachtern des Wettlaufs zum Mond sicher schon bewusst. Im Jahr 1967 waren während eines katastrophalen Tests drei US-Astronauten in einer Kapsel auf dem Boden erstickt. Und der im Frühjahr 1968 uraufgeführte, inzwischen legendäre Science-Fiction-Film 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick nach einem Roman von Arthur C. Clarke zeigte auch eine technologiekritische Haltung: Als die Astronauten den Bordcomputer HAL seiner Fehler überführen, müssen sie seine Allmacht über die Mission erkennen.

Die "Mutter aller Demos"

Natürlich war 1968 auch ein Jahr der Errungenschaften und Durchbrüche. Im September präsentierte Boeing den berühmten Jumbojet Modell 747, die erste Computermaus wurde in der "Mutter aller Demos" präsentiert, sie wirkte damals verhältnismäßig klobig.

foto: picturedesk
Die erste Computermaus wurde 1968 vorgestellt.

Es gab große Erfolge in der Medizin, Christiaan Barnard führte die zweite erfolgreiche Herztransplantation durch. Nur der Traum von der Heilung des Krebses, der in der damaligen Zeit stark ins mediale Bewusstsein rückte, konnte nicht realisiert werden. Torgersen: "Weil es nicht den einen Krebs gibt, sondern eine Vielzahl von Tumoren."

Nachweis der Quarks-Teilchen

Das Jahr 1968 war auch das Jahr großer Entwicklungsschritte in der Teilchenphysik. Wissenschafter konnten die zuvor theoretisch postulierten Quarks nachweisen, wie Jochen Schieck, Direktor des Instituts für Hochenergiephysik (Hephy) der ÖAW, erzählt. Diese Elementarteilchen sind im Standardmodell die Bestandteile, aus denen die Protonen und Neutronen zusammengesetzt sind. Am europäischen Kernforschungszentrum Cern gelang schließlich auch dem polnisch-französischen Physiker Georges Charpak ein großer Schritt in der Technologieentwicklung.

Er baute, wie Schieck erzählt, einen neuen Teilchendetektor, mit dem eine Million Mal mehr Spuren aufgezeichnet werden konnten als davor. Das waren Entwicklungsschritte, die damals in der wissenschaftlichen Community bewundert wurden, aber von einer breiten Bevölkerung nahezu unbeachtet blieben.

Ganz anders verlief das mit Errungenschaften, die sofort Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nahmen: Papst Paul VI. zum Beispiel versuchte mit einer "Pillenenzyklika" die sexuelle Revolution aufzuhalten, die die Antibabypille unterstützte. Doch selbst die nachdrücklichste Predigt konnte die gesellschaftlichen Umbrüche nicht mehr aufhalten. Das Jahr 1968 war nämlich vor allem das Jahr der Umwälzungen. Das hatte ganz bestimmte Gründe.

An die "endlose Grenze" schicken

Nach dem Krieg gab es viele Ingenieure und Wissenschafter, die die Nazizeit nicht unpolitisch verbracht hatten. Da beschrieb der US-amerikanische Computerpionier Vannevar Bush eine Idee: sie an die "endlose Grenze" schicken, wo sie gemäß dem amerikanischen Mythos des "Pioneer" den Wissensstand immer weiter vorantreiben und damit einer prosperierenden Wirtschaft die Grundlage liefern sollten. Bald brauchte man wieder kreative Köpfe für den Wettlauf der Waffen im Kalten Krieg, später für die großen Prestigeprojekte in der Raumfahrt und der Energiegewinnung.

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Ein bekanntes Beispiel: Wernher von Braun, Raketenpionier der Nazizeit, Wegbereiter der US-Raumfahrt. Laut Torgersen waren Menschen wie er das stärkste Feindbild der 1968er-Bewegung. Das Establishment habe sich damals hauptsächlich aus "alten Nazis" zusammen. "Das wird heute zu einem Großteil gern vergessen", kritisiert Torgersen. So sei das Jahr 1968 eine Zeit längst fälliger Aufarbeitungen und Umbrüche gewesen – kulturell, gesellschaftlich und technologisch. Die sogenannte Aufbaugeneration nach dem Zweiten Weltkrieg wurde abgelöst.

Oder wie die Beatles in ihrem damals veröffentlichten Song Revolution sangen:

"You say you want a revolution / Well, you know / We all want to change the world / You tell me that it's evolution / Well, you know / We all want to change the world." (Peter Illetschko, 4.6.2018)